Mit aller Gewalt

Vor der Tür liegt Schnee, auf meinem Schreibtisch Neonregen. Ging nicht anders, musste ich einfach mitnehmen. Neonregen ist der Titel eines Kriminalromans von James Lee Burke. Es ist der erste aus einer Reihe von mittlerweile zwanzig Bänden, die allerdings nicht alle auf Deutsch erschienen sind.

Der Bielefelder Pandragon Verlag hat sich dieser Reihe angenommen. Warum er allerdings die Bücher nicht in der Reihenfolge des Erscheinens veröffentlicht, ist mir ein Rätsel. Band 2 liegt auch vor, dann tut sich eine Lücke auf. Ich mag Reihen, ich mag es aber auch, die Reihenfolge einzuhalten.

Genug gemeckert. Neonregen hat mir gefallen. Ein düsterer Krimi, der in den Südstaaten angesiedelt ist, genauer in New Orleans. Ich war noch nicht dort, streichen wir das noch, ich will ja eigentlich auch nicht hin. Burke beschreibt das Leben dort so anschaulich, dass mir beim Lesen heiß wird und ich einen Dr. Pepper bestellen möchte. Und schmutzigen Reis. Ich bedauere es allerdings, dass ich nachgeschaut habe, was das ist.

Egal. Es gibt eine Menge Gewalt in diesem Buch, niemand ist so richtig gut, doch, einer vielleicht, aber der erlebt das Ende der Geschichte nicht. Der Held ist ein Polizist, der ein heftiges Alkoholproblem hat und keine Autoritäten anerkennt. Die Geschichte hat einen konkreten politischen Bezug, der manchem Leser vielleicht nicht mehr geläufig ist, weil der Roman 1987 erschienen ist. Trotz aller Machos und Profikiller ist es ein moralisches Buch, eins, in dem es um Verantwortung geht, darum, was ein Staat, eine Regierung tun darf und was nicht.

Ich werde jetzt nicht meine .45 putzen und losziehen, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Ich ändere meine Haltung zum Einsatz von Waffen und Gewalt auch nicht, besonders nicht für den Fall, dass Waffen und Gewalt gegen mich eingesetzt werden sollten. Doch ich akzeptiere sie als Mittel des Kriminalromans. Das ist nett von mir, denkt der Leser nun vermutlich, aber ich will natürlich auf etwas anderes hinaus.

In jedem Märchen geht es darum, dass der Brave oder die Unschuldige geschützt und belohnt werdem, während der Böse oder die Böse bestraft werden – und da bleibt kein Raum für Vergebung, für Gnade. Die böse Stiefmutter tanzt sich in glühenden Schuhen zu Tode, die Hexe wird in den Backofen geschoben. An dieser Stelle musste mein Vater übrigens mit mir das Kino verlassen, weil ich nicht zu beruhigen war. Gut, damals war ich noch etwas jünger und habe nicht eingesehen, dass es im Märchen eben keine mildernden Umstände und keine Strafen mit Bewährung gibt.

Der Krimi ist die Übertragung des Märchens in unsere Zeit. Zwar sind jetzt auch die Unschuldigen tot, aber der Böse wird bestraft. Fast immer. Und meistens grausam. Auch im Krimi reicht es nicht, den Mörder zu acht Jahren Freiheitsentzug mit anschließenden Bewährungsauflagen zu verurteilen, um dann festzustellen, dass er, falls er nicht gestorben ist, noch heute lebt.

James Lee Burke weiß das.

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12 Gedanken zu “Mit aller Gewalt

  1. Sehr interessant beschrieben, dieser James Lee Burke und sein Krimi. Ich kannte ihn bisher nicht.

    „Der Held ist ein Polizist, der ein heftiges Alkoholproblem hat und keine Autoritäten anerkennt.“
    Am Ende des Postings frage ich mich, ob der Autor/Krimi mehr oder weniger stark religiös gefärbt ist, wenn da von Begriffen wie „Schuld“, „Vergebung“, „Gut“ und „Böse“ die Rede ist. Begriffe die aus der dem Katholizismus oder einer anderen Religion entlehnt. Wie weit schwebt im Hintergrund eine strenger Vater-Figur mit, die definiert, was Gut und Böse sei, und der deshalb keine Autorität (als sich selbst) anerkennt?

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    • Religiosität spielt schon eine Rolle, sie ist vielleicht auch einer der Gründe dafür, dass die Hauptperson so sehr mit sich ringt. Aber wie alles in diesem Roman, so ist auch die Religion wohl ein Teil der Südstaatenkultur, sie gehört dazu wie das Wetter, die Drogen und das Meer. Und ja, der Vater der Hauptperson war ganz offensichtlich eine prägende Figur, eine, die, neben dem Militär, das Wertesystem unseres Helden definiert hat.

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  2. In Hannover war fast kein Schnee, und was da lag, ist schon weg. Was du über die Märchen sagst, erinnert mich an die 70-er Jahrem, als manche im Zuge der antiautoritären Pädagogik die Märchen als zu brutal verbannen aus den Kinderzimmern wollten. Bis dann Bruno Bettelheims Ehrenrettung „Kinder brauchen Märchen“ populär wurde.
    Nebenbei: Der Bielefelder Pendragon Verlag ist ein Ein-Mann-Unternehmen des Günter Butkus, weshalb es schon eine beachtliche Leistung ist, dass er überhaupt eine Krimireihe hervorbringt, zumal sich Verbrechen nicht lohnen darf 😉

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    • Ja, den Bettelheim kenne ich auch. Märchen finde ich auch immer noch faszinierend. In der Erwachsenenbildung stelle ich fest, dass viele Märchen nicht mehr geläufig sind. Da tritt der Krimi oder der Horrorfilm die Nachfolge an. Bei Horrorgeschichten gilt wohl das gleiche Muster. Die Ungeheuer, Untoten und Aliens sind leichter zu ertragen, sind vor allem auch zu besiegen, das unterscheidet sie von uns, von unserer dunklen Seite.

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  3. „Ich mag Reihen, ich mag es aber auch, die Reihenfolge einzuhalten.“
    „Auch im Krimi reicht es nicht, den Mörder zu acht Jahren Freiheitsentzug mit anschließenden Bewährungsauflagen zu verurteilen, um dann festzustellen, dass er, falls er nicht gestorben ist, noch heute lebt.
    James Lee Burke weiß das.“
    Herrlich! Ich werde lesen. Auf das Krimi-Jahr 2017! Dank!

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  4. Das Motiv mit dem allein stehenden Polizisten, der ein Alkoholproblem hat und keine Autorität anerkennt, ist aber inzwischen auch ziemlich ausgelutscht. Gewalt kann mich nicht mehr richtig locken, war in jüngeren Jahren noch anders. Krimis sind im Grunde gar nicht mein Ding… Inzwischen gibt es ja für jeden Kreis in Deutschland einen Lokal-Krimi. Nee, und USA, speziell New Orleans und Südstaaten, auch so ein Klischee, warum nicht mal in Idaho oder Dakota? 😉

    By the way – die Verlagspolitik bei der Veröffentlichung
    von Roman-Reihen war mir schon öfters schleierhaft. 🙄

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    • Aufklärung fing in Deutschland immerhin (auch) mit einem Krimi an: Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre. Dann eine ganze Reihe von Kriminalnovellen mit den individuellen, gesellschaftlichen, sozialen und eben immer gewaltigen Sachen, bis zur Romantik, bis heute, bis zum TV-Tatort und dem letzten Regionalkrimi aus Freckenhort-Ost. – Ich finde das gut. Selbst das gut gemachte Klischee ist oft besser als manches *Experiment*. Für mich jedenfalls. 😉

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  5. Unsere Onleihe hat einige davon. Burke ist also die erste Buchempfehlung, die ich mir für 2017 notiert habe. Ob und wann ich dazu komme, weiß ich allerdings noch nicht. Ich finde es gut, wenn auch Krimis nicht nur unterhalten, sondern auch moralische Fragen aufwerfen.
    LG, Ingrid

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