Abgefahren

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Wir reisen gern. Ich bin jetzt nicht der Fernreisende, nicht, weil mich die Ferne nicht interessiert, sondern eher, weil mich interessiert, weil ich verstehen will, was ich sehe. Da meine Sprachkenntnisse aber begrenzt sind, ehrlich gesagt über ein ordentliches Niederländisch und ein unordentliches Englisch nicht hinausgehen, bliebe mir folglich wohl nur die Studienreise.

Ach so: Wegen Sonne und Sand reise ich schon überhaupt nicht. Einen Sonnenbrand kann ich mir auch auf der Terrasse holen und ein Strandspaziergang ist auch auf Ameland, Spiekeroog oder …. (Lieblingsinsel bitte einfügen) möglich, da muss ich nicht auf die Seychellen oder nach Malocha. Nicht böse gemeint, konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Wegen Landschaft muss ich auch nicht aus dem Haus. Ja. Natur ist schön. Natur ist eindrucksvoll. Aber nicht vierzehn Tage lang am Stück. Das ist doch so wie im Museum. Willem Brakman, der niederländische Schriftsteller, sagte bezogen auf einen Besuch im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster sinngemäß, dass viele Bilder die Feinde des einzelnen Bildes seien – und das gilt auch für Gletscher, Wälder, Bergseen und Fünftausender . Da warte ich, bis die schön einzeln bei mir vor dem Wohnzimmerfenster vorbeischauen.

Da habe ich doch gerade Willem Brakman wieder einmal herangezogen. Kees ‚t Hart, ein niederländischer Schriftsteller, der, soweit ich das weiß, nicht mit Maarten ‚t Hart verwandt ist, sagte: „Ergens aan beginnen en er dan van af zien te komen, zo deed Brakman dat.“ „Mit etwas anfangen und dann versuchen, es loszuwerden, so machte es Brakman“, so könnte man es wohl übersetzen. Gefällt mir als Schreibhaltung.

Ist mir wohl auch gerade gelungen, denn es ging mir ja ums Reisen. Präziser: Es geht mir um das Reisen, wie es im Fernsehen gezeigt wird. Wunderschön, so hieß es am Sonntag und zwei Frauen machten sich mit ihren Fahrrädern auf den Weg, auf den Ostseeküstenradweg. Ich habe nichts gegen Frauen, ich fahre gern Fahrrad und die Ostseeküste ist schön, jedenfalls die Küstenteile, die ich bisher erfahren habe.

Deshalb möchte ich dennoch nicht zwei mehr oder weniger gutgelaunten Radlerinnen dabei zuschauen, wie sie sich Pellkartoffeln mit Kräuterquark zubereiten, vorher noch dafür einkaufen, ein Kilo Kartoffeln übrigens, eher kleine, weil die mit Schale… ich will das nicht wissen. Wie sie am Strand Hühnergötter suchten, war für mich auch nur begrenzt interessant, zumal niemand sich die Mühe machte, uns die Bedeutung, Herkunft, Geschichte oder was auch immer dieser Hühnergötter auch nur ansatzweise zu erklären. Dafür wurde Stein um Stein aufgehoben und geprüft.

Ich habe auch keinen Bock mehr auf Bilder von Sandstränden, Strandkörben und Sonnenuntergängen. Doch, die sind schön – aber die sind überall schön und vermitteln mir überhaupt keinen Eindruck von Travemünde, Boltenhagen, oder Warnemünde. Gibt es denn nichts zu erzählen? Immerhin war die Musik perfekt auf den Beitrag abgestimmt, eine monotone Endlosschleife. Insgesamt hätte die Sendung also durchaus gewonnen, hätte man auf Bild und Ton verzichtet.

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10 Gedanken zu “Abgefahren

  1. Lieber Herr Voita!
    Werbeleiter einer Reisegruppe für idyllische Naturfahrten werden Sie wohl nicht mehr werden, der Zug ist abgefahren! 🙂 Um so mehr stehen mit Sicherheit die Touristen bei Ihnen Schlange, die ebenfalls kein besonderes Interesse daran haben, Pellkartoffeln mit Kräuterquark zubereitende Damen zu beobachten und lieber einem niederländisch sprechenden Querdenker lauschen möchten, dessen Endlosschleife wesentlich amüsanter und geistreicher ist, als die der Telekom.
    Die Sendung hat gewonnen! Echt abgefahren! 🙂
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau M.

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  2. Die Sendungen sind wirklich sehr schön gemacht, ein bischen sehr „heile“, aber durchaus Neugier weckend und gute Laune machend. Ja – und wenn man schon einmal in einer Gegend war, von der die Sendung berichtet, findet man Vieles bestätigt und man vermisst auch Einiges. Zum Entspannen aber gut geeignet. Ich mag ja auch den Norden. Langeoog ist seit beinahe 30 Jahren „meine“ Insel, aber auch die anderen Schwestern davon. Und an der Ostsee zu radeln ist wunderschön; der Darß mit seinen schiefen Windflüchtern….
    Moin! 😉

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  3. Zugegeben, ich habe gestern auch weggeschaltet nach der Szene mit den Hühnergöttern, die die beiden Hühner Damen da gesucht haben, aber zur Ehrenrettung: Manchmal ist die Sendung durchaus informativ und wartet mit schönen Bildern und interessanten Informationen auf. Es kommt ganz auf die ModeratorInnen an.

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  4. Zunächst möchte ich mal Willem Brakman beipflichten. Wenn ich spüre, dass meine Aufnahmekapazität durch viele Bilder überschritten ist, breche ich den Rundgang ab. Fotoausstellungen besuche ich so gut wie gar nicht. Da hängt einfach viel zuviel. Schreiben, um etwas loszuwerden, finde ich auch gut. Doch ist es ein langsamer Ablösungsprozess. Ein Weile lebe ich noch mit einem Text, lese, feile und redigiere, doch irgendwann habe ich ihn über. Dann bin ich auch das Thema vorerst los. Deine Einstellung zum Reisen teile ich. Was das genannte Sendeformat betrifft, krankt es an einem Stilfehler, der sich leider im Fernsehen der 3. Programme breitgemacht hat, dass nämlich die Reporter immer im Bild sein müssen, so dass es mehr um sie geht als ums Thema.

    Gefällt 3 Personen

    • Ja, da hast du sicher Recht. Das ist so wie bei den Urlaubsfotos, auf denen immer die gleichen Leute stehen, die, die man ohnehin schon kennt. Nur dass sie jetzt die Landschaft oder die Sehenswürdigkeiten verdecken, die sie sich gerade angesehen haben.

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  5. Ich bin mal mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok gefahren.
    Auf YouTube, versteht sich. Mit „Krieg und Frieden“ auf russisch im Hintergrund. Hab zwar nix verstanden, es war aber umso eindrucksvoller.
    Zugegeben: ab und an habe ich ein paar Tausend Kilometer übersprungen, weil ziemlich viel Wald auf der Strecke.
    Das Schöne daran: Ich musste nicht mal meine Koffer packen … 🙂

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