Soest 3

Soest ist eine Stadt der Kirchen, das ist nicht zu übersehen. Soest ist aber auch eine Stadt, die einen… äh… Tintenklecks in der Literatur zurückgelassen hat? Nein, ich verwechsele da etwas, den Tintenfleck auf der Wartburg  soll, der Legende nach, Luther verursacht haben, als er das Tintenfass nach dem Teufel warf, der ihn dort versuchte. Klingt übrigens, als habe der Teufel ihn angebissen, mal eben gekostet und für protestantisch-bitter befunden. Besucher der Wartburg haben dann über Generationen die Spuren der Tinte abgetragen, das Personal hat sie immer treu erneuert.

Soest!

Da ist zunächst einmal der Jäger von Soest, der während des Dreißigjährigen Krieges im Kloster Paradies Unterschlupf findet und dort die Wandlung vom schlichten Simpel, vom Simplicius Simplicissimus, zum Jäger von Soest durchläuft, einem dreisten und unerschrockenen Räuber. Der Roman von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen zählt zu den Klassikern der deutschen Literatur.

Dass der Jäger von Soest die westfälische Küche zu schätzen wusste, zeigt die folgende kleine Passage:

„Das Paradeis fanden wir, wie wirs begehrten, und noch darüber anstatt der Engel schöne Jungfrauen darinnen welche uns mit Speis und Trank also traktierten, daß ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam, denn da setzte es das fetteste Bier, die besten westfälischen Schinken und Knackwürst, wohlgeschmack und sehr delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen pflegte; da lernete ich das schwarze Brot fingerdick mit gesalzener Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte, und wenn ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war und ein gute Kanne Bier daneben stahn hatte, so erquickte ich Leib und Seel und vergaß all meines ausgestandenen Leids. In Summa, dies Paradeis schlug mir so wohl zu, als ob es das rechte gewesen wäre; kein ander Anliegen hatte ich, als daß ich wußte, daß es nicht ewig währen würde, und daß ich so zerlumpt dahergehen mußte.“

Für alle, die sich mit der barocken Sprache des 17. Jahrhunderts schwer tun: Es gibt eine Übersetzung aus dem Teutschen ins Deutsche, die aber, soweit ich das weiß, nicht als Taschenbuch, sondern nur in einer recht teuren gebundenen Ausgabe zu haben ist.  Ich befürchte, dass die Übersetzung zwar leichter zu lesen ist, aber, wie jede Übersetzung, eben einen Teil des Reizes des Originals verlieren muss.

Nachdem wir noch an dem Haus vorbeigekommen waren, in dem Paul Modersohn geboren worden ist, standen wir vor dem Freiligrath-Brunnen. Ferdinand Freiligrath begegnete mir damit innerhalb kürzester Zeit zum zweiten Mal.

Die 99jährige Tante meiner Frau, die mich mit ihren detaillierten Fragen (wofür steht eigentlich die Abkürzung TTip?) immer wieder herausfordert, kennt viele Gedichte auswändig und zitierte mir am Telefon ein paar Zeilen, die ich gleich bei Google eingab und so Freiligrath als den gesuchten Autor identifizieren konnte. Freiligrath, den ich als Dichter der bürgerlichen Revolution von 1848 kannte, hat, wie ich so erfuhr, nach der gescheiterten Revolution den Weg vom sozialistischen Revolutionär zum Nationalisten genommen… aber man sollte vielleicht nicht alle Dinge von ihrem Ende her betrachten.  Jedenfalls hat dieser Freiligrath in Soest eine kaufmännische Ausbildung absolviert und dort auch erste Gedichte veröffentlicht.

Als die Studenten in den späten sechziger Jahren die gescheiterte Revolution von 1848 „wiederentdeckten“, tauchte  Freiligraths „Trotz alledem“ in der vertonten Fassung für einige Zeit in der Demo-Hitparade auf und lag vielleicht sogar vor „We shall overcome“ , aber deutlich hinter ‚Was sollen wir trinken, sieben Tage lang“.

 Trotz alledem!

Das war ’ne heiße Märzenzeit,

Trotz Regen, Schnee und alledem!

Nun aber, da es Blüthen schneit,

Nun ist es kalt, trotz alledem!

Trotz alledem und alledem,…

zitiert nach der Fassung von 1848

Der Brunnen, fand ich, gab nicht viel her, wohl aber das Haus, in dem Freiligrath den ehrsamen Beruf des Kaufmanns erlernte. Einige der in westfälischem Platt gehaltenen Sprüche an der Fassade gaben mir Rätsel auf, einer, weil ich ihn nicht verstehe und einer, weil ich ihn nicht begreife.

Freiligrath 1

Freiligrath 2Fotos: Elfie Voita

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12 Gedanken zu “Soest 3

  1. Lieber Herr Voita!
    Also die Sprüche versteht die schwäbische Kuh von der Alm vermutlich noch viel weniger als Sie!
    Ich habe gerade überlegt, da man heutzutage kaum noch mit Tinte schreibt, wenn da nun der Teufel vor einem steht und…schmeisst man dann mit seinem Laptop oder Handy nach dem Beelzebub? Oder wird man von diesem Herrn dieser Tage nicht mehr versucht? Man weiß es nicht. Da geben Sie uns mit ihrem Text jede Menge Rätsel auf. Die werde ich mir jetzt an meine Fassade meißeln und kräftig darüber grübeln.
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau Mauswohn 🙂

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  2. Das war wohl eine sehr informative und vergnügliche Reise, so wie du das beschreibst. Ich kenne das Lied „Trotz alledem“ von Hannes Wader, wußte aber nicht dass es von Freiligrath ist. Man lernt immer wieder dazu. Danke dafür.

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  3. Hätte der gute Luther mal lieber mit dem Fuß aufgestampft und einen Abdruck hinterlassen….das wäre etwas für die Ewigkeit. In etwa so wie in der Münchner Frauenkirche – da muss niemand nachbessern. Der Abdruck wird von Tausenden, die dort ebenfalls aufstampfen, noch verstärkt. Ob da aber so gut ist, sich in die Fußstapfen des Teufels zu stellen…..das wage ich zu bezweifeln.

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