Der Boss lässt sprechen

Von Helge Øverås – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3474124

Ja, ich weiß, ich hätte es ja nicht hören müssen. Aber nun ist es zu spät für gute Ratschläge. Ach so, was ich da gehört habe? Born to run, die Bruce-Springsteen-Autobiografie, gelesen von Thees Uhlmann.

Ich mag Thees Uhlmann, weiß nicht, wieso. Vielleicht ist es das Norddeutsche, das Eckige, das Unglamouröse. Ja, bestimmt sogar, denn von seiner Musik bin ich meistens ein kleines bisschen enttäuscht. In einem Kulturmagazin erzählte er, wie begeistert er davon war, Springsteen für das Hörbuch lesen zu dürfen. Schön, dass wenigstens er Spaß daran hatte. Oh, er macht das nicht schlecht, jedenfalls wenn man das Norddeutsche, Eckige und Unglamouröse mag.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass man mehr aus den Texten rausholen kann, dass man mit breiter Brust und großer Klappe antritt, um dann an den entsprechenden Passagen auch mal weinerlich zu werden. Denn das ist Springsteen eben auch alles. Großkotzig, moralisch, religiös, Selfmademan, Millionär, Sohn, Vater, Ehemann. Ach ja, Rockstar hätte ich fast vergessen.

Und Amerikaner. Nein: AMERIKANER. Das kann man ihm nicht vorwerfen, aber Amerikaner sind tendenziell amerikanisch. Und das ist mir oft eine Spur zu dick, zu viel Botschaft, zu viel Gefühl und zu viel harte Arbeit. Zugegeben, das hat ihn groß gemacht. Und er hat einige richtig großartige Songs geschrieben, hat in vielerlei Hinsicht einen sehr schonungslosen Blick auf die amerikanische Realität und erzählt eine Geschichte einer Generation, die mit Rockmusik aufgewachsen ist.

Aber da ist eben auch der Boss, und nach diesem Hörbuch weiß ich, dass er sich auch so sieht, dass er der Chef ist und seinen Leuten sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Da ist nichts mit innerbetrieblicher Mitbestimmung und Betriebsrat. Und wenn er den Laden für zehn Jahre zumacht, dann ist das eben so. Ich will das nicht kritisieren, das ist natürlich ein Teil seiner künstlerischen Entwicklung, die ihm zugestanden sein soll, so wie auch Picasso in seinen Beziehungen zu Frauen ein Arsch war, aber dennoch ein genialer Künstler. Nur: Springsteen verklärt das, sieht sich umgeben von Soldaten, Helfern und Freunden. Vielleicht kann man das nicht anders sehen, vielleicht kann er da nicht aus seiner Haut. Springsteen öffnet sich für seine Fans, erzählt uns seine Geschichte und seine Weltsicht.

Ich habe mir das Hörbuch bis zum Schluss angehört, das spricht für das Buch. Aber ich hatte gerade auch nichts anderes vor.

Advertisements

6 Gedanken zu “Der Boss lässt sprechen

  1. Springsteen, so sagt man, hätte viele tolle und großartige Songs. Sorry, erwidere ich, aber leider habe ich noch nicht mal Mittelmäßiges von ihm gehört. Da Geschmäcker bekanntlich wie Ohrfeigen sind, ist Springsteen für mich wie eine Riesen-Watsch’n … 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Dein Eindruck wie du ihn aus der Autobiografie gewonnen hast, entspricht exakt seiner Musik, zu bombastig und keine Subtilität im Gesang. Als Springsteen Mitte der 70-er im Radio auftauchte, habe ich mich gewundert: Aus welchem Loch ist der denn gekrochen? Schön für ihn, dass er den gesellschaftlichen Aufstieg geschafft hat. Ich habe weder seine Musik gekauft noch wollte ich jetzt die Autobiografie lesen. Wie schwer der Aufstieg ist, weiß ich selbst.

    Gefällt 1 Person

  3. Latürnich: Born in the USA, einfach groß hingesungen und mag ich. Auch politisch eher ein Sympath, der Springsteen, aber auch nur ein Ein-Lied-Mann, für mich. Dein Lektüre- und Höreinblick spricht wohl auch dafür. „Das Norddeutsche, Eckige und Unglamouröse“ – das dreieinige Ei – liegt mir eher; also ein Tomte drauf!

    Gefällt 1 Person

    • Was mir gefällt, dass ist die Suche nach dem Sound, die Entschlossenheit, etwas zu finden, was es so nicht gibt. Letztlich unterscheidet er sich dadurch von vielen anderen, die immer davon reden, mal ganz groß zu werden, ihr Buch zu schreiben, die Platte zu machen oder was auch immer. Springsteen zeigt – und das weiß er auch – das Ehrgeiz und Arbeit unerlässlich sind, wenn etwas passieren soll. Er übertreibt es nur mit dem Ehrgeiz und der Arbeit.

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s