Gestalttherapie

„Hast du schon eine Idee, als was du nächstes Jahr gehen möchtest?“ hatte mich die Frau gefragt, die ich bei der Prunksitzung der Schwarzgelben Funken kennengelernt hatte. Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht, ich entschied das immer sehr kurzfristig. Aus Gründen, die ich selbst nicht mehr nachvollziehen kann, antwortete ich dennoch ganz spontan. „Als Einhorn!“ Sie hatte mir später auf mein alkoholinduziertes Drängen hin sogar ihre Telefonnummer gegeben, aber ich war nicht dazu gekommen, sie auch anzurufen. Ehrlich gesagt, ich hatte nicht einmal darüber nachgedacht. Ich erinnerte mich kaum daran, wie sie ausgesehen hatte. Eine Maske, irgendwas mit viel Glitzer und Silber, kleine Flügel auf dem Rücken, eigentlich ganz niedlich.

Das Päckchen, das ein Jahr später, die Prunksitzung stand kurz bevor, an meiner Türklinke baumelte, überraschte mich deshalb schon sehr. Keine Paketmarke, kein Hinweis auf irgendeinen Paketdienst. Vielleicht hatte sie es selbst gebracht, möglicherweise gehofft, mich anzutreffen. Puh, gerade noch mal Glück gehabt. Dass es von ihr kam, war mir sehr schnell klar gewesen, denn es enthielt ein Einhornkostüm und eine kleine Flasche, die mit „Einhorn-Elixier“ beschriftet war. „Jede Menge Prozent“ stand darunter. Fast hätte ich zum Telefon gegriffen, um mich bei ihr zu bedanken, denn natürlich hatte ich noch keine Idee, wie ich mich verkleiden wollte. Dieses Problem war also gelöst, das Vorglühen auch. Na, vielleicht, so dachte ich mir, begegnet sie mir ja bei der Prunksitzung – und erkennt mich trotz, oder gerade wegen meiner Verkleidung.

Das Kostüm passte perfekt und am Abend der Prunksitzung nahm ich einen ordentlichen Schluck aus dem Flachmann, dem mit dem Einhorn auf dem Etikett.

Mit blieb die Luft weg, das war ja mal ein Hammer. Mit Tränen in den Augen sah ich mir die Flasche noch einmal genauer an. Keine Herstellerangaben, keinen Hinweis auf die Zusammensetzung, nur ein kleingedruckter Text: „Wegen der Nebenwirkungen wenden Sie sich bitte an eine Jungfrau Ihres Vertrauens.“ Ein Viagra-Cocktail? Na, jetzt war es eh zu spät, ich machte die Flasche leer und mich dann auf den Weg. Erst widerstand ich noch der Neigung, mich auf allen Vieren fortzubewegen, aber schließlich gab ich dem Drang nach, fühlte mich gleich viel sicherer und es passte doch auch ganz wunderbar zu meinem Kostüm, das wirklich wie angegossen saß. Wie perfekt, das merkte ich erst, als ich am Eingang meine Eintrittskarte aus der Innentasche holen wollte. Da war kein Reißverschluss, da waren keine Knöpfe, da war nur milchweißes Fell.

Der Typ von der Security schob mich in den Saal, ohne meine Karte gesehen zu haben, vielleicht hatte er mich an der Stimme erkannt, vielleicht wollte er sich auch einfach nicht mit einem Typen mit so einem mächtigen Horn anlegen.

Mein Weg führte mich sofort zur Toilette, wo ich mich, die Hufe auf das Waschbecken gestützt, im Spiegel betrachtete. Ein Einhorn. Kein Kostüm mehr, wie noch vorhin, als ich mich zuhause umgezogen hatte, nein, eine vollständige Verwandlung. Ich hatte ja schon von einem jungen Mann gelesen, der morgens als Käfer erwacht war, aber das mir so etwas passieren könnte, nein. Eine Träne kullerte ins Waschbecken und ein riesenhafter Gorilla, der sich nebenan die Hände wusch, beeilte sich, den Raum zu verlassen.

Alle möglichen Gedanken rasten durch meinen Kopf, Wälder und Löwen und was ein Einhorn eben so denkt. Nur mit viel Mühe gelang es mir, mich auf meine eigenen Ideen und Gedanken zu konzentrieren. Verhext oder, um es freundlicher auszudrücken, verwunschen. Und die Lösung meines Problems kannte ich auch schon, sie hatte auf der Flasche gestanden. Der Kuss einer Jungfrau. Das sollte doch wohl kein Problem sein, schließlich war Karneval. Ich stürzte mich ins Geschehen, in den dichtesten Trubel.

Die von den Funkenmariechen großzügig von der Bühne geworfenen Bützchen funktionierten nicht, war ja klar. Dann sah ich sie, glänzend, so strahlend, dass man hätte glauben können, dass alles Licht im Saal von ihr ausging – aber vielleicht war es ja nur mein dummer Einhornschädel, der mir das vorgaukelte, der mich alles andere vergessen ließ. Wenn ein Einhorn sich auf den Weg macht, das können Sie mir glauben, dann gibt es nicht viel, was sich ihm in den Weg stellen könnte. Ich nehme an, dass es niemand versuchte, jedenfalls stand ich fast augenblicklich vor ihr, neigte den Kopf und unterwarf mich.

„Na da bist du ja endlich.“ sagte sie und erst als ich ihre Stimme hörte, wusste ich, dass sie es war, sie, die ich vor einem Jahr an diesem Ort getroffen hatte und sie, die mir, ich war mir da sehr sicher, dieses vermaledeite Kostüm auf den Leib geschneidert hatte.

„Soll ich dich küssen?“ flüsterte sie mir ins Ohr und mein Fell sträubte sich, eine gänzlich neue Erfahrung für mich, die ich noch nicht so recht einzuordnen wusste.

Die Frage, die ich nun stellen würde, war einigermaßen unhöflich, aber leider unvermeidlich.

„Bist du denn Jungfrau?“

Sie lachte leise. „Warst du es denn nicht, der mich anrufen wollte – und der es bis heute nicht geschafft hat?“

Dann küsste sie mich und ich schwöre, dass ich im gleichen Moment in dem großen Spiegel, der uns gegenüber an der Wand hing, sehen konnte, wie sich glanzvoll ein Prinz aus dem Einhorn schälte, formvollendet eine Verbeugung vor der Schönen machte… dann aber bekam ich den Kopf nicht mehr hoch, sank zu Boden und hüpfte als Frosch aus dem Saal.

Falls Sie also Prinzessin sein sollten und dazu neigen, mit goldenen Bällen zu spielen: Ich gebe Ihnen gern die Adresse meines Brunnens.

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11 Gedanken zu “Gestalttherapie

  1. Küßt die einhornfixierte Jungfrau den Frosch kurz nach einem in den Brunnen gefallenen goldenen Löffel aufs Auge: dann ist auch in meinem geliebten wahlheimatlichen Westfalen eine Karnevalsheimat. Nur Schwarz-Gelb tauschte ich in Lila-Weiß um. 😉

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  2. Mir der Einhorn-Problematik bereits in jüngsten Jahren bewusst, welche die Erwartungshaltung der Damen ins schier Unermessliche steigert, entschied ich mich relativ früh für den Auftritt als Eisenbahnschaffner und kontrolliere seit dem die Fahrscheine. Aber, wie man’s macht, es ist falsch. Die Prinzessinnendichte in den Öffentlichen, muss ich sagen, ist eine lausig niedrige … 🙂

    PS: Toller Text

    Gefällt 2 Personen

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