Verschlafen

Der Käfer, schwarz, vielbeinig und schnell, begegnete auf einem seiner Waldspaziergänge einer Schnecke. Weil der Käfer in jüngster Zeit aber häufig einem unachtsamen menschlichen Fuß oder dem Schnabel eines hungerigen Vogels nur knapp entgangen war, bat er die Schnecke, ihm ihr Haus abzutreten.

Die Schnecke zögerte schamhaft, weil sie sich ein Leben als Nacktschnecke nicht vorstellen mochte. Dann aber bot sie dem Käfer ein Geschäft an. Sollte es ihm gelingen, ihm ein paar Räder zu beschaffen – sie war sich ihrer Langsamkeit durchaus bewusst – würde sie ihm ihr Haus überlassen. Der welterfahrene und weitgereiste Käfer wusste nun aber, dass es ein einem Kinderzimmer, gar nicht so weit entfernt, ein Spielzeugauto mit geeigneten Rädern geben müsste.

Er machte sich rasch auf den Weg, fand das Haus, kletterte durch ein Schlüsselloch in das Kinderzimmer, fand das Auto, fand auch die Räder, schlief dann jedoch erschöpft von den Anstrengungen des Tages ein.

Als er aber am anderen Morgen erwachte, fand er sich in ein Menschenkind verwandelt. Das war zwar einerseits schade, andererseits aber hatte er nun immerhin ein Haus.

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15 Gedanken zu “Verschlafen

  1. Eine hübsche Erzählung. Die mich mit ihrem ruhigen Tonfall herrlich ablenkt, da ich mich gerade in der ubahn mit Unmengen angetrunkener Konzertbesucher befinde. Der Kontrast ist wohltuend. Danke.
    Nun haben sie beide ein Haus. Nur mit der Langsamkeit muss die Schnecke sich abfinden. Ihr Haus erscheint mir wertvoller.

    Gefällt 3 Personen

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