Moore & more

Henry Moore: The Archer, Foto Beek100 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Henry Moore ist in Münster. Also eigentlich nicht. Er ist tot und vermutlich in England bestattet. Vermutlich, das schreibe ich nur, weil ich es nicht weiß, nicht, weil man nicht weiß, ob er bestattet wurde. Da fällt mir natürlich Rahel Varnhagen von Ense wieder ein, die nicht bestattet werden wollte, jedenfalls nicht in einem Grab. Erst 34 Jahre nach ihrem Tod wurde sie schließlich begraben. Und wusch… da wird der Assoziationsgenerator auch schon wieder angeworfen. Bestattung – Knochen. Unangenehmes Thema? Gut, Mittagessen – Knochen. Oder meinetwegen auch im Biologieunterricht. Knochen waren wohl eine Anregung für Henry Moore, sich von der naturalistischen Plastik zu lösen und doch Bezüge zum menschlichen, in der Regel wohl weiblichen Körper zu behalten. Feuersteine haben ihn auch inspiriert.

Manchmal geht es mir so, dass ich Kunst besser sehe und auch besser verstehe, wenn sie mir in einem Vortrag nahegebracht wird. Manchmal sagt mir moderne Kunst auch nichts. Muss sie ja auch nicht.

Offenbar gibt es da beim Zugang ein Zeitproblem. Es müssen immer erst fünfzig Jahre vergehen, bevor Kunst eine Breitenwirkung entwickelt. Die Künstler müssen tot sein, am besten verhungert, damit wir uns eine romantische Verfilmung ihrer Lebensgeschichte und ihre bedeutenden Werke anschauen. Wenn der Künstler nicht mehr spricht, spricht sein Werk, so vielleicht. Oder es schweigt weiter und wird vergessen. Mit manchen Fischen oder Fleischstücken ist das ja wohl auch so, vergraben, liegen lassen und dann, wenn man schon fast nicht mehr daran gedacht hat, dann sind sie plötzlich zu einer begehrten Delikatesse geworden. Bei Menschen mit einem sehr seltsamen Geschmack.

Sind wir schon wieder beim Essen und beim Begraben? Also bei Henry Moore! Moore ist ein Beispiel dafür, dass Fotos und Bücher nicht ausreichen. Bei Giacometti geht das, der lässt sich auch im Film erleben oder auf einer guten Abbildung. Moore nicht. Die Monumentalität seiner Werke ist ein Aspekt. Gerade die großen Arbeiten nehmen Raum ein, wirken im Raum und wollen umrundet werden. Eigentlich möchte man sogar drauf steigen. Durchschauen geht jedenfalls. Also nicht im Sinne von „Ich durchschaue Henry Moore“, sondern im Sinne von: Da sind Löcher drin, durch die man gucken kann. Der andere Aspekt: Moore hat seine Arbeiten oft so gestaltet, dass sie von allen Seiten betrachtet werden können und einige entwickeln auch tatsächlich erst ihren Reiz, wenn man genau das tut. Langsam um das Objekt herum gehen und sehen. Ich musste manchmal auch weiter weg sein, fast im nächsten Raum, dann noch einmal zurückschauen und sehen, dass da etwas ganz anderes ist, etwas, dass ich gerade noch nicht bemerkt habe. Bei Malerei kennt man das, Details, die man übersehen hat, bei einer Großplastik überrascht es.

Die Ausstellung war bis zum 19.03.2017 im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen.

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9 Gedanken zu “Moore & more

  1. Ich weiß nicht, ob Moores Kunst noch im Innenhof oder noch in den Räumen des LWL-Museums steht, was wiederum vermutlich Eintritt kostet, doch auf „The Archer“ hat man einen freien Blick, weil die Plastik – sagt man es so? – fett vor dem Gebäude auf dem großen Platz steht, welcher eine Bushalte hat und einige Buslinien daran vorbei gehen. Es gehört zum Allgemeinwissehn, diese Skulptur zu erkennen. Ich lasse sie trotzdem links liegen, was wörtlich zu nehmen ist, denn mit der Richtung, die mein Bus daran vorbei fährt, ist sie immer auf der linken Seite. Auf die Idee, auszusteigen, den nächsten Bus zu nehmen, um drum herum zu laufen, käme ich nicht. Das ist viel zu viel Action. Habe ich doch viel zu viel zu tun, an meiner eigenen Unsterblichkeit zu arbeiten. Wenn ich mal tot bin …

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    • Am zweiten Freitag im Monat ist der Eintritt frei. Das Museum hat dann bis 22 Uhr geöffnet. Es ist etwas voller als sonst, aber das ist noch ganz okay. Auf die Art lässt sich das Haus auch abteilungsweise erkunden, ohne sich gleich die Füße wund zu laufen und die Augen blutig zu starren. Für die Moore-Ausstellung reicht das leider nicht mehr. Aber demnächst gibt es ja ganz viele Skulpturen kostenlos im öffentlichen Raum zu sehen.

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      • Ja, ich weiß. Die Skulptur-Ausstellung, die nur alle 10 Jahre kommt. Wenn ich bedenke, das dies schon meine dritte wird, wird mir ganz anders … Es von dringlichster Wichtigkeit, dass das meiste nach so einer Ausstellung wieder abgebaut wird.

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  2. Mir gefällt der Text, diese Distanznahme im Raum. Auch die auf Zeit. Ich fand die Moore-Ausstellung wunderbar, war zweimal da und staunte immer. Wobei: es wurden Gegenparts gezeigt, etwa Beuyssens König, etwa Hartungs Bronzeteile, etwa Heiliger. Und kurz erwähnt: Den Krieger von Lüpertz fand ich an stärksten. – – – *Duck & weg*

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