Zauberhaft

Bei allen vermutlich berechtigten Sorgen, die die Machtergreifung Donald Trumps auslösen mag, verspüre ich doch auch eine klammheimliche Freude darüber, wie gerade die konservative Presse, also eigentlich fast die gesamte Presse, verstört reagiert, weil die ordentliche Einteilung der Welt in Gut und Böse nicht mehr funktioniert, wie die Volkswirkte noch zu verteidigen versuchen, was bis gestern als wissenschaftlich erwiesen galt und ab morgen nicht mehr gelten soll, wie die Transatlantiker versuchen, sich hinter eine Führungsmacht zu scharen, die noch nicht weiß, gegen wen und wohin sie in den Krieg ziehen wird, aber bei der alle ahnen, dass sie in den Krieg ziehen will.

Zum Verständnis der sozialen Marktwirtschaft, wie sie in der BRD einmal gedacht war, muss man wissen, dass der Gesetzgeber der Wirtschaftspolitik vier Ziele vorschreibt: eine stabile Währung, Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum und außenwirtschaftliches Gleichgewicht.

Die ersten drei Ziele erklären sich fast von selbst. Inflation, jedenfalls eine höhere Geldentwertungsrate, ist nicht gut, weil dann alle das Vertrauen in das Geld verlieren und außer unserem Vertrauen in seinen Wert hat es eben keinen Wert.

Vollbeschäftigung, denn Arbeitslosigkeit macht schlechte Laune und schlecht gelaunte Wähler stellen sonst was an.

Wachstum brauchen wir, damit wir trotz steigender Produktivität Vollbeschäftigung erreichen können, denn sonst würden immer weniger Menschen die benötigten Produkte und Dienstleistungen erzeugen. Wachstum hilft auch, Verteilungskonflikte innerhalb der Gesellschaft zu entschärfen. Wenn mehr da ist, fällt es leichter, anderen etwas abzugeben. Wenn weniger da ist, könnte es ungemütlich werden.

So, hier beginnt das Problem: Wenn wir mehr herstellen müssen um zu wachsen, dann müssen diese zusätzlichen Produkte  einen Absatzmarkt finden. Diesen Markt finden wir im Ausland, wir müssen exportieren und zwar mehr exportieren, als wir importieren, damit wir Wachstum und Vollbeschäftigung erhalten können. Und das tun wir seit vielen Jahren. Unser außenwirtschaftliches Gleichgewicht geht also den Bach runter.

Nanu? Eines von vier Zielen interessiert keinen? Zunächst ist das nicht so überraschend, denn bei den vier Zielen spricht man von einem magischen Viereck. Man müsse, so heißt es, über Zauberkräfte verfügen, um alle vier Ziele gleichzeitig erreichen zu können. Die Bundesregierung muss deshalb immer das Ziel ins Auge fassen, das aktuell besonders gefährdet ist.

Über viele Jahre hat die Volkswirtschaftslehre uns  zu erklären versucht, dass das außenwirtschaftliche Gleichgewicht, also stark verkürzt der Ausgleich zwischen Zahlungen, die ins Land fließen und Zahlungen, die das Land verlassen, völlig bedeutungslos sei. Das ist nur zu verständlich. Unser Exportüberschuss macht uns reich, jetzt nicht individuell, aber als Gesellschaft schon.

Wenn man mehr verkauft als kauft, dann muss es jemanden geben, der mehr kauft als verkauft. Dem wir gern Kredit einräumen, damit er weiterkauft. Der sich also verschuldet. Das sind die anderen europäischen Länder, das sind auch die Amerikaner. Seltsamerweise sind deren Volkswirte der Auffassung, dass das außenwirtschaftliche Gleichgewicht doch eine sehr große Bedeutung besitzt. Aber das haben  unsere Volkswirte für wirklich dämlich gehalten. Nun kommt aber Trump und sagt, dass ihn Volkswirtschaft überhaupt nicht interessiert, es sei denn, es ginge um die USA. Da zieht uns einer den Teppich unter den Füßen weg, na gut, es ist der Teppich, den er bezahlt hat, aber eine Schweinerei ist es doch.

Als Griechenland unseren Banken Sorgen machte, hat unser Sparkommissar Schäuble Druck gemacht. Kürzen, sparen, rationalisieren, privatisieren und Steuern eintreiben. Mit den USA wird uns das nicht gelingen. Ihnen mit uns schon.

Trump hat sich viel vorgenommen, nicht nur China und Europa hat er dabei aufs Korn genommen, nein, auch die amerikanischen Eliten finden keine Gnade. An genau dieser Stelle wird es aber spannend, wenn es um Trump geht, der von sich sagt, er sei kein Politiker, sondern ein Unternehmen. Das politische Establishment ist verantwortlich für alle Problem? Aber dieses politische Establishment hat sich doch schon seit Jahrzehnten zum Erfüllungsgehilfen der Superreichen und Großkonzerne gemacht! Es sind nicht die Schaffner, die dafür verantwortlich sind, dass die Züge unpünktlich und zu teuer sind. Es sind doch nicht Republikaner oder Demokraten, die Investitionsentscheidungen treffen. Es ist die Wirtschaft.

 

Advertisements

25 Gedanken zu “Zauberhaft

    • In meinem samstäglichen WDR-Kabarett hieß es, da fast nur Milliardäre, Unternehmer und alte Generäle die Regierung eines Wirtschaftsmagnaten bilden, daß man nun endlich sehen kann, was seit mehr als hundert Jahren – ähem – Kapitalismus so Realität ist, mal mehr, mal weniger offensichtlich. Daß politische Wahl und politische Lenkung der Wirtschaft eben bis heute eine schöne, heißt illusionäre Idee ist. (Quelle: Die Paderhalle in OWL) 😉

      Gefällt 2 Personen

  1. Lieber Herr Voita!
    Welch ein Tohuwabohu! Das magische Viereck sollte sich am Besten ein Beispiel am Fußball nehmen. Das magische Dreieck einst beim VfB Stuttgart. Bobic, Elber, Balakov,… Schuss, Flanke, Toooor! Das versteht doch jeder 🙂
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

    • Jawohl! Das Runde muß in das Eckige, und weil der Verein für Bewegungsspiele kein Viereck mehr malen kann, stieg er sportlich u n d wirtschaftlich in die Zweite Liga ab. – Die „Alm“ habe ich zuletzt besucht, als Wolfgang Kleff dort im Tor stand, als Rentner des vorherigen Börsenhypes eines Fohlenvereins. – Grüße von der Bremer Brücke!

      Gefällt 1 Person

      • Tja, die Fohlen hoppeln momentan ja auch etwas unbeholfen über den Rasen, während die Geißböcke relativ gut dastehen. Leider rammen die Bullen momentan alles in Grund und Boden. Vielleicht sieht da ja endlich mal jemand rot 🙂 Bei so viel Viecherei kommt man sich vor wie im Zirkus!
        Herzliche Grüße in die dritte Liga
        Mallybeau

        Gefällt 2 Personen

  2. „Aber dieses politische Establishment hat sich doch
    schon seit Jahrzehnten zum Erfüllungsgehilfen der
    Superreichen und Großkonzerne gemacht! “

    gut erkannt ! 😉

    Trump ist doch selbst Establishment und jetzt auch Washington !
    Der Mann schuldet allein der deutschen Bank 2,6 Milliarden Euro.
    Seine Casinos sind längst pleite, die Häuser, wo sein Name drauf
    steht, gehören ihm schon lange nicht mehr. Seine Golfplätze baut
    er mit gepumptem Geld. Soviel zum Thema erfolgreicher Unternehmer.

    Wenn Trump Amerika so regieren will, dann viel Spaß! 🙂

    Wir sollten uns schnellstens mit Indien, Indonesien und China
    verbünden und einen eigenen Wirtschaftsraum mit Europa
    zimmern. Dann kann Trump im eigenen Saft schmoren.

    Ich sehe das alles noch nicht den Bach runter gehen.
    Es wird sicher nicht so heiß gegessen, wie es jetzt
    verbal noch gekocht wird. Lass Mr.Großkopf mal
    in die Niederungen der täglichen Politik steigen,
    dann wird er schnell ruhiger. Und das Parlament
    wird auch nicht jeden Spaß mitmachen, denn in
    der eigenen Partei hat der Mann viele düpiert…

    Gefällt 1 Person

    • Außer seinen Ansätzen zur Abkehr von einer ausschließlich den Wirtschaftsinteressen dienenden Globalisierung, die er ja nur dann ablehnt, wenn sie nicht den USA dient, sehe ich wenig Anlass zur Hoffnung. Und gerade wir Deutschen haben Erfahrungen mit einem gewählten Kanzler, der scheinbar gut eingebunden und kontrolliert nur richten sollte, was andere sich ausgedacht hatten. Trump hat als direkt gewählter Präsident mehr Macht. Ich hoffe, dass er sich in narzisstischen Geplänkeln verliert und aufläuft, aber so ein egozentrischer Hitzkopf kann auch gefährlicher werden.

      Gefällt 1 Person

      • Nein, soweit gehen meine Befürchtungen nicht. Die amerikanische Demokratie ist gefestigt genug. Die haben in 240 Jahren ganz andere Sachen durchgestanden und auch immer wieder sehr schlechte Präsidenten gehabt. Wie gesagt, selbst in der eigenen Partei weht Trump genug Wind entgegen. Im Parlament wird er nicht alles durchbekommen und vieles ist schlicht nicht finanzierbar, wie z.B. der Schwachsinn mit „der Mauer“. Mehr Sorgen mache ich mir außenpolitisch, z.B. bei meinem Lieblingsthema Israel. Diese Politik ist verheerend, das kann man schon jetzt sagen. Netanjahu reibt sich sowas die Hände im Moment, dass ihm jetzt alle Freibriefe überreicht werden. Schlimm für die Palästinenser. Auch die Sache mit Iran macht mir Sorgen. Aber abwarten – Panik bringt nichts. Es gibt noch andere Mächte in der Welt. Trump kann sich nicht mit allen anlegen… 🙂

        Gefällt 1 Person

      • Es ist durchaus möglich, dass ihm eine dieser Peinlichkeiten auch noch das Rückgrat bricht. Ich halte da sehr viel für möglich. Das geht mit der Klage einer Frau wegen sexueller Nötigung los und hört mit seiner Verstrickung in die New Yorker Baumafia noch lange nicht auf. Da liegt einiges in den Schubladen – lassen wir uns überraschen! 😉

        Gefällt 1 Person

      • Die Stichworte „Mr. Großkopf“ sowie „egozentrischer Hitzkopf“ sind neben dem im Beitrag genannten Magischen Viereck nicht unerheblich. Jemand, der nicht nur die Bibel begrapscht, seine Amtsvorgänger beim Inaugurationstag degradiert und jeden demokratischen Respekt vergißt und mit Kritik nicht umgehen kann, ist nicht kalkulierbar in einer durchrationalisierten Weltgesellschaft. – – – Daß Israel sicher scheint in der Unterstützung durch die USA, ist wohl der einzige Lichtblick.

        Gefällt 1 Person

  3. Eine kleine – sympathetische – Kritik mit Gedanken der kritischen Theorie (Marx, Horkheimer, Adorno) muß ich doch noch loswerden: „Sorgen“ ist ein Wort, das ich gerne den besorgten Bürgern allein überlassen würde in der akuten Zeit, wo unsere konservierenden Medien diese tatkräftigen Sorgen (Pegidahetzreden, Brandstiftungen, Morde, Wandbeschmierungen usw.) schönreden wollen; und „Machtergreifung“, diesen eigenpropagandistischen Titel von dunnemals hat das Großteil der Historiker mit dem gerechten Begriff „Machtübernahme“ ersetzt, weil eben von der Weimarer Demokratie – mit großer Mithilfe des Münsteraner Zentrumspolitikers Heinrich Brüning übrigens – die Macht zur inhumanen Diktatur g e g e b e n wurde mit allen parlamentarischen Riten. Horkheimer sagt platt richtig: Kapitalismus >> Faschismus. Die Balance des Rechtsstaats ist eben nicht auf Dauer zu halten in einem hierarchischen Wirtschaftssystem, das nichts mit Humanität, Gleichheit oder Solidarität zu tun hat. Die Person Trump hat das Zeug, auf Parlament, Rechtsstaat, Demokratie zu pfeifen, ein missionarischer Narzißt, wie 1 8. Aber doch immerhin ohne jeden eliminatorischen Gedanken. So´n antiaufklärerischer Ur-Amerikaner halt.
    „Soziale Marktwirtschaft“ ist eine Ideologisierung des Kapitalismus und heute eine nostalgische Idee. Eben weil nichts mehr kriegskaputt ist, nicht mir Arbeit und Mehrwert aufzubauen ist, ist auch das Viereck kaputt. Volker Pispers hat das beste Beispiel gegen die Wachstumsideologie gegeben. Der Löwe baut sich keinen Kühlschrank, nur weil er auch vier Gazellen pro Tag erlegen könnte. Er erfreut sich nach einer an Sattheit und Sonne; bis er wieder Hunger hat. Der Mensch dagegen ist doof und macht alle Mitmenschen irre und kaputt mit Tiefkühltruhe und Coffee to Go.
    Und die Welt macht dieser auf Wachstum angewiesene Kapitalismus auch kaputt. In der Antarktis bricht gerade der nächste Eisberg mit einer Größe Mallorcas ab, in der Bundesrepublik sind letztes Jahr 70 Vogelarten ausgestorben, und Trump, der Klimawandelleugner: der wird den Niedergang der Welt forcieren. Mein Sohn findet das auch scheiße. Und der wird mit den Folgen falscher Demokratie schon leben … müssen … ohnmächtig gegen alle Herrschaft …

    Gefällt mir

  4. Trump Spitzenberaterin Kellyanne Conway nennt ja die von ihm verbreitete offensichtliche Unwahrheit über die Besucherzahlen bei seiner Inauguration „alternative Fakten“. Gegen ein solch verlogenes Pack war selbst die Budh-Administration ein Haufen Apostel.Aber mal abwarten, welche Politik dabei herauskommt.
    Bei der Schieflage unserer Ökonomie durch den Exportüberschuss, raten besonnene Ökonomen seit langem zu drastischen Lohnerhöhungen, um die Binnennachfrage zu steigern. Eine bessere Binnennachfrage würde uns weniger abhängig von Exporten machen. Vermutlich ist es nicht so einfach wie es scheint. Da kennst du als Volkswirt dich besser aus.

    Gefällt 1 Person

    • Aber eine Steigerung des Lohnniveaus bedeutet eine Umverteilung nach unten, das widerspricht allen wirtschaftspolitischen Zielvorstellungen, die SPD oder Union vertreten. Die Entlastung der Wirtschaft galt als Voraussetzung für Wachstum, sie ist es auch, wenn dieses Wachstum auf Exportmärkten erzielt werden muss.
      Und eine kleine Korrektur: Ich bin Betriebswirt. Wobei, was heißt schon bin, ich habe das in den siebziger Jahren studiert. Seither hat sich die Welt und das Fach verändert und ich wollte eigentlich auch nie wieder etwas damit zu tun haben. Aber, wie ein Kollege sagte, Wirtschaft ernährt ihren Mann. Und dann kam hinzu, was du sicher auch kennst: Wer ein Fach unterrichten kann, kann alle unterrichten. Na ja, fast alle.

      Gefällt mir

  5. Gut entwickelt!
    Was mir am meisten Sorgen macht, ist Trumps Irrationalität, die ständigen Lügen selbst bei kleinsten Anlässen, diese krankhaft wirkende Großmannssucht. So ein Mensch auf einem solchen Posten kann viel Unheil anrichten, mit dem man nicht gerechnet hat.

    Gefällt 1 Person

      • Dabei müsste man „bloß“ unser Geldsystem in Frage stellen. Lösungen gäbe es einige.
        Aber dies würde einigen Herrschaften absolut nicht gefallen. Ich spreche jetzt nicht von Politikern, sondern von denen, die wirklich das Sagen haben.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s