Prag (1)

 

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Prag. Eine Reise, die einen schwer zu fassenden emotionalen Wert für mich besitzt. Mein Vater war Sudetendeutscher, einige seiner – und damit auch meiner – Angehörigen leben wohl noch in Tschechien. Ich bin also quasi ein Heimatvertriebener der zweiten Generation, könnte also mit Tracht und Tschingderassabumm beim Sudetendeutschentag in Nürnberg auflaufen.

Ich habe gerade mal gegoogelt, um meine Vorurteile ein wenig aufzupolieren, aber zu meinem Schrecken musste ich feststellen, dass die Damen und Herren Vertriebenen der zweiten und dritten Generation gar nicht so revanchistisch daherkommen, wie ich es erwartet hatte. Da spricht sogar ein Vertreter der tschechischen Regierung, da wird über Vertreibung und Flucht geredet – aber auch mit Syrern. Da wird der Nationalsozialismus nicht ausgeblendet.

Egal, ich will und muss da nicht hin. Nach Nürnberg meine ich, zu den Berufsvertriebenen, nach Tschechien schon.

Es ist ein fremdes Land. Oder doch nicht, nicht so ganz. Schon im Bus, gleich nach der Grenze, irgendwo hinter Leipzig, beginnt diese Region, ich habe mich nie genauer mit ihrer Ausdehnung beschäftigt, die einmal das Sudetenland war. Ein Teil Böhmens. Ein Gebiet, das einst zur K. u. K. Monarchie gehörte.

Ich schaue aus dem Fenster, möchte nichts verpassen und weiß doch nicht, was ich verpassen könnte. Mein Vater war hier zuhause. Irgendwo hier oder doch nicht hier, aber nicht weit weg von hier. Die deutschen Ortsnamen sind verschwunden, die tschechischen kannte er nicht, ich kenne weder die einen noch die anderen. Trotzdem muss ich nochmal her, besser vorbereitet, es ist so eine Sache mit den Wurzeln. Landschaftlich reizvoll, wirtschaftlich offenbar abgehängt, so zeigt sich die Region.

Später spricht eine unserer tschechischen Fremdenführerinnen darüber, dass inzwischen auch in Tschechien ein Bewusstsein für die gemeinsame tschechisch-deutsch-jüdische Geschichte entsteht. Kein Wunder, Prag ist geprägt von dieser gemeinsamen Geschichte, sie ist steingeworden, überall sichtbar und doch verloren in dem Sinn, dass die einstige Zweisprachigkeit abhanden gekommen ist.

Gerade in Prag wird mir klar, wie sehr ein ähnlicher Verlust auch unsere deutsche Gesellschaft prägt, nämlich der Verlust der jüdischen Kultur, die bis in die Jahre der NS-Diktatur ein selbstverständlicher Teil des Alltags war. Als ich die Uhr an der Altneu-Synagoge in Prag sah, eine Uhr mit hebräischen Ziffern, und erfuhr, dass jüdische Uhren „gegen den Uhrzeigersinn“ laufen. Das wusste ich nicht. Nun ist es keineswegs selten, dass ich etwas nicht weiß, aber etwas so alltägliches wie eine Turmuhr? Etwas, das vermutlich einst zu jeder deutschen Stadt gehörte! So, wie die Geschäfte, die Kleidung, die Friedhöfe. Weg. Verschwunden aus unseren Städten. Vergessen.

Teil 2

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10 Gedanken zu “Prag (1)

  1. ich werde nächstes Jahr nach Tschechien reisen, meines Vaters Geburtsort liegt auch dort. Es ist auch meine erste Reise in unsere frühere Heimat und die Erzählungen meiner Eltern werden mich begleiten. So werde ich deinen Erzählungen nun gerne folgen, manches wird sich für mich dann später ähnlich anfühlen.

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  2. Pingback: Prag (2) | Manfred Voita

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