Wieso denn das?

Von Jens Burkhardt-Plückhahn - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28002271

Ernst Barlach: Schwebender; Jens Burkhardt-Plückhahn – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28002271

Was fällt dir ein, wenn ich Güstrow sage? frage ich.

Uhrenvergleich? Kennt man nicht mehr. Es erinnert sich auch kaum noch einer daran, dass nicht alle Uhren die gleiche Zeit anzeigten. Nicht, weil die Batterie zu schwach war, sondern weil das „beim letzten Ton des Zeitzeichens war es genau…“ schon zu lange her war, zu lange nicht die Uhr nachgestellt worden war. Ja. Uhren wurden noch von Hand gestellt und nicht per Funk aktualisiert. Deshalb glich man, wollte man sicher gehen, dass alle zur gleichen Zeit etwas taten, vorher die Uhren ab. Auch Erinnerungen müssen, ähnlich wie die Uhrzeit, ab und an mal abgeglichen werden,

Erinnerst du dich noch? Noch! Dieses ’noch‘ macht es schon klar, jetzt noch, nächstes Mal auch noch, aber dann, irgendwann in Zukunft eben nicht mehr. Vielleicht aber auch schon jetzt nicht mehr. Und dann erinnert sie sich an Güstrow, aber vielleicht an etwas ganz anderes, möglicherweise an die Güstrownomie, oder wie die Gaststätten dort heißen mögen, im tiefen Osten. Und mir fällt eine doofe Kreuzung ein, vierspurige Straße, ein paar Bäume auf der anderen Seite. Wenn ich mich bemühe, kriege ich diese Erinnerung vielleicht sogar noch schärfer gestellt. Aber wozu?

Weshalb sollte ich mich an diese blöde Kreuzung erinnern wollen? Ich hätte da noch eine andere hässliche Straße aus Güstrow im Angebot.

Klar, ich kann mich auch an schöne Seiten Güstrows erinnern. Ernst Barlach hat dort gelebt und gearbeitet und sein ‚Schwebender‘ hängt im Güstrower Dom. Der mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz, was Barlach zufolge einfach so passiert ist, ohne Absicht. So, als hätten sich Barlachs Finger an etwas erinnert, was ihm selbst gerade nicht präsent war.

Erinnerung ist schon eine komische Sache. Man reist hier hin und dort hin und kommt wieder mit einem Schatz an Erinnerungen. Schöner Schatz, wozu bitte soll denn diese Kreuzung gut sein? Und immer, wenn ich dieses Spiel spiele, eine Erinnerung abrufe, dann schießt da – wie ein Springteufel – ganz sicher so was Albernes hervor. Mal gut, dass ich nicht verantwortlich bin für die Ansichtskarten. Meine Amsterdam-Karte würde eine Hinterhofecke mit zerbrochenen Obstkisten präsentieren. Berlin wäre eine S-Bahn-Haltestelle. Wäre nicht weiter schlimm, die Leute kaufen ohnehin, packen wir halt einen Bären und drei Kreuze drauf. In Radolfzell gab es Ansichtskarten des Bodensees, auf denen Osten und Westen vertauscht waren, Bregenz also plötzlich links lag.

Egal. Wen interessieren solche Feinheiten? Spätestens jetzt, nachdem ich all das auch noch aufgeschrieben habe, kriege ich es ganz sicher nicht mehr aus dem Kopf.

London?

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13 Gedanken zu “Wieso denn das?

  1. Lieber Herr Voita!
    Was fällt mir ein, wenn ich Güstrow lese? Und Herrn Barlachs Plastik vor meinen Augen schweben sehe? Die Schulzeit. Sansibar oder letzte Grund. Mit dem lesenden Klosterschüler. Von Barlach. Ich erinnere mich noch. Der Springteufel hat ganze Arbeit geleistet. Das kriege ich sicher nicht mehr aus dem Kopf. 🙂
    Herzliche Grüße aus dem Klassenzimmer
    Mallybeau M.

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  2. An Güstrow habe ich keine Erinnerung, was nicht heißt, dass ich so vergesslich wäre, sondern daran liegt, dass ich noch nie da war. Aber in der Marktkirche Hannover war mal eine imposante Barlach-Ausstellung, Skulpturen und Zeichnungen. Ich habe selten so ausdrucksstarke Zeichnungen gesehen.
    Was den obsoleten Uhrenvergleich betrifft: Die Absprache per Uhr ist durch die per Smartphone ersetzt worden.

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      • So viel Wut hat dieser Schwebende auf sich gezogen, weil er nach Ansicht der herrschenden Nationalsozialisten das Bild der gefallenen Helden verunglimpfte. Helden hatten heroisch zu sein, Trauer passte nicht. Wie sich die Zeiten doch ändern – heute ist der Schwebende völlig unumstritten, vielleicht, weil sich nicht mehr so viele Menschen in die Kirchen verirren. Dafür wird ein Popsong, der sich gegen den Krieg ausspricht, einfach mal von der Playlist verbannt, weil er die Wehrkraft zersetzen könnte. So geschehen während des Falklandkrieges in GB, es handelte sich um einen Song von Kate Bush. Habe ich heute erst gehört. Nicht den Song, die Geschichte dazu. Künftige Helden sollen nach wie vor nicht allzu viel über Tod und Leid nachdenken, dass schadet dem Hurra.

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  3. Und nun, wo ich diesen Beitrag gelesen habe, erinnere ich mich sehr genau daran, wie ich 1995 immer wieder um den Schwebenden im Güstrower Dom herumging und diesen Engel von allen Seiten fotografierte, und es genoss, dass niemand anderes – bis auf meine Schwiegermutter, mit der ich kurz vor ihrem Tod auf einer Erinnerungsreise in ihre Jugend durch Mecklenburg-Vorpommern befand – bei dieser Figur war, von der ich vorher so viel gelesen habe.
    Später gab es dann im TV einen Bericht über den Besuch Helmut Schmidts in Güstrow zu DDR-Zeiten, über die Abriegelung der Stadt durch Stasi und Volkspolizei und dem Ausschluss der Bürger, diesem Besuch beiwohnen zu können. Die ganze Stadt wurde nur von Stasi und Parteitreuen „belebt“.
    Das Bild des Schwebenden allerdings habe ich fest abgespeichert.
    Und nun ist es wiedr aufgefrischt worden.

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  4. Vor wenigen Jahren gab es einen Sommer lang eine große Barlach-Ausstellung in Münster. Der Engel hing damals in der St. Johannes Kapelle nahe dem Buddenturm. Sieben Kirchen und das Stadttheater waren schöne Ausstellungsorte. – Am öden Güstrow fahre ich immer schnell vorbei. 😉

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    • Habe ich auch gesehen, aber auch da gilt, wenn zu viel auf einmal angeboten wird, verliert das einzelne Werk. Gestern habe ich den „Sänger“ in Hannover im Sprengelmuseum gesehen, gut, drei weitere Werke von Barlach waren noch da. Aber die Skulptur hat eine ganz andere Wirkung.

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