Von Hunden lernen

Conrad von Soest [Public domain], via Wikimedia Commons

Wie klug die Welt doch eingerichtet ist und wie schön die einzelnen Ereignisse, Menschen und Tiere miteinander wirken, um die seltsamsten Erkenntnisse hervorzubringen.

Gestern saß ich am Tisch und sprach mit meiner Frau, als ich, ich weiß nicht warum, meine Brille abnahm und vor mir auf den Tisch legte. Sogleich spürte ich, dass da etwas in meinem Auge, genauer in meinem Augenwinkel saß, etwas, das dort nicht hingehörte. Behutsam strich ich mit dem Zeigefinger über die besagte Stelle und fand sogleich einen unförmig großen Brocken, den ich leicht entfernen konnte und vor mir auf den Tisch fallen ließ. Ein Stück Kunststoff und Metall. Ein Pad, wie ich inzwischen weiß, von denen zwei dafür sorgen, dass die Brille ordentlich sitzt und nicht zu sehr auf die Nase drückt.

Folglich musste ich zum Optiker, kam aber nicht gleich an dran, weil eine Kundin noch den ein oder anderen Wunsch hatte. Also sah ich mich im Laden um, wo ein älterer Herr, hmm, vielleicht war ich sogar älter? Ich denke von mir nämlich immer noch nicht als von einem älteren Herren, aber egal.

Da saß also ein Mann und ließ seine Brille begutachten, vielleicht auch eine neue anfertigen und während das geschah, hockte seine Hund neben ihm auf dem Boden, also der Mann saß nicht auf dem Boden, der saß schon auf einem Stuhl, der Hund hingegen saß unten. Zwischenzeitlich schaute ich mich im Laden um, entdeckte eine fehlende Glühbirne, Spuren eines früheren Schriftzuges, den man nur unvollständig hatte entfernen können und hörte ein tiefes Brummen.

Nanu, dachte ich, dieser kleine Hund? Ich betrachtete ihn genauer und war beeindruckt. Nun kenne ich mich mit Hunderassen nicht sonderlich aus, aber ich nehme an, dass er auch keiner dieser Rassen zuzuordnen war, also eine Art Dackel mit langen, dünnen Beinen und in den Farben eines Rottweilers, während der Kopf mehr an einen Pinscher denken ließ. Bald allerdings ließ meine Begeisterung nach, denn es war der Mann, der dieses Brummen hervorbrachte.

Doch sogleich fesselte mich jener Hund erneut, denn nun legte er seinen Kopf dekorativ auf die Vorderpfoten, mit diesem Blick zur Seite, der ein generelles Desinteresse für die Welt und die Anwesenden im Besonderen zum Ausdruck bringt. Dabei ließ er aber seine Hinterteil aufgerichtet, stand also hinten, während er vorne lag, und das sah wirklich selten dämlich aus.

Dann aber verstand ich, was die Welt, der Hund oder wer auch immer mir mit diesem Bild mitteilen wollte: Der Hund bettet den Kopf zur Ruhe, während er der Welt den Hintern entgegen reckt. Wie oft aber ist es bei uns Menschen nicht so, dass wir es in unseren Köpfen mit der ganzen Welt aufnehmen, den Hintern aber nicht hoch kriegen?

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8 Gedanken zu “Von Hunden lernen

  1. Ein schönes Bild. Oft gesehen, aber nie in diesen Zusammenhang gebracht. Sehe ich das nächste Mal einen Hund in dieser Haltung, werde ich wahrscheinlich an andere, menschliche Haltungen oder eben menschliches Verhalten denken.

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  2. Jetzt würde ich, der von Hunden absolut nichts versteht, behaupten, also, rein instinktiv behaupten, dass hinter dem Hund beziehungsweise hinter dem Hintern des Hundes nur noch die Wand war, auf keinen Fall aber sich ein Mensch oder gar ein anderes Tier befand, denn sonst hätte der Hund in meinen Augen sehr unvorsichtig gehandelt, was ich hier nicht weiter erörtern möchte …
    Das gilt wohl auch für den Menschen. Hintern noch, gut und schön, aber bitte, mit Bedacht … 🙂

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  3. Wie wichtig ein Pad ist – bin auch Brillenträger – erweist sich stets bei den Schlußabsätzen. Ohne Zwicken und Zwacken bis dahin gelesen, hat man das mit Brummen unterlegte spektakuläre Schlußbild noch besser vor Augen!

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