Kaltstart

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Halb sieben, ein heller Morgen im Juli. Sommer. Jedenfalls verspricht es, ein sommerlicher Tag zu werden (wer auch immer dieses es sein mag, das da etwas verspricht, vielleicht bleibt es auch besser anonym, denn oft genug werden solche Versprechen gebrochen). Eine Jacke? Eine Jacke! Vor der Tür ist es zwar auch mindestens genauso hell, aber längst noch nicht so warm.

Ein Graben trennt den schmalen Pfad von einer Wiese. „Amelandse Weg“. „Wägch“ sagen wir und es soll klingen wie in Holland, mit einem Krächzlaut am Ende. So ein Aufwand, dabei hat der Weg, das Pättken, wie die Leute hier sagen, wohl nicht einmal einen Namen. Doch das münsterländer Pättken ruft Erinnerungen auf, an Urlaube auf der friesischen Watteninsel mit Sonne und Wind, Fahrrädern mit Kindersitzen und schmale Radwegen durch die Dünen und an Weiden vorbei, an einen Geruch, einen Duft, nach frisch gemähtem Gras und all dem, was auf der Wiese noch so wächst, würzig und herb, und nach Tieren: Kühen und Pferden, die irgendwo in der Nähe weiden.

Über die Straße und hinab zum See. Wie schön das ist, ganz nah am Wasser zu fahren, jeden Tag aufs Neue und bei jedem Wetter. Wasser glitzert durch das Schilf, Bäume rauschen und das romantische Gesamtpaket leidet nur darunter, dass ich keinen der Bäume benennen kann. Trauerweiden? Sind das die, die ihre Zweige deprimiert hängen lassen? Trauer weiden – das klingt doch nach einer Art Abschiedszeremonie Schwarzbunter, die jener gedenken, die sich nun jenseits der Ladentheke befinden.

Der Graureiher, stoischer Konkurrent der Angler, harrt auf dem Bootssteg des Wassersportvereins aus. Enten im Sinkflug, Kaninchen, die rechts und links des Weges davon hoppeln, ein einzelnes bleibt zurück. Eine Mutprobe oder das Vertrauen auf die eigene Tarnfarbe? Auf dem Geländer der Brücke sitzen fette Tauben, zu bequem, zu furchtlos, zu sehr an Menschen gewöhnt, um davon zu fliegen.

Dann Straßen, die ich befahre, überquere und hier jetzt ganz einfach übergehe. Ich steige von meinem Fahrrad, erhitzt von der Fahrt und fühle im selben Moment die Wärme und die Kälte des Morgens, genieße die Gänsehaut auf den Armen und die wärmenden Sonnenstrahlen in meinem Gesicht, den kühlen Windzug, abgerundet mit einem Hauch Hochsommer.

351 – das ist die Ländervorwahl von Portugal, aber eben auch der Bus nach Ahlen. Eine andere Geschichte.

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3 Gedanken zu “Kaltstart

    • Der heutige Morgen – und ich weiß, wovon ich spreche, ich war um 7 Uhr schon unterwegs – war ein Versprechen auf den Frühling. Noch Eis auf dem Auto, aber ein wunderschönes Morgenrot und um acht Uhr auch schon um die zehn Grad.

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