Wer wenn nicht Wier

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja: im Regen, in Tecklenburg, vor dem Rathaus, im Dezember. Alle bitte dem Regenschirm folgen und schön zusammenbleiben, es könnte eng werden, denn auch in Tecklenburg gibt es einen Weihnachtsmarkt. Allerdings einen irgendwie verzettelten, einen, der sich über eine lange Strecke verteilt, ohne aber aus vielen Buden, Ständen, Hütten oder Wagen zu bestehen. Mit anderen Worten: Es ist fast überall kein Weihnachtsmarkt.

Wir schlendern durch das Städtchen. Jedes andere Tempo wäre völlig unangemessen, denn schnellen Schrittes wären wir ratz fatz durch den Ort gestürmt und hätten gewiss etwas versäumt. Kopfsteinpflaster glänzt im Regen, der wohl auch dafür sorgt, dass sich nicht gar so viele Kauf- und Schaulustige auf den Weg gemacht haben.

Schöne kleine Fachwerkhäuser, schmale Straßen, die sogleich das Wort Gässchen aufkommen lassen, aber das verkneife ich mir. Eine Töpferei, Kopf einziehen, dahinter ein alter, ein ungeschminkt alter Raum, einer, der sich nicht als pittoresk anbietet. Tecklenburg ist Luft- und Kneippkurort, da  ist scheinbar genügend Kaufkraft für Einzelhandel und Gastronomie in der Stadt. Huch, da ist es auch schon passiert, einfach mal nicht recht hingeschaut, schon haben wir das Stadttor passiert und steigen hinauf zur Burg. Eigentlich ist da nur noch eine Burgruine, die als Freilichtbühne genutzt wird. Jetzt natürlich nicht.

Jeder Hügel in Deutschland hat einen Bismarckturm, Tecklenburg  hat den Wierturm. Einen Aussichtsturm. Auch an Tagen, an denen die Aussicht aber auch mal überhaupt nichts hergibt, sind hier durchaus Einsichten möglich. Johann Weyer, den die  Tecklenburger Wier nannten, soll sich als erster entschieden gegen die Hexenverfolgung ausgesprochen haben.

Weyer war Niederländer und mir fällt ein anderer Niederländer dazu ein. Hermann van Veen war es, der einmal „Ich hab ein zärtliches Gefühl“ sang. Weiß nicht, ob ich es so ausdrücken würde, aber da ist was dran. Menschen wie dieser Johann Weyer, die in finsteren Zeiten den Kopf hoben und sich für andere einsetzten, für andere, von denen sie nichts zu hoffen oder erwarten hatten, einfach deshalb, weil sie es für unmenschlich hielten, was da geschah, solche Menschen lassen mich nicht kalt. Jetzt stehen wir aber schon zu lange vor diesem Turm und uns wird langsam kalt.

Es wird Zeit für einen warmen und trockenen Ort.

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25 Gedanken zu “Wer wenn nicht Wier

    • http://www.kalkriese-varusschlacht.de/
      Das ist das Museum in Kalkriese, in der Nähe von Osnabrück. Wobei gerade in letzter Zeit wieder Zweifel aufkommen, ob es die Varus-Schlacht war, die man da ausgräbt. Die Römer waren schließlich überall und kriegerische Auseinandersetzungen mit den Einheimischen hat es wohl an vielen Stellen gegeben.
      Ja, es ist eine geschichtlich interessante Gegend. Karl der Große hat hier seine Auseinandersetzungen mit den Sachsen geführt, Widukind hat in Ostwestfalen gelebt. Aber Kaiser, Könige, Fürsten und Grafen, Bischöfe, Komponisten, Maler und Dichter, wo haben sie keine Spuren hinterlassen?

      Gefällt 1 Person

  1. Ist das tatächlich als Aussichtsturm gebaut worden? Oder doch als Wehrturm einer Burg? „Wier“ ist hier in meiner Gegend der Mundartbegriff für Wehr(turm). Und Weyer ist u. a. eine Stadt an der Grenze zu Niederösterreich, gehörte einst zum Herzogtum Bayern.

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  2. „Es ist fast überall kein Weihnachtsmarkt.“ – – – Fast eine Beruhigung, falls jemand Münster, Dortmund, Nürnberg oder Frankfurt diesbezüglich mal besucht hat. – – – Wie gut, daß es Tecklenburg gibt, da kann ich dem Regenschirm folgen und dem Bericht kein pittoreskes sondern ein mit Johann Weyer winkendes und grüßendes „like“ anfügen.

    Gefällt 1 Person

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