Theorie & Praxis

„16 Uhr 45. Soll ich es Ihnen aufschreiben, Herr Hübner?“ hatte die attraktive Arzthelferin gefragt und mir tief in die Augen geblickt.

„Nein, das kann ich mir merken“, hatte ich geantwortet, wohl wissend, dass ich nach 21 Jahren noch immer die Postleitzahl und die Vorwahl verwechselte – und zwar an guten Tagen. An den anderen brachte ich die Ziffern nicht mal in der richtigen Reihenfolge zusammen. Aber wenn ich einen Zettel brauchte, um einen Termin am nächsten Tag nicht zu vergessen, hielte sie mich doch bestimmt für tendenziell dement.

Oh je, in der Patientenkarte stand nicht nur mein Alter, sondern auch mein gesamter Behandlungsverlauf in den letzten 21 Jahren. Gut, nichts Schlimmes, obwohl ich das jedes Mal ganz fest geglaubt hatte. Krebs. Mindestens. 21 Jahre reichten jedenfalls für die eindeutige Diagnose Hypochonder.

Wann sollte ich morgen noch mal in die Praxis kommen? 21 Uhr? Nein, das konnte nicht sein. Morgen, ja, aber 21 Uhr? Ich stand noch nicht ganz auf der Straße vor der Praxis und hatte schon den Termin vergessen. Noch mal rein, nachfragen?

AUF GAR KEINEN FALL! Und wenn ich ab acht Uhr im Wartezimmer sitzen müsste… gut, dann würde sie mich für dement und blöd halten, zu blöd, um mir den Termin notieren zu lassen. Doch ich bin ein kreativer Mensch, nur kreative Menschen haben genug Phantasie, um sich in jede beliebige Krankheit einzufinden und das komplette Krankheitsbild auszuprägen, also hatte ich auch sofort einen Plan.

Um acht begann die Sprechstunde, um kurz nach acht rief ich an.

„Praxis Dr. Ebermann, guten Morgen, mein Name ist Sybille Lahrmann. Was können wir für Sie tun?“

„Ja… Direktor Mense am Apparat, Maschinenfabrik Wischmann und Söhne… äh…ja. Mense.“

„Herr Hübner, sind Sie das?“

„Äh…nein! Mense. Direktor Mense.“ Ich sprach etwas tiefer. Der Mense ging nicht in die Praxis Ebermann, bestimmt nicht. Den konnte sie nicht an der Stimme erkennen. Gut, es war ja auch nicht der Mense, den sie an der Stimme erkannt hatte, mich hatte sie erkannt.  Sofort. Sollte ich mich da nicht geschmeichelt fühlen?

„Hallo, Herr Direktor Mense?“ flötete meine Sybille ins Telefon.

„Wer… Äh, ja. Frau Doktor, es geht…“

„Sie wollen mit der Frau Doktor sprechen? Mo..“

„Nein! Mit Ihnen!“ gleich wieder etwas tiefer im Ton. „Mit Ihnen! Es geht um unseren Herrn Hübner. Guter Mann, übrigens, rechte Hand vom Chef… also von mir.“

„Sie haben Fragen zu Herrn Hübner? Das ist jetzt aber schwierig, Herr… Mense. Da gilt die ärztliche Schweigepflicht.“

„Aber Sie sind doch gar keine Ärztin, Fräulein Lahrmann.“

„Frau Lahrmann!“

„Ach… Sie sind verheiratet? Ich dachte…“

„Ich weiß zwar nicht, inwieweit das für unser Gespräch von Bedeutung ist, aber nein, ich bin nicht verheiratet. Die übliche Anrede für ein erwachsenes weibliches Wesen lautet Frau, übrigens schon seit etwas längerer Zeit. Und als Mitarbeiterinnen unterliegen wir selbstverständlich den gleichen Schweigepflichten. Sie möchten doch auch nicht, dass Röntgenbilder Ihrer Prostata in der Innenstadt plakatiert werden?“

Menses Prostata? War er doch Patient…?

„Aber Fräulein Lahrmann, das ist doch jetzt kein Grund, gleich schnippisch zu werden. Ich glaube, wir beginnen noch einmal von vorn. Ja? Also unser Herr Hübner hat einen Termin bei Ihnen. Heute.“

„Und den hat er vergessen? Und Sie fragen jetzt für ihn nach? Das ist aber ganz reizend von Ihnen, Herr Mense.“

„NEIN!! Ganz falsch.“ Und wieder runter mit der Tonlage. „Es ist nur so, dass der Herr Hübner zu der vereinbarten Zeit hier unabkömmlich ist.“

Hoffentlich war es nicht die Spätsprechstunde um 19 Uhr!

„16:45 Uhr passt nicht? Dann schaue ich mal eben… Übrigens, warum ruft der Herr Hübner nicht gleich selbst an, sondern schickt seinen Chef vor? Ist ihm sowas peinlich?“

„Vorschicken? Der Hübner? Also das ist ein Pfundskerl. Der und sich nicht trauen? Das wäre ja noch schöner. Nein, der ist nur so beschäftigt, wichtige Sachen, der muss sich konzentrieren, da wollte ich das schnell regeln. Hat übrigens auch sehr lobend von Ihnen gesprochen, Fräulein Lahrmann. Wie freundlich Sie immer wären und wie hübsch…Also der Hübner, der hat regelrecht einen Narren an Ihnen gefressen!“ Tiefere Stimme, nicht so piepsig.

„16:45 Uhr, sagten Sie… mmm… vielleicht lässt sich das ja doch noch machen. Wir wollen ja alle das Beste für den Hübner.“

„Also lassen wir es bei 16:45 Uhr?“

„Ja. Ist wohl besser so. Danke, Fräulein Lahrmann.“

„Nichts zu danken, und schreiben Sie es sich diesmal besser auf, Herr Hübner.“

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9 Gedanken zu “Theorie & Praxis

  1. Du kannst es nicht hören – nein, nicht, dass ich dich für schwerhörig hielte, nein, gar nicht – aber das Internet, da geht das nicht mit dem Hören. Schade, denn ich habe gerade so lachen müssen über deine köstliche kleine Geschichte, dass Herr K. im Nebenzimmer gefragt hat: Was lachst du so?

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  2. Sehr amüsant. Ich musste schmunzeln. Hübners Kopf möchte man ja lieber nicht haben. Obwohl die Gesprächssituation, in der einem ein Termin mitgeteilt wird, etwas anderes ist als die Situation, in der man sich nach Beendigung des Telefongesprächs befindet. Es ist vergleichbar dem Schwellensyndrom. Man geht in die Küche, um was zu holen, indem man die Schwelle übertreten hat, weiß man nicht mehr was und steht ratlos rum.

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  3. Ein Highlight an diesem verregneten Dank – Danke!
    Termine kann ich mir gut merken, aber in Zahnarztpraxen bin ich dennoch berüchtigt. Aus Angst sage ich Termine IMMER mindestens einmal kurzfristig ab. Seit etwa zwanzig Jahren. Letztens wollte ich auch, aber ich durfte nicht. Zitat: „Schluss damit, Frau Irsaj! Sie kommen. Morgen. Auf Wiederhören“ Nächstes Mal rufe ich als mein Chef an. Könntest das vielleicht du für mich übernehmen, Manfred?

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