Hoffmann und Campe machen sich einen Lenz

Dichterlesung Siegfried Lenz in der Landesvertr. Hamburg

Dichterlesung Siegfried Lenz in der Landesvertr. Hamburg

1952 hat Siegfried Lenz seinen Roman ‚Der Überläufer‘ abgeschlossen, veröffentlicht wurde er 2016. Übrigens von dem Verlag, der ihn ursprünglich abgelehnt hatte. Und seitdem verkauft sich das Buch offenbar richtig gut.

Damals, in den ersten Nachkriegsjahren, schien es politisch wohl nicht opportun, einen Deserteur zum Helden eines Romans zu machen. Heute feiert ihn die FAZ als meisterlich. Was er vielleicht 1952 war, vielleicht.

Aber was sagt er uns heute? Die Schrecken des Krieges kennen wir schon aus Bernhard Wickis „Die Brücke“, die Bilder aus dem Vietnamkrieg zeigten uns mehr, als wir sehen wollten, mehr als wir ertragen konnten und heute sind wir blind und taub geworden, durch das ständige Trommelfeuer im Kino, durch die Bombenanschläge in den Städten, den Terror in Afrika und in der arabischen Welt.

Da wirkt das Leben der Landser in ihrer kleinen Festung fast schon idyllisch. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus? Am Rande, eher philosophisch, nicht flammend, nicht wütend. Die Desertion? Eher ein Zufall, ja, dann konsequent durchgezogen.

Gut, Lenz kann nichts dafür, dass wir diesen Krieg inzwischen in Farbe und mit Ton kennen, aber wir können eben auch nicht hinter dieses Wissen zurück. Deshalb wirkt das Buch oft etwas behäbig, es hat uns nicht wirklich gefehlt. Und wer nichts anderes von Lenz kennt, für den ist ‚Der Überläufer‘ gewiss keine Einstiegsdroge.

Lenz hat zu Lebzeiten nicht auf die Veröffentlichung gedrängt. Jetzt konnte er sich nicht mehr dagegen wehren. Ein großer Name, ein neues Buch? Höre ich da nicht die Kassen klingeln?

Ein Buch, wie andere Nachkriegsbücher auch, nur, dass wir die längst gelesen haben und vermutlich nicht wieder aufschlagen werden.

Lenzen, sagt Wikipedia, sei eine Form des Abwetterns. So was ähnliches habe ich gerade getan.

 

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9 Gedanken zu “Hoffmann und Campe machen sich einen Lenz

  1. Dieses Foto!! Kein Retro sondern wahrlich die 50er. Auf solchen Möbeln saß man wirklich, die Frisuren der Damen sind echt, es gibt einen Teppichläufer eigens für den Vortragenden. Keine Beatles haben die Männerhaare lang wachsen lassen. Aufgenommen in schwarzweiß und alles wirkt etwas beengt. Kleinlich? Der Herr ganz rechts, was für eine Kriegsvergangenheit hatte er eigentlich? Einige Möbelstücke wanderten durch die Jahrzehnte, schmücken heute vielleicht Retro-Cafés, die auf der Retro-Welle mitschwimmen. „Der Überläufer“ die passende Lektüre dazu? Bei Bio-Kaffee-Latte?

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  2. Die Kriegsbilder von damals haben sich abgenutz. Ok, wir sind uns heute ganz anderes gewohnt. Aber ist nicht gerade dies das Tragische: Dass wir es uns eben gewohnt sind? Sind wir noch in der Lage, hinter vergleichsweise harmlosen Bildern die menschliche Tragik zu erkennen? Brauchen wir heute wirklich von Bomben zerfetzte Leichen, um auf das heranwachsende Unheil aufmerksam zu werden? Oder mit umgedrehter Perspektive: Müssen Menschen heute zu äusserster Grausamkeit greifen, wenn sie noch hoffen wollen, irgendwie wahrgenommen zu werden?
    Das Buch von Lenz mag kein literarisches Meisterwerk sein, aber vielleicht ein lehrreicher Einblick in die innere Zerrissenheit einer menschlichen Seele angesicht ihrer geschichtlichen Situation.
    Es erinnert mich auch ein wenig an Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“, das 1947 erschienen war, seinen eigentlichen Erfolg aber erst mit der Neuauflage 2011 gefeiert hat:

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  3. Ein interessantes Thema: Bücher in ihrer Zeit – und außerhalb davon. Also doch nicht zeitlos, sondern eingepasst in die jeweilige Situation, entstanden in ihr und mit dem, was man damals wusste, dachte, …
    LG, Ingrid

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    • Es sind wohl wenige Bücher, die zeitlos sind – und da reden wir dann über Shakespeare oder Goethe. Ältere Texte lesen wir doch eigentlich nur noch aus wissenschaftlichem Interesse. Bei Malerei ist es ähnlich. Irgendwann verstehen wir nicht mehr – oder nicht mehr unmittelbar – was uns jemand mitteilen will.

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      • Aber bei der Malerei sehe ich das so: ein bestimmter Stil kann allein durch seine Komposition und Technik faszinieren. Wenn man dann genauer hinguckt, versteht man vielleicht auch das Werk in seiner Zeit. Manchmal braucht man auch jemanden, der es einem erklärt.

        Konkret: ich hätte nie gedacht, dass ich mittelalterliche Malerei gut fände. Aber die Art und Weise, wie das in unserem Museum (Wallr.-Rich/Fond. Corb.) präsentiert und erklärt wird, erhellt svhon einiges.
        By the way: Verstehen wir überhaupt, was jemand uns mitteilen will? Ich halte Kommunikation für im höchsten Maße fehlerbehaftet.

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      • Deine Anmerkungen zur Kommunikation sind natürlich gerechtfertigt, wenn es dann um symbolische Kommunikation geht, wird es noch einmal kritischer. Aber es ist sicher auch richtig, dass wir mehr verstehen, wenn wir mehr wissen . Und letztlich so auch zu einem intensiveren Kunsterlebnis kommen können. Wenn ich meine Tochter richtig verstanden habe, könnte man davon sprechen, dass die entsprechenden Werke mit sozialer Energie aufgeladen wurden. Letztlich liegt es genau daran, dass diese Kunst uns dann noch anspricht.

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