Gedankenfreiheit oder Gedankenlosigkeit?

Wieso sind wir eigentlich immer einer Meinung?

Ich neige ja dazu, quer im Stall zu stehen, wie man das im Münsterland nennt, wenn einer nicht ganz ins System passt. Aber dann lese ich die Zeitung und wir sind einer Meinung, wir haben Recht.

Wobei? Nur ein paar Beispiele!

Wir wissen viel besser als die Amerikaner, wer der neue Präsident werden soll, bzw. die neue Präsidentin und wir verstehen überhaupt nicht, dass offenbar Millionen Amerikaner ganz anderer Auffassung sind. Idioten. Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Ich will hier nicht eine Lanze für Herrn Trump brechen. Huch, wo kommt denn diese kriegerische Ausdrucksweise her? Egal.

Wir sind uns auch einig darin, dass Herr Erdogan in der Türkei übertreibt. Ich war noch nie in der Türkei, ich habe allerdings schon oft mit Türken geredet. Allerdings noch nicht nach dem Putschversuch. Ich vermute jedoch stark, dass die Türken oder türkischstämmigen Deutschen, die ich kenne, auch eher zum Kreis der Erdogan-Fans zu zählen sind. Aber wir wissen es ja besser. Das der IS schlecht für die Welt ist, für Ost und West und natürlich auch für die Moslems, das wissen wir auch. Landesweit. Wieso sind wir eigentlich plötzlich alle Experten in arabischer Innen- und Außenpolitik und in Fragen des Islam? Döner essen zählt nicht. Und Badeurlaub in Antalya auch nicht.

Wir wissen, dass die Griechen Probleme mit ihrem Steuersystem haben  und Putin offenbar ein Autokrat ist, der das Land gegen die Wand fährt. Und ja, ich schlage die Zeitung auf oder sehe mir die Nachrichtensendungen an und teile diese Ansichten, gut, nicht alle, aber doch viele.

Aber dann geht es um die Innenpolitik, um unser Bildungssystem, das Rentensystem, den Verkehrswegeplan und plötzlich sind wir nicht mehr einer Meinung. In der Beurteilung der Außenpolitik stehen wir alle immer noch Hinter Kaiser Wilhelm II, der auch keine Parteien mehr kannte, sondern nur noch Deutsche.

Wie leicht sind wir eigentlich auf Linie zu bringen, wenn es gegen die blöden Anderen geht?

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11 Gedanken zu “Gedankenfreiheit oder Gedankenlosigkeit?

  1. Noch immer staune ich darüber, wie wenig ich noch in den 90-ern reflektiert habe, dass mein Weltbild überwiegend aus zweiter und dritter Hand stammt. Getreu einem positivistischen Medienbegriff habe ich gedacht, es würde beispielsweise reichen, verschiedene Zeitungen zu lesen. Heute ist mir freilich klar, dass ich allen Informationen, die mich über ein Medium erreichen, erst mal skeptisch begegnen muss. Trotzdem tappe ich manchmal in die Falle, etwas für gegeben anzusehen, nur weils gedruckt ist. „Gedankenfreiheit“ kann man vermutlich nur durch Medienabstinenz gewinnen, denn sonst ist man doch wie ein Kalb hinter einem Karren angebunden und trottet gedankenlos durch die Karrenspur.

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    • Überraschend ist zum Beispiel, wie differenziert im Radio berichtet werden kann. Der Deutschlandfunk oder WDR 5 berichten umfangreicher und damit auch häufig neutraler. Im Fernsehen, gerade in den Hauptnachrichtensendungen, bleibt davon dann nur eine verstümmelte Meldung übrig, die für sich genommen unverständlich ist. Schlimmer noch sind moderierte und kommentierte Nachrichtenshows wie die Tagesthemen, die von inoffiziellen Regierungssprechern präsentiert werden.

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  2. Tja, das ist eben das Wesen der DDR 4.0, die man in Perfektion installiert hat.
    Wenn die Bürger im eigenen Land nur noch eine einzige Meinung haben dürfen, dann muss man ihnen Feindbilder zugestehen, an denen sie ihren Frust auslassen können.

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  3. Wenn es um die ‚blöden Anderen‘ geht, schließen wir uns sogar mit denen zusammen, die wir eigentlich nicht leiden können. Das ist ein psychologisch-soziologisches Phänomen, das man im Kleinen ständig beobachten kann.

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  4. Verschiedene Zeitungen zu lesen oder verschiedene Sender zu hören gaukelt eine Wahlmöglichkeit vor, die natürlich nicht vorhanden ist. Kritisches Denken schärft sich am Monotheismus, am Monopol, am Immergleichen. Über die Zeit kann man dann beim Lesen und Hören viele Widersprüche aufdecken, die man sonst der vorgegaukelten Vielfalt zurechnen würde. – Ich lese die FR und höre WDR5 und natürlich jedes Wochenende den VfL-Lauschangriff. 😉

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