Verblättert

Foto: Manfred Voita

Foto: Manfred Voita

Milde Oktobertage mit Sommersonnenschein aus den Restbeständen des Septembers, einem Cappuccino im Straßencafe und einer Eiswaffel in der Hand, gaukeln uns vor, dass alles gut ausgehen könnte. Doch dann, wenn wir ihm gerade auf den Leim gegangen sind,  lauert der Herbst uns in einer Waschküche auf, wäscht uns den Kopf und föhnt uns eine Sturmfrisur. Sein Bläserensemble zeigt was es kann: das laue Lüftchen, der frische Wind, die steife Brise, der schwere Sturm und manchmal sogar der starke Orkan. Und wer sich nicht ehrfürchtig beugt, dem reißen sie den Hut vom Kopf.

Böige Winde aus wechselnden Richtungen? Da neckt doch einer Radfahrer!

Wenn keiner hinsieht, färbt der Herbst mit seinen prächtigen, garantiert ungiftigen, lösungsmittelfreien und biologisch abbaubaren Farben die Blätter der Bäume und Büsche, um sie nur wenig später abzureißen und achtlos in den Schmutz zu schmeißen.

An dunklen Abenden, die schon vormittags beginnen, verbergen wir uns vor seinem Jähzorn und während wir bei einem Glas Rotwein philosophisch werden, heult und brüllt und tobt und wütet er wie ein ungezogenes Kind und schüttelt mit unsichtbarer Riesenfaust die Bäume… um am nächsten Morgen in einer Ecke mit vertrocknetem Laub Ringelreihe zu spielen, Drachen steigen und Fahnen knattern zu lassen. Vergnügt kullert er dann Dosen über die Straßen und stülpt übermütig Schirme um. Doch nicht lange, dann wird die Welt eingeweicht und der Regen peitscht uns unbarmherzig unter ein schützendes Dach.

Mal gibt der Herbst sich an goldenen Abenden mild und altersweise und ist doch nur ein Naseweis: Frühreif spielt er mit den Röcken der Damen Marilyn Monroe. Raureif überrascht uns am nächsten Morgen. Er führt uns aufs Glatteis und packt die Welt, wenn’s gar zu kalt wird, unter eine weiße Decke.

Und wenn er einen Vornamen hat, dann den: April.

Wir aber ziehen den Schal enger, trinken einen Schluck Lindenblütentee, brechen noch einen Riegel Schokolade ab und warten auf den Frühling.

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17 Gedanken zu “Verblättert

  1. Eine schöne Herbstbeschreibung. Und obwohl er so kalt, stürmisch und nass sein kann, ist er so wie er ist genau richtig. Eine Rechtfertigung für Tage auf dem Sofa. Begleiter für Bücher, Rotwein und faulen Müßiggang. Nur zu lange darf er nicht dauern ;)..

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