Novembermorgen

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Feiertag in NRW, Zeit für einen Herbstspaziergang, also eigentlich eine kleine Radtour in das herbstliche Münsterland. Der Mais ist geerntet, weit geht der Blick über Felder, wenige Bauernhäuser, manchmal Fachwerk, meist der rötliche Stein, wie er hier gebrannt wurde und wird.

Ein leichter Wind weht Blätter über die Straße, Böschungen und Wegesränder sind laubbedeckt. Eicheln fallen, knallen auf Dächer. Senf blüht, manchmal wohl auch noch Kartoffeln oder Rüben.

Neun Grad, schon ganz schön kühl an den Fingern. Hofhunde schlagen an, Zugvögel würden das Bild abrunden mit ihren Rufen, könnte ich ja jetzt einfach von links nach rechts über den Horizont fliegen  lassen, zu spät. Eine Hühnerschar macht sich in ihrem Freigehege breit.

Manchmal ein Auto, manchmal ein Trecker. Jogger, Radfahrer, häufig Reiter, ein paar Mal eine Kutsche. Viele grüßen.

Der jüdische Friedhof in Behlen. Wenige Gräber. Ordentlich umzäunt und abgeschlossen. Ein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte. Jüdische Grabsteine haben ihre eigene Symbolik und Form, die mir nicht vertraut ist, die vielleicht mit dem Tempel, der Tora oder der jüdischen Tradition zu tun haben.

Foto: Elfie Voita

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Zuhause gibt es wieder etwas zu googeln.

Zeit für einen Kaffee in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude, die kalten Finger wärmen.

Zurück, eine andere Strecke, an Bildstöcken und Wegeskreuzen entlang, die hier vor vielen Höfen stehen, gestiftet, weil der Sohn früher aus dem Krieg heimkehrte oder vielleicht nach einem Brand auf dem Hof. Jedes hat seine Geschichte. Hier verlief der Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Hoffentlich war der damals besser ausgeschildert.

Der Tag beginnt seinen Glanz zu verlieren, grau zu werden. Zeit, dass wir nachhause kommen.

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21 Gedanken zu “Novembermorgen

  1. Lieber Herr Voita!
    Sehr schön beschrieben!
    Wobei der Glanz eines Tages ja durchaus seinen Fortgang in einem Grau finden kann. Das ist dann eben der ganz spezielle charakteristische Novembercharme. 🙂
    Herzliche Grüße von der noch sonnigen Alm
    Mallybeau
    PS: Haben Sie die schwarzen Pilze etwa gegessen?

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  2. Das klingt ein wenig melancholisch, Spätherbst eben. Erstaunlich, wie viele kleine jüdische Friedhöfe es überall gibt. Hier ist ein ganz kleiner, geschlossener, d.h. es finden keine Bestattungen mehr statt, zauberhaft verwildert. Und dann gibt es einen aktuellen sehr großen in Bocklemünd. Köln hat eine sehr große jüdische Gemeinde, immer noch bzw. wieder. Mich darüber zu informieren, steht auch auf meinem Plan.
    LG, Ingrid

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    • Ja. Wir haben das Wissen verloren, dass jüdische Gemeinden zu unserem Alltag gehörten, dass sie eben nicht nur in Berlin oder fern im Osten existierten, sondern dass diese Menschen Nachbarn waren, auch in kleinen Städten oder gar in Dörfern.

      Gefällt 1 Person

  3. In meinem Heimatort gibt es an der Ortsgrenze auch so einen eingefriedeten Judenfriedhof, sogar ohne Zugang, denn die eiserne Pforte in der Mauer ist zugeschweißt. Von seiner Existenz erfuhr ich erst lange Zeit, nachdem ich weggezogen war. „Ein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte.“ fand die Dorfgemeinschaft wohl auch. Man wollte nicht mehr erinnert werden an die jüdischen Familien, deren Vorfahren dort lagen und nicht darüber sprechen, wie die jüdischen Nachbarn abgeholt und deportiert worden waren. Obwohl deine Schilderung der Radtour mit hübschen herbstlichen Bildern aufwartet, hat mich der jüdische Friedhof von Beelen geistig verweilen lassen. Da passt es, dass der Tag im Grau versinkt.

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    • In Warendorf gibt es zwei jüdische Friedhöfe, einen alten, der an der ehemaligen Stadtmauer liegt und als romantisch beschrieben werden könnte. Was natürlich nichts anderes heißt, als dass er unzugänglich und verwildert ist. Der neuere Friedhof wurde von den Nazis geschändet, die Inschriften der Grabsteine wurden unkenntlich gemacht, als wolle, als könne man noch den Toten etwas antun.

      Gefällt 2 Personen

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