Prag (2)

Da schraube ich gerade an meinem Text herum, recherchiere und vertiefe mich mit zunehmender Begeisterung in mein Thema, in Windungen und Seitenwege. Wie schade, in alten Bibliotheken oder Museumarchiven kann man noch auf Werke stoßen, die als verschollen galten, die niemand mehr kennt oder die einfach verkannt wurden. Im Netz… jeder kann finden, was ich finde, lesen was ich lese, schlimmer noch, es hat ja jemand erst vor Tagen, Wochen oder Monaten ins Netz gestellt, sicher aber nicht vor 500 Jahren. Egal. Es ist wie ein Wasserfall, ich stelle mich drunter und es hört einfach nicht auf, da kommen Texte, Bilder, andere Quellen und mehr und mehr.

Ach so, ich habe noch nicht gesagt, was mich da gerade umtreibt? Umtreiben ist übrigens genau das richtige Wort. In Prag der frühen Neuzeit, obwohl es für Prag möglicherweise auch noch das späte Mittelalter war, trieb sich, so die Legende, der Golem herum. Ein aus Lehm geschaffenes Wesen, dem Atem eingehaucht wurde und das, einen Zettel mit dem Schem, dem Namen Gottes, unter der Zunge, auszog, zu tun, was man ihm befahl. Wir kennen übrigens sogar das genaue Datum, an dem der Golem an den Start ging, es war der 17. März 1580. So ein Datum mach die Sache doch gleich glaubhafter.

Die Geschichte ist nicht so ganz neu, bei Adam waren es auch Lehm und der Atem Gottes, beim Golem reichte der Atem eines gläubigen und sehr weisen Mannes. Immer wieder wurde diese Geschichte erzählt, fand ihr Echo in der Literatur und in Deutschland ganz besonders in dem Roman „Der Golem“ von Gustav Meyrink, der 1915 erschien. Filme entstanden und – deshalb die Einleitung zu diesem Text – vom 23.09.2016 bis zum 29.01.2017 gibt es eine Ausstellung zu genau diesem Thema im jüdischen Museum in Berlin. Ich will da hin.

Prag ist für die Geschichte nicht zwingend notwendig, der Golem wurde auch schon andernorts gesichtet. Meyrink greift aber auf eine Vorlage aus dem 19. Jahrhundert zurück, als die Legende nämlich mit Rabbi Löw verknüpft wurde. Wenn man seit rund 300 Jahren tot ist, kann man wohl nichts dagegen tun, plötzlich zum Schöpfer dieses Golems erklärt zu werden.

Rabbi Löw jedenfalls ist auf dem alten Prager Judenfriedhof bestattet und wegen des Golems eine Art Popstar unter den Toten. Neben dem Friedhof finden sich viele Andenkenläden, die kleinere und größere Golems im Angebot haben.

Wer den Golem selbst zu finden hofft: Es gibt einen Raum auf dem Dachboden der Altneusynagoge in Prag, in dem der Rabbi Löw den Golem, nun, sagen wir stillgelegt hat. Der Raum soll jahrhundertelang nicht betreten worden sein – und dort liegt ein Häufchen Lehm. Ganz bestimmt.

Teil 1

Teil 3

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14 Gedanken zu “Prag (2)

  1. Mir fiel sofort ein, als ich Golem las: Stanislav Lem, „Also sprach Golem“ in dem er einen Computer so nennt und mein zweiter Gedanke war dann, ob Tolkiens Wesen namens Gollum eine Abwandlung davon ist ? ich mag das, dass ich bei deinen Beiträgen immer nachdenke und etwas lerne !

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    • Golem und Gollum… darüber habe ich nie nachgedacht, aber die Verbindung scheint doch naheliegend. Tolkien hat sich schließlich reichlich bei den Sagen und Mythen bedient, da war ihm der Golem ganz sicher bekannt. Lems ‚Also sprach Golem‘? Hmm, mal nachsehen, bei mir steht so einiges von Lem im Regal, vielleicht auch das.

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  2. … und Prag ist so nah. Wie ich das mit der linksdrehenden Uhr ebenfalls nicht wußte, wußte ich auch nicht, daß Juden ihr Grab auf Ewigkeit haben, nicht wie in den anderen Religionen auf Zeit. Und die Totenruhe wird eben nicht gestört durch Pflegearbeit. Wurde mir beim Denkmalstag auf dem Jüdischen Friedhof in Münster gerade erklärt. Ich unterschreibe mal hier: „Es ist wie ein Wasserfall, ich stelle mich drunter und es hört einfach nicht auf, da kommen Texte, Bilder, andere Quellen und mehr und mehr.“ Danke.

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  3. Es muss 1976 gewesen sein, als ich mit der „Schule“ Prag, den Jüdischen Friedhof und die Synagoge besuchte. Ich wünschte, damals mit meiner heutigen Einstellung und jetzigem Interesse unterwegs gewesen zu sein.
    Eine schöne Erinnerung, hervorgerufen durch Deinen Bericht!

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  4. Die Bücher, die Google für Google Books von seinen Computern automatisch einscannen läßt, hat zum großen Teil auch kaum jemand gelesen, da werden sich also noch einige Schätze heben lassen. Aber Du hast schon recht, es ist etwas anderes, wenn man nur ein paar Wörter in den Rechner tippt, als wenn man sich zur Recherche tagelang durch alte Folianten wühlt.

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  5. Pingback: Prag (3) | Manfred Voita

  6. Pingback: Prag (1) | Manfred Voita

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