Hinschauen

Foto;: Elfie Voita

Foto;: Elfie Voita

Osnabrück ist, aus dem westfälischen Münsterland betrachtet, eine Stadt, die man nur besucht, wenn in NRW ein arbeitsfreier Tag ansteht, den die Niedersachsen nicht genießen dürfen. Ansonsten: Für uns sind es 35 km nach Münster und 43 nach Osnabrück.

Muss man nach Osnabrück? Mal abgesehen davon, dass es ein Kaufhaus gibt, dass dienstags ein Reibekuchenbuffet anbietet? Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal! Natürlich haben wir Reibekuchen gegessen, aber weil es nicht Dienstag war, gab es auch kein Buffet.

Jedenfalls nicht im Ratskeller, denn dorthin hatte es uns verschlagen. Altstadt. Matjes mit Reibekuchen stand auf der Speisekarte. Klang für mich hinreichend exotisch. Es gab 1 Matjes und 1 Reibekuchen. Also schon pro Person. Aber das war eine angemessene Portionsgröße für einen Tag, an dem man ohnehin noch einen Kaffee trinken geht und irgendwo ein Stück Kuchen isst. Matjes und Reibekuchen entpuppten sich übrigens als hervorragende Kombination.

Osnabrücks Fußgängerzone ist groß, gut, die Hauptstraße der Fußgängerzone heißt ja auch Große Straße. Sie ist nicht nur groß, sie ist auch beliebig. Wie fast überall. Wie auch in Münster oder Bielefeld. Aber Osnabrück hat eine Altstadt, die tatsächlich noch über alte Häuser verfügt. Über schöne alte Häuser und prächtige alte Häuser in schmalen Gassen und an breiten Plätzen.

Osnabrück ist auch die Heimatstadt von Erich Maria Remarque, dem Autor, der mit seinem Roman ‚Im Westen nichts Neues‘ den modernen Krieg demaskierte, wie es niemand vorher getan hatte, jedenfalls niemand, der gedruckt und veröffentlich worden wäre. Es gibt dort das Erich Marie Remarque-Friedenszentrum, mit dem es mir bislang so ging, wie mit der Ausgabe der Remarque-Romane, die in meinen Bücherregal steht: Ich hatte noch nicht reingeschaut.

Im Westen nichts Neues kenne ich, klar, aber ich könnte nicht darauf wetten, dass ich das Buch gelesen habe. Den Film habe ich gesehen. Die Art, wie die Presse Ende der zwanziger Jahre auf die Veröffentlich des Romans reagierte, ist auch für den heutigen Leser noch schockierend. Eine Gefahr für die Jugend! Als wäre das Gemetzel des Krieges nicht die viel größere Gefahr! Da war es schon fast erwartbar, dass die Nazis Remarque die Staatsbürgerschaft entzogen.

Er emigrierte in die USA, seine Schwester Elfriede Scholz wurde 1943 wegen Wehrkraftzersetzung hingerichtet. Roland Freisler, der ‚Richter‘, an dessen Händen das Blut vieler Unschuldiger klebte, bezog sich im Urteil sogar darauf, dass Remarque den Nazis leider entkommen sei. Die Stadt Osnabrück hat später eine Straße nach Elfriede Scholz benannt. Es gibt keine Wiedergutmachung, nicht für das, was damals geschah, aber man kann es anerkennen und die Opfer würdigen. Und das tut Osnabrück im öffentlichen Raum. Nicht nur mit einem Straßennamen.

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20 Gedanken zu “Hinschauen

  1. Im Westen nichts Neues….oft gehört und nie gelesen. Aber jetzt, weil ich es nicht mag über ein Buch viel gehört, es aber nie gelesen zu haben.
    Eure Blogs lassen mich zu viel lesen wollen. Aber das ist ok. Ich hab ja noch ein paar Jahre 😉

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  2. Der Aufforderung „Hinschauen“ im Titel deines Beitrags bist du hier mal wieder nachgekommen, auch wenn sich manchen die Reibekuchen störend in den Weg legen. Vom Schicksal der Elfriede Scholz hatte ich bislang nicht gehört. Unfassbar wie die Nationalsozialisten gewütet haben, und gut, darauf immer wieder hinzuweisen, gerade in diesen Tagen.
    Das Foto zeigt wohl ein grausiges Zitat aus dem Roman?

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    • In Osnabrück wird mit einer Kunstaktion des 1. Weltkriegs gedacht. Zitate aus ‚Im Westen nichts Neues‘ finden sich an vielen Stellen der Stadt. Das Foto entstand in der Fußgängerzone. Die Reibekuchen… ja, da geht es mir wieder einmal um das ständige Nebeneinander von Alltag und Grauen.

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    • In der „Großen Straße“ zwischen Bücher Wenner und Tschibo-Stehkaffee hielten wir uns damals oft auf, um gleich das Gewicht der gekauften Bücher zu bestimmen. Und heute sind wir froh, durch die wunderbare Altstadt zu schlendern, wo nahe der Peitsche der aktuelle Trainer und ehemalige Rekordspieler der ansässigen Vereins eine leckere Sportsbar betreibt. Nach rechts dann zur Kunsthalle, geradeaus direkt durchs Heger Tor, von wo das Felix-Nussbaum-Museum schon zu sehen, guter Inhalt und gute Architektur, von Daniel Libeskind. – Fahre ich allein nach Osnabrück, dann eben zur Brücke Brücke. Für alles gilt: Forza Osna! 😉

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      • Vor Jahren hatte ich beruflich bei der Bundesstiftung Umwelt zu tun, auch ansässig in Osnabrück. Und ich erinnere mich gern an eine Führung durch den Botanischen Garten. Auf ein Bier in der Altstadt, derweil hinter uns auf dem Großbild ein Spiel der Fußball-Europameisterschaft lief, Sonst habe ich leider nicht viel gesehen.

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