Soest 4

GlotzOtto Gerhard Glotz

Foto: Elfie Voita

Habe ich schon erwähnt, dass wir in Soest waren? Ach…ja? Hätte ich jetzt nicht gedacht, aber egal. Mein Chef sagte mir mal, als es um eine vertrauliche Information ging, er dürfe mir nichts erzählen, könne es aber auch nicht für sich behalten. So. Nachdem ich also Spannung aufgebaut und Erwartungen geweckt haben dürfte, kann ich mit meinem stinknormalen Alltagswissen weitermachen.

Dass Soest eine gewisse Attraktivität besitzt, zeigt sich schon daran, dass vermutlich bereits 5.000 Jahre vor Christus dort gesiedelt wurde. Wir wohnen nämlich zum Vergleich erst seit 1995 in Warendorf und das ist doch eher kurz. Auch schöne Städte – nein, machen wir es uns nicht zu einfach, es waren nicht die Städte, es waren immer ihre Bewohner, okay, die können sich auch auf die Fahne schreiben, für die Schönheit ihrer Stadt verantwortlich zu sein – haben unrühmliche Kapitel in ihrer Stadtgeschichte,

Für Soest ist das die Zeit der Hexenverbrennungen. Für Warendorf gibt es, soweit ich das ohne einen Gang ins Archiv klären konnte, keine Belege, was zunächst mal nichts heißt. Ahlen und Münster, beide um die dreißig Kilometer entfernt, haben ihre Geschichte aufgearbeitet und sich dazu bekannt. Auch Soest hat das getan. Mehr ist wohl nicht möglich und manchmal ist auch heute noch die Ehrung einer der Frauen ein Problem, denn in Münster gab es Widerstände gegen die Benennung einer Straße nach einer als Hexe verbrannten Frau.

Abschließend zum Thema unbeschwerter Tourismus: Macht man die Augen auf, sieht man eindeutig mehr. Der Genuss steigt aber nicht unbedingt.

Das Rathaus in Soest ist ein Prachtbau, an dessen Südportal sich die Skulptur von Otto Gerhard Glotz befindet, der von 1713 bis 1718 Bürgermeister war. Abgesehen davon, dass mir die Skulptur gefällt, stolperte ich sofort über den Text, den der gute Mann in der Hand hält: „Recht muss Recht bleiben“.

Nun könnte man annehmen, dass es dokumentiert ist, warum er gerade diesen Text präsentiert – ist es aber nicht. Der Mann war religiös, 1713 gab es nicht viele Alternativen dazu, vor allem dann nicht, wenn man ein öffentliches Amt ausüben wollte.

Also bezieht er sich auf die Bibel, das Alte Testament, Psalm 94, Vers 15: „Denn Recht muß doch Recht bleiben“. Oder ist es doch etwas mehr, ist es bürgerlicher Stolz, Stolz auf die eigene Stadt und ihr eigenes Recht, auf das alte Soester Stadtrecht?

Und schon bin ich, nach gerade einmal 383 Wörtern, auch schon bei meinem Thema angekommen. Das Soester Stadtrecht ist nämlich das älteste nachweislich aufgezeichnete Stadtrecht Deutschlands und entstand als Akt der Rebellion der Soester Bürger gegen die Vorherrschaft Kölns. Wir reden hier übrigens über das Jahr 1226, das Jahr, in dem Franz von Assisi starb – um nur mal einen Anker auszuwerfen.

Da war nichts mit Notar und bitte in dreifacher Ausfertigung, Fräulein Huber. Da wurde auf Pergament geschrieben und Fehler wurden rasiert. Das darf man vermutlich wörtlich nehmen, denn das erste Soester Stadtrecht, im Archiv der Stadt verwahrt wird, heißt „Alte Kuhhaut“ – und genau das ist es wohl auch. Und weil dieses Recht offensichtlich auf keine Kuhhaut ging, brauchte man eine zweite – die „Neue Kuhhaut“, die rund 50 Jahre später entstand.

Auch wenn Recht, wie jeder weiß, der ab und an mal Zeitung liest, nicht Recht bleibt, war mir die Begegnung mit Otto Gerhard Glotz sehr recht, denn ohne ihn hätte ich weniger über die Psalmen, über mittelalterliches Stadtrecht und Kuhhäute gewusst. Es dauerte übrigens noch bis 1350, bis der lateinische Originaltext ins Mittelniederdeutsche übersetzt wurde, auch diese Quelle, die alte Schrae, ist erhalten geblieben.

Es wird angenommen, dass der Stadtsekretär einmal pro Jahr den Bürgern das Recht vorlas. Dazu sollten wir vielleicht auch unsere Politiker verpflichten. Dann würden entweder die Gesetzestexte kürzer oder die Leute hätten weniger Zeit, bei Aufsichtsratssitzungen, Fernsehgalas und internationalen Sportevents Lobbyistenkontakte zu pflegen.

Advertisements

9 Gedanken zu “Soest 4

  1. Lieber Herr Voita!
    Mit dem Recht muss ich Ihnen Recht geben.
    Und als Kuh bin ich natürlich sehr froh, dass heutzutage nicht mehr auf Kuhhäute geschrieben wird. Das piekst vor allem bei lebendigem Leibe. Allerdings, wenn ich mir die vielen Tatoos am ganzen Körper eines Jugendlichen so ansehe, frage ich mich, wer da die Kuh ist! Vermutlich sind das die Überreste des Kuhhautpergaments. Ich laufe jedenfalls ohne Beschriftung umher.
    Und Ihre Beiträge über…wo waren Sie doch gleich? Achja Soest, sind sehr aufschlussreich und interessant. Vielen Dank dafür.
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau Mauswohn … das geht wirklich auf keine Kuhhaut! 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für die erhellenden Informationen über Soest, von dessen Historie ich nur wusste, dass sie eine Hansestadt ist, was man so weit im Landesinneren nicht vermutet. Nachdem ich jetzt soviel weiß, habe ich glatt ein schlechtes Gewissen, dass in meinem Reisebericht über Soest http://trithemius.twoday.net/stories/ein-prost-auf-soest-brillanter-grund-fuer-vandalismus-sternstunden-des/
    die kulturell wertvollen Hinweise komplett fehlen. An deinem Text hats mir besonders der Hinweis auf die Kuhhaut angetan. Die Wendung „Das geht auf keine Kuhhaut“ haben die Soester freilich nicht exklusiv. Nach Lutz Röhrich ist sie im ganzen deutschen Sprachraum verbreitet, besonders in Süddeutschland, was ja auch naheliegend ist, denn Urkunden wurden im Mittelalter überall auf Pergament geschrieben.

    Gefällt 1 Person

    • Die kulturellen Bezüge hätten deiner Geschichte nicht gut getan. Die lebt von einem anderen bösen Geist. Die Jugendstil-Pinte haben wir übrigens auch besucht und waren not amused. Die Stadt lebt stark vom Tourismus, aber was soll man tun, wenn einem das Mittelalter überall im Wege steht? Da, wo man abgerissen und modernisiert hat, ist es richtig gruselig geworden.

      Gefällt 2 Personen

  3. Interessante Informationen hast du gesammelt. In dörflicher Umgebung gibt es noch die Gemeidemitteilungsblättchen in denen über Rechte und Gesetze informiert wird. Früher wurden diese wohl noch von einem Ausrufer mit lautem Glockenruf verbreitet. In der Rheinebene erinnerte sich ein Nachbar von uns noch daran. Auf meinen Fotos von Kressbronn am Bodensee ist so einer in Gußeisen verewigt.

    Gefällt 1 Person

  4. Ein seltsames Gefühl bringt dieser „Brief“ aus dem 13. Jahrhundert mit. Man empfindet sich als Zwerg mitten in der Stadt von längst ausgestorbenen Riesen.
    Ehrfurcht, Stolz auf den gleichen Namen, den man ja auch trägt, und Scham für Gegenwart, deren Teil man ist…

    Gefällt 1 Person

      • Mehr noch: gedacht und gemacht, verwirklicht haben. Mit unvergleichlich (rein technisch) ärmeren Mitteln, die damals zur Verfügung standen, haben diese Anderen die Idee wirksamer verkörpert, als uns es heute gelingt; deswegen das seltsame Gefühl, von dem ich schreibe.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s