Rom

Also ich bin empört! Diese Römer! Wenn ich das gewusst hätte, dann… äh, gut, dann wäre alles ganz genau so geschehen, denn 43 vor Christus war schon wieder alles vorbei. Meine Empörung verrät schon, dass ich nicht über eine klassische Bildung verfüge, also nie Latein gelernt und Cäsar oder Cicero gelesen habe.

Mein Wissen über die Römer verdankte ich bisher drei kurzen Kapiteln aus „Wir sind das Abendland“, einer Art Geschichte und Kulturgeschichte des Abendlandes, geschrieben von Ivar Lissner, einem erfolgreichen Sachbuchautor im Nachkriegsdeutschland. 1966, als ich dieses Buch geschenkt bekam, war es nicht unüblich, dass Menschen keine Vorgeschichte hatten – oder sich an diese Geschichte nicht mehr erinnern wollten. Lissner war wohl einer von der Sorte. NSDAP-Mitglied, Autor für den Angriff und den Völkischen Beobachter, jüdische Vorfahren, Rauswurf aus dem NSDAP-Umfeld, später dann Spion für das Großdeutsche Reich und noch später Antikommunist und Sachbuchautor.

Ein Leben, das vermutlich Material für einen Roman hergäbe. Aber, wie gesagt, ich wusste nichts von ihm, niemand wusste etwas über ihn, aber er wusste viel über europäische Geschichte und deshalb habe ich sein Buch als Jugendlicher mehrfach gelesen.

Eine weitere wichtige Quelle soll nicht unterschlagen werden: Asterix. Aber das war es dann auch schon. Nein, da fallen mir gerade noch diese Monumentalfilme ein, die Hollywood in die Kinos brachte. Mittlerweile weiß ich natürlich, wie Hollywood die Geschichte zurechtbiegt, damit sie eine gute Geschichte abgibt, aber damals?

Und jetzt kommt also dieser Robert Harris daher und nimmt sich Cicero vor. 12 Jahre hat er daran gearbeitet, weit mehr als 1500 Seiten geschrieben – und ich habe die Hörbuchversion gehört, gekürzt und dennoch ein umfangreiches Werk. Ehrlich gesagt bestand mein Rom-Bild aus angeschlagenen Statuen und eindrucksvollen Ruinen. Harris bringt da Leben hinein und holt die Leute vom Sockel – und mich von den Socken.

Wie demokratische Prozesse in der Weltmacht Rom abliefen, wie Recht gesprochen wurde und wie die demokratischen Prozesse ausgehöhlt und korrumpiert wurden, wie die Rechtsprechung manipuliert wurde, das war mir ja alles nicht neu, nur hatte ich das für Erscheinungen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts gehalten.

Cicero, bzw. die drei Bände Imperium, Titan und Dictator von Robert Harris, ist ein Erlebnis, wenn man an Geschichte, Politik, Leidenschaften, Intrigen und den Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens interessiert ist. Und woran sonst könnte man interssiert sein?

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9 Gedanken zu “Rom

    • Die Hörbuchausgabe ist gekürzt, ich weiß aber nicht, wie viel das ausgemacht hat. Aber es stimmt, als erstes habe ich Vaterland gelesen, die Geschichte, die von der Voraussetzung ausgeht, dass Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen hat und die Nazis immer noch regieren. Die Ciciero-Biografie hat mich jedenfalls neugierig auch die anderen Bücher von Harris gemacht.

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  1. Ein Freund und Kollege Lateinlehrer, sagte oft: „Dem Lateiner ist nichts Menschliches fremd.“ Alles was man an menschlichen Lastern, Verbrechen, Machtmissbrauch und Intrigen kennt, hat es im alten Rom schon gegeben und ist getreulich überliefert, Von älteren Kulturen wissen wirs nur nicht, weil es nicht aufgeschrieben wurde. Wie es aktuell in unserer Gesellschaft zugeht, erfahren wir nicht, weil vieles aus Opportunitätsgründen geheim gehalten wird. Gebessert hat sich der Machtmensch vermutlich nicht.

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  2. Ah ja, interessant. Ich habe mal den Roman „Pompeji“ von ihm gelesen, und soweit ich mich erinnere, war er etwas langatmig – und das Ende natürlich sehr vorhersehbar, auch das der Protagonisten, aber insgesamt: Gut lesbar.

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  3. Seinen 400-Seiten-Roman Vaterland habe ich in den 90ern gerne gelesen. Auch eine historische Geschichte, vom Berlin der 60er Jahre zurück in Vorfälle im Großdeutschland. Ehemals Heyne, dann bei Haffmans wieder aufgelegt.

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