Enschede, Roombeek & Brakman

 

Wir waren in Enschede. Also wird es in diesem  Text um Willem Brakman gehen. Das wird auch Zeit, denn schließlich beziehe ich mich immer wieder einmal auf Brakman, sowohl in meinen Texten als auch in meinen Kommentaren. Von Brakman habe ich den Begriff des ‚denkfietsen‘, also des mit dem Fahrrad unterwegs sein und dabei auf Ideen kommen, gut, bei mir lautet der Satz: Wenn nichts mehr geht – geh ich. Was nichts anderes heißen soll, als dass ein Spaziergang den Kopf frei macht und mir meistens einen ganzen Satz Ideen abliefert.

Willem Brakman beschrieb sich selbst als barocken Schreiber und meinte damit, dass er, was er einmal geschrieben hatte, nicht mehr erneut las oder überarbeitete und an jedem Tag wieder vor einem weißen Blatt Papier saß. Er reiste aber – manchmal – auch zu den Orten, die für seine Erzählungen wichtig waren und erkundete sie genau. Im Unterschied zu Brakman muss ich überarbeiten und nicht nur das, ich tue es auch gern. Ach so: Enschede. Eine Stadt, quasi um die Ecke gelegen. Die für uns nächste niederländische Großstadt, naja, Großstadt, 160.000 Einwohner. Universitätsstadt. Man fährt hin und denkt, dass diese Stadt nicht den Charme anderer niederländischer Städte hat, kaum historische Bebauung.

Willem Brakman, der dort als Arzt praktizierte, hat Enschede ‚het onlieflijke stadje‘ genannt, die unliebliche Stadt und sah die Ursache dafür in einer Baupolitik, die es zuließ, historische Substanz abzureißen und durch uniforme Bauten zu ersetzen. Wir kennen das aus vielen deutschen Städten, in denen oft das, was den Krieg überstanden hat, später plattgemacht wurde. Das mag auch in Enschede passiert sein, aber diese Stadt ist auch ein Opfer des zweiten Weltkriegs geworden, weil die Alliierten sie mehrfach bombardierten – in der Annahme, es handele sich dabei um Gronau, die ganz in der Nähe gelegene deutsche Industriestadt. Im Jahr 2000 kam noch eine Katastrophe hinzu. Im Stadtteil Roombeek explodierte eine Feuerwerksfabrik, 23 Menschen starben, rund 200 Wohnhäuser und Wohnungen wurden vollständig zerstört, etwa 300 für unbewohnbar erklärt. Rund 1500 Wohnhäuser wurden beschädigt.

Vom Zentrum Enschedes ist es nur ein kleiner Fußweg in den Stadtteil Roombeek, der inzwischen ein architektonisches Vorzeigeprojekt geworden ist. Unter anderem führt der Weg durch die Willem-Brakman-Straat, dann am Rijksmuseum Twenthe vorbei. Brakman hat übrigens nicht nur geschrieben, er hat auch gezeichnet.

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Während also Roombeek nach der Katastrophe von 2000 neu aufgebaut und sozusagen wiederauferstanden ist, ist Willem Brakman (13.06. 1922 –  18 Mai 2008) inzwischen tot. Das erste, was ich von ihm hörte, war ‚De reis van de douanier naar Bentheim‘, gelesen von ihm selbst und ich war hin und weg. Brakman hat sehr viel geschrieben und sehr wenig verkauft, weil er als schwierig galt. Mir gefiel vom ersten Moment an sein Humor. Erst vor ein paar Jahren habe ich in einem Antiquariat die Novelle gekauft und einen Zeitungsartikel aus dem Jahr 1983, dem Erscheinungsjahr der Novelle, darin gefunden. Wie schön, ein Buch mit Zugabe. Und nun noch ein paar Zeilen Brakman:

„Vor kurzem wurde ich aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, aus einem Städtchen geworfen, dessen Namen ich nicht nennen werde. Eine unerfreuliche Geschichte, vor allem wegen der plötzlichen und abscheulichen Nähe vieler Menschen, eine laue Welle der Hässlichkeit rollte und tollte über mich hin: Pferdehändler, Kneipiers, Kleingewerbetreibende, ein Antiquitätenhändler, ein Hufschmied und so weiter brachten mich aus dem Dorf; ich hatte dabei kaum die Gelegenheit wahrzunehmen, wie sie nach Weihwasser stanken, nach saurer Milch, faulen Eiern und Fusel, und der Hufschmied fügte dem noch seine Dreck- und Stallgerüche hinzu. Er hatte unzweifelhaft den größten Tag seines Lebens, endlich einmal bejubelt nach einem Leben aus Finger verbrennen, Brandblasen und auf den Daumen hauen. Einen meiner Arme hielt er triumphierend auf meinen Rücken gedreht, seine andere Faust riss völlig unnötig an meinen Haaren, was schrecklich schmerzte. Arme Pferde.“ (aus: Willem Brakman: De Reis van de Douanier naar Bentheim, eigene Übersetzung).

Soweit ich weiß, gibt es nur eine Kurzgeschichte von Brakman, die ins Deutsche übersetzt wurde: Die Begüterten, in: Zeitkristalle, van Uffelen, Herbert; 1993

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2 Gedanken zu “Enschede, Roombeek & Brakman

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