Zuständig

Ist es nicht seltsam, dass die Welt ununterbrochen stattfindet, auch wenn ich mich überhaupt nicht um sie kümmere? Manchmal, das muss ich zugeben, habe ich den Eindruck, dass sie sich dann vernachlässigt fühlt und nicht so gut funktioniert, wie es möglich gewesen wäre, hätte ich nur genauer hingeschaut.

Ein Beispiel dafür sind Fußballspiele, die ich mir anschauen wollte, dann aber leichtfertig verpasst habe – und schon gingen sie verloren. Bei Freunden von uns war es so, dass während der Spiele der deutschen Nationalmannschaft immer gebügelt werden musste, damit da nichts schief ging… bis da doch was schief ging, seither muss nicht mehr gebügelt werden. Oder doch, es muss schon noch gebügelt werden, nur eben nicht mehr während der Spiele.

Und das ist überhaupt nicht weiter wichtig, ich wollte nur sagen, dass es da ständig Welt gibt, Orte, von denen ich nichts weiß, Menschen, von denen ich nichts ahne, und alle machen weiter oder hören auf, einfach so. Gut, könnte man jetzt einwenden, du kannst dich doch nicht um alles kümmern, dafür ist die Welt zu groß, dafür gibt es zu viele Menschen, von den Insekten wollen wir gar nicht erst anfangen.

Das stimmt natürlich, aber wer, wenn nicht ich, soll sich denn kümmern? Oder sich zumindest verantwortlich fühlen? Jeder, das sagt sich so leicht. Dann ist es ja doch wieder keiner, denn wenn sich jeder kümmern soll, dann kann es ja nicht weiter wild sein, wenn er oder sie es nicht tut – und genau das denkt dann jeder – oder eben fast jeder, bis auch mich: Also kann ich das ja auch gleich machen. Darum kümmere ich mich.

Jetzt nicht ununterbrochen und schon gar nicht überall. Aber ich verrate hier jetzt nicht meinen Zuständigkeitsbereich, weil die Welt ja sonst wüsste, wo ich nie schaue und dann ginge es dort natürlich drunter und drüber. Nicht, dass ich jetzt auf Inspektionsreisen gehe, antreten lasse, Fingernägel und Taschentücher auf Sauberkeit prüfe, freundlich oder streng nicke, Babys küsse und mich in goldenen Büchern verewige. Ich bin ja kein Grüßaugust.

Aber ich fahre überraschend, also vor allem für mich überraschend, in irgendwelche Orte, mit denen ich beim Frühstück noch nicht gerechnet habe, schlendere dort herum, trinke einen Kaffee oder Tee, rede jovial mit den Eingeborenen und kehre meist zufrieden und, ja ich gebe es zu, klüger zurück. So war es heute mit Tecklenburg.

Doch weil ich mich wieder völlig verquatscht habe, muss dieser Teil der Geschichte leider warten.

 

 

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34 Gedanken zu “Zuständig

  1. Feine, selbstreflexive Zeilen zur subjektiven Sicht der Dinge, global und lokal…
    Das mache ich auch immer mal wieder. So à la Blick von oben des Marc Aurel…
    Seele, Geist und Körper fühlen sich einfach wohler danach.
    Danke fürs Verquatschen!

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      • Der Maulwuf kann gar nichts dafür. Denn was in deinem Garten Gänge in deinen Rasen gegraben hat (ich habe die Geschichte in deinem Blog vor etlichen Wochen gelesen), ist gar kein Maulwurf. Verzeih, aber das sind Wühlmäuse, die sich durch die Rasenoberfläche graben.
        Der Maulwurf gräbt hier niemals einen Gang, sondern legt in der Tiefe des Erdbodens als verweigtes Gang- und Höhlensystem an. Und hie und da wirft er einen Hügel auf.

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  2. Ach ja Orte und Zustände! Dieser Planet beherbergt abseits menschlicher Zuständigkeitsgefühle auch noch eine Menge an Gegenden und Orten, wo das Leben wunderbar organisert stattfindet – ohne menschlicher Eingriffe: große Gebirgsketten, von Menschen unbesiedelte Landstriche, unausgebeutete Regenwälder. Und die Waldböden bauen Jahr für Jahr große Mengen Humus auf, gänzlich ohne menschliches Zutun.

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      • Mir scheint eher, der Auftrag wird seit längerem missverstanden. „Macht euch die Erde untertan“ meint ja „Macht die Erde fruchtbar“. Wirtschaftet so, dass der Boden fruchtbar bleibt oder fruchtbar wird. Das heißt, wirtschaftet so, dass sich mehr an Humus nachbildet, als von der Erde entnommen wurde.

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    • Da bin ich im Denken des guten alten sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates verhaftet, in der Annahme, dass möglicherweise jeder an sich selbst denken kann, manche dabei aber einen kleinen Vorsprung haben, der nur durch die wohlwollende Unterstützung des Staates ein wenig ausgeglichen werden kann. Also muss sich da jemand kümmern. Und weil du ja in der Schweiz sitzt, muss ich dann hier…

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      • Mein Wissen über die Schweiz hält sich doch sehr in Grenzen… in deutschen Grenzen. Das gilt natürlich auch für mein Wissen über Polen oder Dänemark. Nein… dann weiß ich doch mehr über die Schweiz. In mancherlei Hinsicht halte ich sie für sozialpolitisch vorbildlich, also keineswegs neoliberal. Links-sozialistisch allerdings…nein, dass hätte ich euch nicht zugetraut!

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      • Durch die Schweiz bin ich mal durchgefahren. Es gab dann doch viele (schöne) Stationen und es wurde eine sehr lange Durchfahrt. Und: Nicht die Berge haben mich begeistert, sondern das Wasser, diese Seen, wo man an den Terassen Kaffee und/oder richtige Getränke bekommt. Ja, Basel auch, im Jahr, bevor das Wankdorfstadion gefällt wurde.

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    • Georg Schramm, der von mir sehr geschätzte Kabarettist, sprach mal von der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD. Die wäre dann eine Art Nische für eine vom Aussterben bedrohte Gattung. Aber machen wir uns nichts vor, die SPD war in ihren traditionellen Hochburgen meist keine linke Partei, sondern eine Arbeiterpartei, die ziemlich autorität geführt wurde und oft genug für sehr traditionelle Positionen stand. Die kämpften auch für die Atomkraft und den Erhalt der Kohle und für überhaupt jeden Arbeitsplatz. Schon in den siebziger Jahren traten viele Leute wieder aus, weil die Partei zu verkrustet war, zu sehr mit Gewerkschaften und Regierungen verbandelt. Die gute alte Sozialdemokratie hat es wohl, wie die guten alten Zeiten, leider nie gegeben.

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  3. Zum Text möchte ich den letztjährigen Büchnerpreisträger zitieren: „Sachlich und rechnerisch richtig.“ – Und die Frage eines Berliner Lyrikers hinzufügen: „Ist das noch Literatur oder darf man auch lachen?“ Ich denke, meine Aushilfsenkelin liegt immer richtig: „Ich will beides!“

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  4. Wie beruhigend, dass sich einer kümmert.
    Ich denke die Welt könnte in schlechteren Händen sein. Leider hast du nur zwei. Zwei Hände. Ich kann mich also nicht entspannt zurück lehnen.
    Aber wenigstens um Tecklenburg muss ich mich nicht sorgen.

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  5. Gut, dass in Tecklenburg mal jemand nach dem Rechten geschaut hat. Ich vermute, dass es dringend nötig war. Aber die Vermutung ist nur für den Übergang, weil du bald berichten wirst. Jedenfalls war ich überhaupt noch nicht dort, kenne nur die Raststätte Tecklenburger Land, und dass ich dort nach dem Rechten geschaut habe, wäre übertrieben, liegt jetzt auch sicher mehr als zehn Jahre zurück. Deine Verwunderung teile ich, besonders wenn ich in fremden Städten bin, wo alles täglich seinen Gang geht, wo welche geboren werden, leben und sterben, ohne dass ich je von ihnen erfahren hätte.

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  6. Die Raststätte Tecklenburger Land scheint ja bekannt zu sein wie ein bunter Hund.
    Ich bin übrigends Schuld, daß Steffi Graf ein paar Spiele verloren hat – weil ich zuguckte, es gibt keine andere Erklärung. Glücklicherweise interessiert mich Tennis überhaupt nicht, ich hatte mir die Spiele nur angesehen, um einer Langeweile zusätzliche Nahrung zu geben, und so ist doch noch ein großer Star aus ihr geworden.

    Vielen Dank, daß Du Dich um alles kümmerst! Ich bin leider oft zu faul, aber jetzt brauche ich kein schlechtes Gewissen mehr zu haben.;-)

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