Wer oder was?

Ansgar Schulze, seines Zeichens Reiseleiter mit Entertainerqualitäten, erzählte einen Witz. Irgendwas mit Fußball und Sex. Jürgens Sinn für Witze war unterentwickelt. Er konnte sie nicht erzählen und fand sie selten witzig. Aber selbstverständlich brüllte die gesamte Truppe los. 52 Menschen, Bildungsbeflissene, die sich im Bus auf dem Weg durch Sachsen befanden. Auch Jürgens Sitznachbarin, die sich als Samira vorgestellt hatte, einiges jünger und um vieles attraktiver, lachte. So ein leises Lachen, das ihn gleich an Wondratschek erinnerte. Das leise Lachen am Ohr eines anderen. So hieß der Gedichtband. Vermutlich.

„Delitzsch!“ sagte Jürgen und wies mit dem Zeigefinger auf das Schild am Straßenrand, das eine Ausfahrt ankündigte.

„Aha.“

Gut, einen Brüller hatte er nicht erwartet, nicht wie bei Fußball und Sex und dem Herrn Reiseleiter. Aber etwas Aufmerksamkeit, selbst geheucheltes Interesse hätte ihm schon genügt. Für den Anfang. Er redete trotzdem einfach weiter. „Hermann Schulze-Delitzsch stammt hier her. Der Begründer des deutschen Genossenschaftswesens. Falls Sie also ein Konto bei der Volksbank haben sollten…“

„Entschuldigung?“ fragte sie nach. „Mein Konto?“

Sie hatte nicht zugehört. Keine drei Sätze lang war es ihm gelungen, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.

„Delitzsch“, wiederholte er. Ein Themenwechsel hin zu neonazistischen Auswüchsen in Sachsen schien ihm nämlich völlig abwegig. „Der linksliberale Sozialreformer. Sie wissen schon. Ein Mann, der in einer Reihe mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Ferdinand Lassalle zu nennen wäre.“

Der Bus wurde langsamer, bog ab und hielt schließlich auf einem Rastplatz.

Die Wangen seiner Sitznachbarin röteten sich leicht. Die ausdrucksvollen blauen Augen, die gerade noch die immer gleiche Landschaft vor dem Fenster nach einer Abwechslung abgesucht hatten, glänzten und Samiras Körperspannung nahm sichtbar zu. Hatte Jürgen sie doch noch erreicht? Doch dann erkannte er, dass der Reiseleiter auf sie zu kam, mit der Art von Lächeln, gegen das man am besten eine Sonnenbrille aufsetzte. Und dieses Lächeln galt nicht ihm. Allerdings auch nicht der Sitznachbarin, wie Jürgen mit einiger Befriedigung feststellte. Doch kurz bevor der Strahlemann sich an ihnen vorbei quetschen und zur Damenrunde auf den hinteren Plätzen gelangen konnte, hatte die Samira ihn auch schon aufgehalten.

„Herr Schulze…“

„Ja, schöne Frau?“

„Sagen Sie, wissen Sie eigentlich, aber natürlich, selbstverständlich wissen Sie, dass Ihr Name für die deutsche Wirtschafts- und Sozialgeschichte von allergrößter Bedeutung ist!“

„Schulze?“ Überrascht blieb er stehen, erfasste mit einem Blick, wer ihn da aufhielt, verscheuchte Jürgen mit einer lässigen Geste von seinem Platz und saß auch. „Das müssen Sie mir jetzt aber genauer erklären.“

„Delitzsch,“ flötete sie. „Schulze-Delitzsch.“

Sie hatte alles behalten, sogar die Stelle mit dem Konto bei der Volksbank.

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9 Gedanken zu “Wer oder was?

  1. Wundersames Sachsen! – Ich denke, der Witz des Reiseleiters hat etwas mit ‚vor dem Spiel/nach dem Spiel zu tun‘, wobei der Ball, wenn’s nach dem Trainer geht, außerhalb des Rasens immer ‚ruhen‘ oder zumindest ‚flachgehalten‘ werden soll. Auch beim Handball, wo Delitzsch trotz alledem ein kurzes Kapitel Bundesligageschichte geschrieben hat, wird es wohl nicht anders sein.
    Als Gedichtband bei einer Busreise durch Sachsen könnte ich mir auch ‚Früher begann der Tag mit einer Schußwunde‘ vorstellen. Kurz: Reisen bildet, davon lesen ist schön. – Danke!

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  2. Pingback: Einiges über Edelfedern und seltsame Metaphern

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