Darf es etwas mehr sein?

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Die Läden meiner Kindheit – Ein Erzählprojekt von Jules van der Ley

Es ist wie es ist, denken Kinder wohl. Das heißt, sie denken es nicht ausdrücklich, aber sie sehen die Welt so. Was ist, muss so sein. Und so hatten Straßen einen Namen, Geschäfte einen Namen und der Name gehörte zu der Straße und konnte nicht irgendwoher kommen, von einem anderen Ort. Die Hovestadtstraße hieß eben Hovestadtstraße. Punkt. Das es Straßen gibt, die nach Menschen heißen und Menschen, die wie Orte heißen… dieses Durcheinander herrschte in meinem Kopf nicht.

Die Bolohstraße war unsere Straße, da wohnten wir. Eine Bedeutung hinter dem Namen habe ich nie gesucht – und gerade in aller Eile auch nicht gefunden. Bestimmt was Niederdeutsches, irgendein Flurname. Unser Flur hatte keinen Namen, der hieß Flur – oder Diele. Die Bolohstraße hinauf, vorbei an mehreren Wohnblocks, dann zwischen Feldern einen kleinen Hügel hoch. Auf der Anhöhe lagen zwei Läden, links ein Edeka, in einer Sackgasse gegenüber ein winziger Laden in einem Wohnhaus, in einem Zimmer: Naschereien und Eis!

Den Namen des Lebensmittelladens habe ich mir gemerkt, vermutlich, weil wir, weil ich wieder und wieder mit der Milchkanne in der Hand dort hingeschickt wurde. Anderthalb Liter Milch. In einer Milchkanne aus Blech. Oder war sie emailliert? Weiß vielleicht? Ich muss meine Mutter fragen. Die Milch wurde bei Ischebeck, so hieß das Geschäft, abgezapft. Und ich kann mich überhaupt nicht an das Gerät erinnern, mit dem das passierte. Aber die Waage, dieses große dreieckige Teil, die habe ich mir gemerkt.

Selbstverständlich wurde bedient. Nix mit Selbstbedienung und Regalreihen. „Was darf’s denn sein?“

Vieles in offenen Behältern, kaum Dosen, wenig Gläser. Kein Plastik. Ohne Einkaufstasche einkaufen? Auf die Idee wäre keiner gekommen. Die Glasscheibe, hinter der die Wurst und der Käse lagen. Ein Viertelpfund Holländer. Das reichte als Angabe. Gouda? Edamer? Holländer! Mortadella lag da, Dauerwurst, Blutwurst, Mettwurst, Leberwurst, Teewurst. Aber Fleisch und Wurst kauften wir nicht bei Ischebeck, denn einmal in der Woche kam der Fleischer mit seinem VW-Bulli, hielt auf der Straße vor unserem Haus und brachte die bestellten Waren. Eingeschlagen in Packpapier, darunter nochmal eine Lage Papier und dann kamen die Kottelets, der Ring Fleischwurst, die Beinscheibe oder was auch immer meine Mutter in der Woche zuvor bestellt hatte.

Der Bäcker war zweimal pro Woche da, kam aber nicht mit der Ware ins Haus, da mussten wir, wenn er gehupt hatte, schon selbst auf die Straße. Kassler oder Paderborner. Ein halbes. Und meine Sandschleife! Mürbeteig zur Hälfte mit Schokoüberzug. Ob das damals auch schon eine kakaohaltige Fettglasur war? Egal. Ich habe sie geliebt und noch heute schaue ich genauer hin, wenn ich in einer anderen Stadt, bei einem anderen Bäcker bin. Nichts. Ein Geschmack, ach was, ein Genuss meiner Kindheit ist offenbar für immer verloren gegangen.

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11 Gedanken zu “Darf es etwas mehr sein?

  1. Pingback: Die Läden meiner Kindheit – Linkliste und mehr

  2. Mich hat besonders der erste Absatz deines Textes beeindruckt, weil du das kindliche Weltbild hier kurz und deutlich erfasst hast. Vor Jahren bekam ich eine Festschrift zur 1000-Jahrfeier meines Heimatdorfes.Darin hatte eine Archäologin allerhand Interessantes veröffentlicht, Dinge, über die ich mir als Kind nie Gedanken gemacht habe, weil eben alles war wie es war und so seine Richtigkeit hatte. Da zeigt sich, dass Unwissen und kindliche Naivität auch eine Gnade ist,
    Dankeschön für diesen erhellenden Text.

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  3. Dankeschön auch von mir für die Erinnerung an die Bäcker, die mit ihren Lieferwagen voller süßer Köstlichkeiten in die Straßen vor die Häuser kamen.
    Man nannte sie, das lernte ich erst später,“Kaltbäcker“. Zumindest hier im Ruhrgebiet. Und man konnte bei ihnen „anschreiben“ lassen…

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  4. „Eine Bedeutung hinter dem Namen habe ich nie gesucht“ – das ist mir sehr sympathisch. Meine erste Straße und Wohnstatt hieß „Im Berge“, 103. Darum 700 Menschen und 700 Kühe. Und zum einzigen Geschäft mußte ich auch, um Milch zu holen, zwei Liter in zwei Plastikkannen, mit Radl, so 1,5 km. Von dem Geschäft, dahinter war das Rotlichtmilieu des Dorfes, konnte ich schon meinen Fußballplatz sehen, von zuhause meine Grundschule. Die Milch wurde noch richtig gezapft, und ´ne Wurst für mich gab´s auch meistens. – In Leer war ich übrigens noch nie, wohl aber in Papenburg und in Emden. 😉 Schön an meinem Dorf war 1975 die Eingemeindung in ein größeres Dorf (ca. 4500 Einwohner) und in einen neuen Fußballverein. 😉

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  5. Das ist doch interessant. Tatsächlich war vor 40-50 Jahren die Welt scheinbar in Bezug auf diese Lebensmittelgeschäfte noch in Ordnung. Nah, regional, ohne oder kaum Verpackunsmüll. Man wurde „bedient“. Es wurde zurückgelegt. Geliefert. Man ging zu Fuß. Traf Menschen im Geschäft. Es wurde angeschrieben. Man hat nix unnützes gekauft. Der ökologische Fussabdruck, den es eigentlich damals noch gar nicht gab, den der Kunde hinterließ beim Einkauf, war wohl noch sehr klein.Und dann, kam der „Fortschritt“. In meiner Heimat fuhr der, der ein Auto hatte ab 1965 zum „Cash&Carrx“, der Rest ist bekannt. Die Leute waren begeistert, gierestrunken von der Warenvielfalt und man musste nun alles selbst machen. Hinfahren, aussuchen, in den Korb legen, bezahlen und wieder heimfahren. Mit der nächsten digitalen Revulition grade sitzt noch nicht einmal wer an der Kasse mehr. Mit großen Schritten haben die Discounter die Kunden eingelullt. Wo vorher viele Arbeit hatten und handwerkliche Tätigkeiten ausübten wurden, an denen lokal verdient wurde, sind es heute wenige Konzerne die den Reibach machen. Trotzdem versucht man, gefördert mit europäischen Programmen, in der ländlichen Diaspora wieder kleine „Tante-Emma-Laden“-Konzepte zu implementieren und bewirbt lokale Waren. Solange es sie noch gibt. Mittlerweile gibt es mehr Backshops als echte Bäcker und nur noch eine kleine Handvoll Metzger. Verrückte Welt.

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      • Ja, das kommt. Gestern las ich gerade einen Artikel über einen Bauern, der alle Strömungen und Wirrungen der letzten Jahre ausgehalten bzw. auch ignoriert hat, nach Jahren des Niedergangs geht’s jetzt wieder aufwärts, mit Direktvermarktung und nicht EU-konformen Kartoffeln 🙂

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  6. Et is wie et is – so denken auch die Kölner (ein Paragraph des kölschen Grundgesetzes) 😉

    In meinem Alter kann auch ich mit Erinnerungen an eine Zeit aufwarten, in der es noch Tante-Emma-Läden gab. Daran sieht man, dass es wunderbar ohne Plastik ging.

    LG, Ingrid

    Gefällt 3 Personen

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