Wertlos

Caspar David Friedrich [Public domain], via Wikimedia Commons

Caspar David Friedrich [Public domain], via Wikimedia Commons

Gestern in den Nachrichten, heute in den Zeitungen: Die Luft in Deutschlands Städten ist mit Stickstoffdioxid belastet – und wie! An über 57 % der verkehrsnahen Messstationen wurde der Grenzwert im Jahresmittel überschritten, also nicht einfach mal so zwischendurch, nein, die ständige Belastung ist zu hoch. Es sterben mehr Menschen an unseren Straßen als auf unseren Straßen.

Da wird es Zeit für entschiedene Maßnahmen. Es ist kaum anzunehmen, dass die Autoindustrie und die Politik wirklich daran interessiert sind, die Belastungen zu reduzieren. Das kostet nämlich Geld. Jetzt nicht das der Politik oder der Autoindustrie, sondern natürlich unser Geld, dass wir entweder durch Steuern oder aber direkt über den höheren Kaufpreis für sauberere Autos zu bezahlen hätten.

Weil Industrie und Politik sich aber mehr Sorgen um unsere Kaufkraft als um unsere Gesundheit machen, brauchen wir einfache und praktische Lösungen. Wenn der Grenzwert nicht eingehalten werden kann, dann stimmt etwas mit diesem Grenzwert nicht.

In einem grenzenlosen Europa sollten wir von starren Grenzwerten Abschied nehmen. Sind wir nicht, wie die Politik immer wieder betont, eine Wertegemeinschaft? Möglicherweise sogar eine Grenzwertegemeinschaft? Gar eine grenzwertige Gemeinschaft? Warum ermitteln wir nicht einfach die durchschnittliche Belastung an den übelsten Stellen, also zum Beispiel in Stuttgart, und nehmen diesen Wert als Grenzwert? Schon muss keiner mehr um seine Gesundheit fürchten. Nicht, dass die Gesundheit weniger beeinträchtigt würde, aber wir wüssten ja nicht, dass da Grenzwerte überschritten werden und würden uns gleich viel besser fühlen – während wir husten.

Alternativ könnte man auch über die Technik der Messstationen nachdenken. Es kann nicht richtig sein, dass Geräte messen was ist und nicht, was sein sollte. Wir alle wissen, dass Volkswagen über hinreichend erfahrene Mitarbeiter verfügt, die sicher eine neue verkehrsgerechte Software entwickeln können. Das Bundeskabinett beschließt dann gemeinsam mit der Autoindustrie neue Grenzwerte, richtig gute, Bergluft oder Seeluft, VW stellt die Software und schon wird Stuttgart zum Luftkurort.

Ein letzter Lösungsansatz käme der CSU entgegen, die gern mal Grenzen mit militärischen, mindestens aber polizeilichen Maßnahmen sichern ließe. Da böte sich doch der Bundesgrenzschutz an, je Messstation ein Posten und wenn das Ding nicht spurt, dann erfolgen staatliche Zwangsmaßnahmen.

Aber nein, es wird weitergejammert, Jahr für Jahr. Grenzwerte nicht eingehalten. Also an mir liegt es jedenfalls nicht.

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17 Gedanken zu “Wertlos

  1. Lieber Herr Voita!
    Ich schlage vor, dass Stuttgart künftig einfach umfahren wird. Seit die Großbaustelle Stuttgart21 das Stadtbild verschandelt hat, gibt es dort für Touristen ohnehin nichts mehr zu sehen. Mal ganz abgesehen davon, dass der Feinstaub einem sowieso die Sicht vernebelt. Ganz einfach 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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    • Grenzenloses Glück… klingt, wie das Gegenteil von dem, was sich große Teile Europas und der USA gerade wünschen. Grenzwerte klingen doch nach Obergrenze, genau, wir schieben Feinstaub und Kohlendioxid einfach ab.

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    • „Es sterben mehr Menschen an unseren Straßen als auf unseren Straßen.“ Das bleibt meine wunderbar hingeschriebene Lieblingsaussage. – Mit der von Hape Kerkeling für Helmut Kohl erfundenen „Witzigkeit“ für einen neuen Duden damals möchte ich hier, für diesen von Herrn Voita gelesen gemachten Artikel die „Grenzwertigkeit“ berufen. Vor allem im Hinblick auf Ox, Diox und Oxdioxstickwerte, die wir alle als vegane leberwurstliebhabende Kettenraucher wie ich zusätzlich staatsgenötigt an z.B.der Weseler Straße oder dem Sentmaringer Weg wegrauchen müssen. Ich protestiere jedenfalls als ohne Zusatzstoff rauchender AmericanBlendFan. 😉

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      • Danke! Es scheint nur der Klageweg zu helfen, zumindest wird das zurzeit ausprobiert. Wenn es echte Fahrverbote gibt und nicht nur Empfehlungen, das Auto besser stehen zu lassen, dann fangen Menschen an, über Alternativen nachzudenken.

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  2. Im „Markt“ des WDR wurde dieses Thema gestern auch thematisiert und Reporteraussagen seit 1970 eingespielt, die jedes Jahrzehnt wiederholten „die Belastung durch die Autos in unseren Städten sind zu hoch“. Hatten wir da nicht auch mal Rot-Grün mit den vorgeblichen Umweltschützern (aber bei denen scheint Umweltschutz nichts mit Menschenschutz zu tun zu haben) an der Regierung?

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    • Ganz so hart würde ich mit der Umweltpolitik der Grünen nicht ins Gericht gehen wollen. Sie waren nicht immer konsequent und haben letztlich wohl erkannt, dass es besser ist, an der Macht zu sein als unbeliebte Vorschläge zu machen. Wenn es um die Machtfrage ging, hat die Partei eigentlich immer alles geschluckt. Bei der SPD sind es die Arbeitsplätze, bei der CDU und der FDP die Wettbewerbsfähigkeit. Was bleibt da noch?

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  3. Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich schmunzeln, denn irgendwelche Maßnahmen von ‚oben‘ zu verlangen bzw. zu bekommen, das nützt nichts. Es liegt an jedem einzelnen – auch wenn ich mich mit dieser Aussage unbeliebt mache. In den letzten Tagen sind wir gezwungenermaßen (Sohn zieht um) viel mit dem PKW unterwegs, sonst nur mit der Abocard in den Öffentlichen. Es ist kaum ein Durchkommen mit dem Auto. Warum ist das so? Warum fahren alle so viel Auto? Warum sind die Autobahnen ständig verstopft?
    Immer mehr Menschen bestellen im Internet. Das hat sogar einsehbare Gründe, aber: es belastet die Umwelt mit zunehmendem Verkehr, mit Verpackungsabfall sowieso (vom Einzelhandelssterben wollen wir mal gar nicht schreiben). Tja, so ist das. Die Regierung soll’s richten, der Gesetzgeber mit neuen Richtlinien und Grenzwerten.
    Eins würde ich allerdings von ‚oben‘ verlangen: Förderung und Ausbau von Bahn und Stadtbahnen. Aber das wird es wohl nicht geben. Statt dessen werden Strecken stillgelegt. „Es lebe das Auto!“ (*nicht ernst gemeint*)
    LG, Ingrid

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    • Die Nutzerzahlen des ÖPNV steigen, im Ruhrgebiet wird eine ‚Fahrradautobahn‘ gebaut, aber das Auto ist nach wie vor das Symbol für Freiheit. Natürlich müssen wir unser Verhalten ändern, aber Einsicht und Freiwilligkeit greifen immer zu spät, immer erst dann, wenn nichts mehr geht, wenn keiner mehr Luft holen kann. Und es sind ja nicht die Autofahrer, die von dem Dreck betroffen sind, es sind die Anwohner der Hauptverkehrsstraßen. Und die können oft nicht einfach weg, weil das ohnehin schon die billigsten Wohnlagen sind.

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  4. 2008 kam ich an einem „Wertstoffhof“ (die heißen hier so und haben damit nichts mit „sperriger Müllabfuhr“ zu tun, sondern viel mehr mit Straßen-Räumung) vorbei und dort stand in ienem einsehbaren Abteil eine Horde von SMOG-Schildern. Mein Verhängnis war, dass ich keine Digi-Cam dabei hatte und nicht dem Fotomotiv hinterher jagte, „Smog“ heißt inzwischen sperrig „Feinstaubbelastung“. Und genau so erging es des abrufbereiten Armada von „SMAOG“-Schildern ( roter Kreis auf weißen Untergrund mit dem Wort „SMOG“ drinne). Als ich mit meiner Diogi-Cam dot auftauchte, waren die Schilder verschwunden. Sie waren nicht mehr „up to date“. Aberstatt „Smaog“ haben wir „Feinstaub“. Es emphielt, sich den Klang der Wörter über der Zunge rutschen zu laschen. Was ist angenehmer? Was löst weniger Resssentiments aus? Richtig, „Autoverbot“. „1972“. Fast so heftig wie „Auto-Verbot nächsten Sonntag“ wie „“internert wird nächsten Sonnatg“ lahm gelegt. Wie? Du kannst auch am Tage danach bloggen? Genau das haben die Autofahrer 72 gesagt. Und was bedeutet es für die Autofahrer einen Soli-Tag für die Umwelt einzulegen? Die Tankfüllung am Tage zuvor.. Und Ruhe. Weil alle drunter leiden.
    Alle.
    Genau.
    Wir wollen mobil sein (nicht erst seit 1972) aber treotzdem dem Verbrennungsmotor unter unserer Haube eine Absolution erteilen. Was dabei ildt? Eine Softwarezertifizierung a la VW. …
    Denk drüber nach, was wichtiger ist, Automobilität oder Pseudo-Krupp. In Großstädten wie in München gibt es Car-Sharing. Aber auf dem Lande? Busse? Toitoitoit. Co2 und Nox-Produzenten. Feinstaubproduzenten.
    Da fält jedem eh nur das Skt. Florians-Prinzip ein
    Sorry für die Länge meines Kommentars und dessen Links reibvöller…. äh, Rechtschreibfehler …

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    • Bitte verzeih den brutal Analphabet-Fehlern.
      Korrigiert:
      2008 kam ich an einem „Wertstoffhof“ (die heißen hier in München so und haben nichts mit „sperriger Müllabfuhr“ aus NRW zu tun, sondern viel mehr mit Straßen-Räumung verbandelt) vorbei und dort stand in ienem einsehbaren Abteil eine Horde von SMOG-Schildern. Mein Verhängnis war, dass ich keine Digi-Cam dabei hatte und nicht dem Fotomotiv hinterher jagte, „Smog“ heißt inzwischen sperrig „Feinstaubbelastung“. Und genau so erging es des abrufbereiten Armada von „SMOG“-Schildern ( roter Kreis auf weißen Untergrund mit dem Wort „SMOG“ drinne). Als ich mit meiner Digi-Cam dort auftauchte, waren die Schilder verschwunden. Sie waren nicht mehr „up to date“. Aber statt „Smog“ haben wir „Feinstaub“. Es empfiehlt, sich den Klang der Wörter über der Zunge rutschen zu laschen. Was ist angenehmer? Was löst weniger Ressentiments aus? Richtig. „Autoverbot“. „1972“. Fast so heftig wie „Auto-Verbot nächsten Sonntag“ wie „“Iternet wird nächsten Sonntag lahm“ gelegt. Wie? Du kannst auch am Tage danach bloggen? Genau das haben die Autofahrer 1972 in Analogie behauptet. Und was bedeutet es für die Autofahrer einen Soli-Tag für die Umwelt einzulegen? Die Tankfüllung am Tage zuvor …
      Und Ruhe. Weil alle drunter leiden.
      Alle.
      Genau.
      Wir wollen mobil sein (nicht erst seit 1972), aber trotz des fossilen Verbrennungsmotors unter unserer Haube eine Absolution erteilen. Was dabei lügtt? Eine Software-Zertifizierung a la VW. …
      Denk drüber nach, was wichtiger ist, Automobilität oder „Pseudo-Krupp“ bei unseren Nachkommen. In Großstädten wie in München gibt es Car-Sharing. Aber auf dem Lande? Busse?
      Toi toi toi. Co2 und Nox-Produzenten grüßen. Alles Feinstaubproduzenten. Da fällt jedem eh nur das Sankt-Florians-Prinzip ein
      Sorry für die Länge meines Kommentars und dessen Links voll der Rechtschreibfehler …

      Gefällt 1 Person

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