Verstimmt

Und noch einmal ein Beitrag aus dem Jahr 2015. Da gerade wieder Wahlen anstehen, hat er vielleicht noch ein wenig Aktualität.

Von CDU – Diese Datei wurde Wikimedia Commons freundlicherweise von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen eines Kooperationsprojektes zur Verfügung gestellt.Deutsch | English | français | македонски | русский | +/−, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30246831

 

Die ganz große Koalition – bestehend aus allen im Bundestag vertretenen Parteien und auch denen, an die wir uns gerade noch erinnern können – lauschte ins Land hinein: Und hörte nichts. Wo waren sie geblieben, die Stimmen derer, die sonst so bereitwillig gewählt hatten, was ihnen als alternativlos angeboten, vielleicht sogar angedroht worden war?

Da blickten die Volksvertreter kurz von ihren wohlgefüllten Futtertrögen auf und fragten sich, was… nein, nicht was das zu bedeuten hätte, sondern was man dagegen tun könne. Dem Generalsekretär der christlichsten aller Parteien erschien die Zurückhaltung der Wählerschaft als ein Vertrauensbeweis, als ein Zeichen dafür, dass man alles ganz genau so haben wolle, wie es sowieso bleiben würde. Dem mochten sich nicht alle anschließen, einige meinten sogar, es müsse sich vieles ändern, damit alles so bleiben könne… oder so ähnlich jedenfalls. Und die Ideen sprudelten: Rund um die Uhr wählen können, Wahllokale im Supermarkt, elektronische Stimmabgabe, Wahlpflicht… egal: Legitimiert uns, denn wenn ihr uns nicht wählt, können wir nicht mehr sagen, ihr habt es ja so gewollt.

Und wie ich ihnen so lauschte, da übermannte mich eine große Müdigkeit, möglicherweise gar eine Wahlmüdigkeit und ich träumte davon, wie sich der Wahlomat verselbstständigte und mit all den Daten, die wir bei Facebook, Amazon, der Stadtverwaltung, dem Finanzamt und der Kneipe an der Ecke hinterlassen hatten, eigenmächtig Wahlentscheidungen traf und dafür nur eine kleine Gebühr von unserem Paypal-Konto abbuchte, auf dessen Daten er selbstverständlich auch zugreifen konnte. Und als ich aufwachte, war ich enttäuscht, denn auf das Wahlergebnis wäre ich wirklich gespannt, zum ersten Mal seit vielen Jahren.

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13 Gedanken zu “Verstimmt

  1. Auch Peter Handke hat einen „Versuch über die ‚Müdigkeit'“ gemacht, – und liegt hier nicht auch der Anfang des „Gähnomats“ aller Wahlen? Ich denke: ja. „Rund um die Uhr wählen können, Wahllokale im Supermarkt, elektronische Stimmabgabe, Wahlpflicht“ – es würde nichts ändern, da die angestammten Parteien ja schon alles ändern wollen, jedenfalls wenn sie zur Wahl antreten zu Sachen, die sie in der letzten Legislaturperiode eben nicht geändert haben. – Tja.

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