Bargfeld

arno 2

Foto: Elfie Voita

Er kann sich ja nicht mehr dagegen wehren, dass Menschen durch seinen Garten laufen, sein Haus betreten und schließlich sogar in seinem Arbeitszimmer stehen. Gemocht hätte er es nicht, ach was, er hätte es schlicht nicht zugelassen. Aber er kann es nicht mehr verhindern, er liegt draußen im Garten unter einem Findling, gemeinsam mit seiner Frau Alice. ARNO SCHMIDT. Anders dürfte man diesen Namen gar nicht schreiben. Jedes Mal, wenn ich eines seiner Bücher lese, wieder lese, erwischt er mich. Diese Sprache, dieser Humor, auch diese Haltung, letztlich aber doch die Sprache: Was für Sätze, was für Wörter. Ein Künstler, der sich seiner Kunst sehr wohl bewusst war. Und dessen Kunst doch fast schon vergessen ist. Nicht bei uns Alten, jedenfalls nicht bei denen, die ich kenne. Dafür sorge ich schon. Die Jungen hingegen? Vorwerfen kann man es ihnen nicht. Es ist nicht ihre Zeit, mit der er ringt, es sind nicht ihre Politiker, die er angeht, nicht ihre Gespenster, die er vertreiben will.

Ich musste nach Bargfeld. Einmal musste es sein. Vielleicht reicht einmal. Überraschenderweise ist es Alice, die plötzlich realer, vorstellbarer wird, deren Leben an der Seite des hadernden Genies in der Einsamkeit des Dorfes, die Enge, auch die Not, die beide lange ertragen mussten, weil er sich für seinen Weg entschieden hatte, mit aller Radikalität und ohne Rücksicht auf wen auch immer. Schon gar nicht auf sich, aber eben auch nicht auf Alice.

Dann steht man da, an seinem Schreibtisch, vor seinen Bücherregalen – wie der Elvis-Fan in Graceland. Zum Glück gibt es keine Souvenirs, keinen Arno-Schmidt-Autoaufkleber und keine gerahmten Zitate. Gleich außerhalb des eingezäunten Geländes deutet nichts mehr darauf hin, dass hier einer der größten Autoren der Nachkriegszeit gelebt und gearbeitet hat. Unfassbar.

Übrigens schaue ich bei Buchhandlungen prinzipiell nach, ob irgendetwas von Arno Schmidt im Regal steht. Wird bestimmt nicht oft gekauft, aber wenn jemand danach fragt, darf es nicht sein, dass er ohne Buch weggeschickt wird.

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16 Gedanken zu “Bargfeld

  1. Pingback: Vier zu eins | Manfred Voita

  2. In den 60er- und 70er Jahren hatte Arno Schmidt mit seinem trockenen Sprachwitz die „Doofheit einer Epoche“ repräsentiert. Heute ist er ein „Vergessener“. Die Massstäbe des Kulturbetriebs richten sich halt nicht immer nach Wortkünstler.

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    • Nein, es ist der Umsatz, es muss was Neues her, etwas, das noch keiner hat, das möglichst alle haben wollen. Das gilt nicht nur für Schmidt, das gilt für praktisch alle kulturellen Erzeugnisse – mit Ausnahme der bildenden Künste vielleicht.

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      • Mir ist ja dieser verkauzte Bücher- und Stubenmuff bei Arno Schmidt, wenn er aus wachsendem Mangel an Welt im All seiner Wortprovinz verschwindet, immer noch hundertmal lieber als einen Haufen neuer Bücher, in denen es zugeht wie im Kino.

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      • Bargfeld habe ich (noch) nicht gesehen. Aber ich war bei der AS-Ausstellung in Marbach 2006. Und auf dem Rücken des außergewöhnlichen Beiheftes steht: „Haideschrat“ war er, laut Öffentlichkeit. Tja.;-)

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  3. In seinem Arbeitszimmer stand ich noch nicht, aber vor dem Haus.
    Wir haben da ganz in der Nähe Urlaub gemacht. Ich denke nicht,
    dass er in Gefahr ist, vergessen zu werden. Aber solche Literatur
    wurde und wird immer nur von einem kleinen Zirkel gelesen. Das
    war so und das wird so bleiben…nichts zum schnell konsumieren.

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    • Von Darmstadt nach Bargfeld umgezogen, stellte Arno Schmidt bald erfreut fest: „Ich sehe von meinem Schreibtisch aus den Mond aufgehen! Was das für mich bedeutet, davon machen sich wenige Menschen einen Begriff.“ – Und noch was aus dem Regal: „Ich bilde mir nicht mehr ein, stellvertretend für eine auch nur einigermaßen ansehnliche Minderheit von 5% zu sprechen.“ (1962 gegen Adenauer und Wiederbewaffnung)

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  4. Hast du Arno Schmidts Schreibmaschine gesehen? Bin gerade auf der Suche nach Hinweisen, welches Fabrikat er benutzt hat. Die Typoskriptseiten von Zettel’s Traum sind ja DIN-A3 groß. So ein Format passt nicht in eine gewöhnliche Reiseschreibmaschine.

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    • Man erinnert sich an tausend Details. Ich habe die Ausstellung in Marbach besucht, eine in Celle gesehen und das Haus in Bargfeld. Also habe ich mindestens drei Mal die Schreibmaschine/n gesehen, aber ich habe keine Fotos davon und keine eigene Erinnerung daran. Aber ich habe mal in meinen Regalenr gesucht und dann passende Links rausgesucht:
      https://www.hna.de/netzwelt/schreibmaschinen-boom-seit-nsa-spaehaffaere-zr-3714786.html

      Das ist eine Adler, wie ich im Bildband Bargfeld sehen konnte.

      In der neu erschienen Bildbiographie ist auf Seite 386 eine weitere Schreibmaschine abgebildet, ebenfalls eine Adler, dort sieht man auch die eingespannte Seite.


      Das ist eine Torpedo (das Typenschild: WT)

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  5. Vielen Dank, Manfred. Ich hatte ein kleineres Foto gefunden, worauf das Typenschild nur zu ahnen war. Bei Zettel’s Traum hat Schmidt zwei verschiedene Schreibmaschinen benutzt, später eine mit kleinerer Schrifttype, vermutlich die von dir genannte Torpedo. Falls es dich interessiert, hier eine aufschlussreiche Beschreibung der Probleme beim Satz von Zettel’s Traum durch den Typografen Friedrich Forssmann:
    http://www.hundertvierzehn.de/artikel/arno-schmidts-sp%C3%A4twerk-setzen_157.html

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