Auch ein Urlaubsbild

Der Bodensee. Mit dem Fahrrad. Also nicht über den See, sondern um den See. Unterbringung in Hotels, Gepäckservice und Frühstück inklusive. Muss ich erwähnen, dass der Bodensee schön ist? Dass viele Menschen genau diesen Eindruck teilen und deshalb dort wohnen, zumindest aber dort Urlaub machen wollen? Konstanz, die erste Station dieser Rundreise, beeindruckt uns mit seiner Lebendigkeit. Gut, an warmen Sommerabenden beeindrucken uns viele Städte, selbst Hamburg gibt sich da mediteran. Universitätsstadt, 80.000 Einwohner.

Am 06.07.1415 wurde hier Jan Hus verbrannt. Mir geht so etwas nicht aus dem Kopf. Vor unserer Ankunft in Konstanz hatten wir noch in Fulda an einer Stadtführung teilgenommen. Im Hochstift Fulda wurden zwischen 1600 und 1606 270 Frauen und 2 Männer hingerichtet. Hexenverfolgung hieß das. Erdogan will gerade die Todesstrafe wieder einführen, wenn das Volk es will. Das Volk will immer. Blut, mehr Blut, das Blut der Schuldigen. Soll sich doch die Zukunft um die Wahrheit kümmern, in ein paar hundert Jahren wird sich schon jemand finden, der eine Entschuldigung ausspricht, einen Gedenkstein stiftet und dann ist ja auch alles wieder gut.

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11 Gedanken zu “Auch ein Urlaubsbild

  1. Letztlich geht es immer um Macht und Privilegien, wie auch die schändlichen Vorgänge um Jan Hus zeigen.
    Zum Thema Hexenverfolgung: „Die letzte überlieferte Hinrichtung einer Hexe in Mitteleuropa fand 1793 in Südpreußen statt.“ (Wikipedia) So lange haben wir religösen Wahn und Aberglauben noch gar nicht hinter uns. Es ehrt dich, dass du dich nicht von der Schönheit einer Landschaft blenden lässt, sondern auch die Schattenseiten siehst und ansprichst. Welch ein Glück, dass du deine Kritik frei aussprechen darfst! Und welch ein Gück für Freidenker ist die Säkularisation. Wie es scheint, treibt die Türkei wieder von den säkularen Grundsätzen ihres Gründers Atatürk weg.

    Zur Gestaltung des Gedenksteins: Jan Hus weigerte sich ja, seine Kritik an der römischenn Kirche zu widerrufen, sondern ließ sich lieber verbrennen. Soll der Klotz oberhalb der Flammen einen Betonkopf symbolisieren?

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    • Es handelt sich offenbar um einen Kelch. Hus vertrat unter anderem wohl die Auffassung, dass die Kommunion mit Brot und Wein zu feiern sei, während die katholische Kirche bis heute daran festhält, nur das Brot zu teilen.
      Religiösen Wahn… haben wir den hinter uns? In Süddeutschland hörte ich in den Nachrichten einen Bericht über die „Zwölf Stämme“, eine religiöse Gemeinschaft, die sich auf das Urchristentum beruft und Gewalt gegen Kinder offenbar für richtig und notwendig hält. Irgendwo erhebt sich halt immer wieder etwas, von dem man hoffte, es würde längst der Vergangenheit angehören.

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  2. Und so schleicht sich der ‚politische Alltag‘ sogar in den Urlaub ein, allgegenwärtig, und verbindet sich mit der Vergangenheit. (Jetzt könnte man noch die Literatur hinzufügen). Ich lese gerade das Fantasy-Epos von George R.R. Martin. Es hat sich nicht viel geändert. Nur das Blutvergießen wird versteckter oder verlogener vorgenommen.
    Hm, eigentlich wollte ich aber schreiben, dass ich den Bodensee auch schön finde, besonders wenn man mit dem Fahrrad drüber fährt 😉
    LG, Ingrid

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    • „Wir fahren über’n See, über’n See..“ das ist doch ein Volkslied? Der Bodensee und die angrenzenden Gebiete sind schön.Die Geschichte gehört nun einmal untrennbar mit zu einer Landschaft wie zu unserer Existenz. Münster ist mit dem westfälischen Frieden verknüpft – oder auch mit den Wiedertäufern. Geschichte wird, wenn sie nur lang genug vergangen ist, zu Marketingzwecken wieder hervorgeholt und aufpoliert. Manchmal braucht es tatsächlich Literatur oder Filme, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie grausam Menschen schon immer sein konnten

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  3. Ihr habt es also geschafft zum See zu kommen, wie schön !
    Das sagte Goethe zu Jan Hus : „zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für die Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter wars, das den Sokrates durch Gift hinrichtete, das Zeitalter, das Hussen verbrannte: die Zeitalter sind sich immer gleich geblieben.“
    Eine Seite meiner Vorfahren waren wohl Hus.-Anhänger, wurde mir in alten Zeiten erzählt.

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  4. Als Historiker plädiere ich da immer für Vorsicht: Jemand wie Hus gehört nicht automatisch zu den „Guten“, weil er aus einem aus heutiger Sicht bekloppt scheinende Grund grausam hingerichtet worden ist. Er war ja ein Hardliner, ein Fundamentalist, dem die eher lockeren spätmittelalterlichen Sitten gegen den Strich gingen. Wenn ein gewagter Vergleich erlaubt ist: Ein geistiger Vordenker einer Talibanähnlichen Bewegung. Seine Leute, die Hussiten, sind dann nach seinem Tod ja auch wie der (noch ein Vergleich) IS über das eigene Land und die Nachbarländer hergefallen und haben dort grausam gewütet.

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    • Das ist sicher richtig, es geht auch weniger um die Inhalte, sondern die Art der Auseinandersetzung mit einem politischen und religiösen Gegner, ganz abgsehen davon, dass man den Mann mit dem Versprechen des sicheren Geleits nach Konstanz geholt hat. Letztlich ging es ja auch nicht darum, wer da Recht hatte, sondern darum, wessen Macht größer war.

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