Literatour

 

Paul Schallück. Foto: LWL

Paul Schallück.
Foto: LWL

Vermutlich würde es eine der kürzeren literarischen Reisen, sollte jemand auf die Idee kommen, alle Orte zu besuchen, an denen Goethe sich nicht aufgehalten hat. Dass er in Warendorf und Münster war, habe ich an anderer Stelle schon erwähnt. Es gibt auch eine Gedenktafel an dem Haus, in dem er genächtigt hat, vermutlich genächtigt hat oder ziemlich sicher geschlafen hat. Die Angaben dazu stammen nicht vom Genius persönlich, aber sein Kammerdiener hat getreulich all das erfasst, was dem Meister zu trivial war und damit der Nachwelt vermutlich einen großen Dienst getan. So wie sich auch das ‚Goldene Blatt‘ darum verdient macht, uns mit den alltäglichen Sorgen und Nöten von Prominenten zu unterhalten, die gelegentlich so nebensächlich sind, dass sie den Promis selbst nicht aufgefallen sind. Um aber ganz sicher zu gehen, dass wir die Tafel an dem besagten Haus nicht falsch verstanden haben, nahmen wir vor einigen Tagen an einer literarischen Führung durch Warendorf teil. Und ja, es ist so. Goethe hat tatsächlich vielleicht in diesem Haus übernachtet. Sehr wahrscheinlich.

Das war natürlich der Höhepunkt dieser literarischen Führung, wäre der Höhepunkt jeder literarischen Führung in Deutschland gewesen, denn was ginge noch über Goethe? Gut, Tommy Jaud und Dora Heldt und ein paar andere, die ich auch nicht gelesen habe. Aber die haben keine Gedenktafel in Warendorf, haben hier also vermutlich noch nicht übernachtet.

Weil diese literarische Führung einer der Höhepunkte des kulturellen, nein, ich will nicht zu böse sein, des literarischen Lebens in Warendorf war, berichtete die lokale Presse selbstverständlich und der zuständige Mitarbeiter einer der beiden vor Ort erscheinenden Zeitungen (Volker Pispers: Welche Zeitung  müssen Sie hier denn lesen?“) eröffnete seinen Artikel mit der Frage, ob wir Leserinnen und Leser denn drei Autoren aus Warendorf aufzählen könnten. Dummerweise endet der Artikel nicht damit, dass der Journalist uns diese drei Autoren nennt. Vielleicht, weil er nicht bis zum Ende der Führung dabei war, vielleicht auch, weil es keine drei Autoren gibt, jedenfalls keine, die man sich merken könnte oder müsste. Ich habe übrigens während der Führung darauf verzichtet, mich als hoffnungsfrohen Warendorfer Nachwuchsautor zu outen. Ich vermute, dass alles jenseits der Sechzig nicht mehr als Nachwuchs zählt.

Von Warendorf aus hat man mit der Droste korrespondiert – und wenn jemand im Münsterland Droste sagt, dann weiß jeder, dass natürlich Annette von Droste Hülshoff gemeint ist. Judenbuche. Der Knabe im Moor? Bekannt? O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,… so fängt das Gedicht an. Es gibt aber keine Belege dafür, dass die Droste in Warendorf…, aber möglicherweise ist sie vorbeigekommen, auf einer ihrer Fahrten zur westfälischen Verwandtschaft. Paul Schallück allerdings, der ist in Warendorf geboren, der große Saal unseres Theaters heißt nach ihm, an seinem Geburtshaus hängt eine Tafel und…

Wie? Nicht bekannt? Paul Schallück? Aber… Gut, hier kennt ihn auch keiner, jedenfalls hat kaum einer etwas von ihm gelesen. Der Mann ist 1976 in Köln gestorben und dort hat er sein gesamtes schriftstellerisches Werk geschaffen. Köln hat ihn beschäftigt, Köln hat sich mit ihm beschäftigt. Warendorf war ein Bezugspunkt für ihn und gibt auch die Kulisse für seinen Engelbert Reineke ab, wenn auch unter dem Namen Niederhagen. Das haben ihm die Warendorf der Nachkriegszeit nicht verziehen. Schallück zählte nämlich zu den prominenten Autoren dieser Zeit, gehörte der Gruppe 47 an und war mit Böll befreundet.

Googelt man ihn, stellt man fest, dass er zum Teil noch gelesen wird, Schullektüre oder eben im Germanistikstudium, wenn es um die Trümmerliteratur geht. Danach hat er an Bedeutung verloren – nicht in Warendorf, wir haben ihn jetzt als Warendorfer entdeckt. Gut, schwieriges Verhältnis, damals. Aber jetzt? Sind wir doch weltoffen und modern… gut, nicht liberal, jedenfalls nicht im liberalen Sinn, eher bewahrend… man könnte vielleicht auch konservativ sagen. Schallück hat einiges darüber gesagt, nicht nur über das fiktive Niederhagen, sondern auch über das konkrete Warendorf. Nicht alles hat sich geändert.

Advertisements

3 Gedanken zu “Literatour

  1. Er sei ein Verreter der Kahlschlagliteratur gewesen, heißt es bei Wikipedia. Und zum Lemma „Trümmerliteratur“ steht da der ulkige Satz: „Sie blühte in Deutschland unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Man stellt sich ein paar im Wind zitternde Plänzchen vor, die sich tapfer auf Schuttbergen recken. Wenn Warendorf nicht zerbombt war, gehört Paul Schallück wohl mehr zu Köln.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s