Aufgemerkt und weggehört

Eckenstehender Nante kehrt immer wieder. Viele Berliner Strassenecken waren mit einem steinernen "Prellbock" gesichert.

Bundesarchiv, Bild 146-1976-141-11 / Hoffmann / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Lunapark von Volker Kutscher war durch. Ich war zu Beginn der Reihe, in deren Mittelpunkt der Kriminalpolizist Gereon Rath steht und die während der Weimarer Republik und zur Zeit der Nazidiktatur spielt, sehr angetan.

Natürlich kannte ich schon die Berlin-Trilogie von Philip Kerr, die inzwischen, wie ich gerade feststelle, deutlich angewachsen ist. Vaterland von Robert Harris dachte den Nazi-Staat weiter, spielte mit der Frage, wie die Gegenwart aussehen könnte, wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte.

Ich nahm immer an, dass für einen deutschen Autoren der Umgang mit der NS-Zeit komplizierter sein müsste, einfach, weil wir keinen einfachen Umgang mit der Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts haben könnten. Dachte ich. Inzwischen geht da einiges, der Horror ist komödienreif geworden. Auch wenn mir davon bisher nichts gefallen hat. Nein, auch nicht  „Er ist wieder da“.

Kutscher machte für mich die Zeit anschaulich, von der Zigarettenmarke über die Tageszeitung bis zu den Autos, da ist Präzision die Voraussetzung für Glaubwürdigkeit. Gereon Rath ist, wie sich das für die Helden aktueller Kriminalliteratur gehört, ein Held mit dunklen Seiten, mit richtig viel Schatten.

Da ich direkt vom Märchen zum Krimi gekommen bin, liebe ich strahlende Helden mit sauberen Händen. Leute, die keinen Stress mit ihrer Familie haben. Leute, die nicht einmal den Eindruck erwecken, überhaupt eine Familie haben zu können.

Okay. Ich bin naiv. Wie Leon de Winter gerade der staunenden Welt zeigte, hat sogar jemand wie Osama bin Laden menschliche Seiten. Das sogar nehme ich zurück. Wir sind alle nicht so eindimensional, wie ich das gern hätte, also dürfen auch Kriminalpolizisten miese Charakterzüge aufweisen, müssen es vielleicht sogar. Okay. Ich werde auch den nächsten Roman von Kutscher lesen.

Lunapark war also durch. Auf dem MP3-Player hatte ich die Springsteen-Autobiographie, dachte ich jedenfalls. War aber nicht. Noah von Sebastian Fitzek war drauf. Bisher hatte ich weder etwas von Fitzek gelesen noch gehört. Ich werde es auch nicht wieder.

Das heißt, persönlich habe ich nichts gegen ihn, ich gönne ihm seine Auflagen, er scheint ein humorvoller und kluger Mann zu sein. Bis er zu schreiben beginnt. Dann fließt Blut. Details der Handlung schenke ich mir, es geht grob um die Rettung der Welt. Ziemlich grob. Der Held ist ein Saubermann, makellos, na gut, bis auf seine Vorgeschichte, aber sobald der Roman beginnt ist er edelmütig, er rettet sogar einen kleinen Hund. Gut, dafür bringt er reihenweise Bösewichter um.

Wenn man eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat, dann passt Fitzek. Es geht alles immer sehr schnell. Neue Szene. Ansteigende Spannung. Höhepunkt. Schießerei. Nächste Szene.

Brauche ich nicht.

Herr Fitzek wird es mir hoffentlich verzeihen. Ich glaube, ich muss jetzt Pu der Bär hören.

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8 Gedanken zu “Aufgemerkt und weggehört

  1. Ein wesentlicher Absatz für mich: „Da ich direkt vom Märchen zum Krimi gekommen bin, liebe ich strahlende Helden mit sauberen Händen. Leute, die keinen Stress mit ihrer Familie haben. Leute, die nicht einmal den Eindruck erwecken, überhaupt eine Familie haben zu können.“ 😉 Sehr schön; weshalb Chandlers Marlow vielleicht immer noch ganz oben bei mir thront. Und der Wolli Schröder von den Steeler-Straße-Krimis. – – – Danke für den Hinweis auf Pu! Gerade in dieser Jahreszeit!

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