Einmal Reichtum und zurück

Door Parsifal2000 - Eigen werk, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15495585

Door Parsifal2000 – Eigen werk, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15495585

Wer Ruhe sucht, ist in Oudeschans gut aufgehoben, ganz sicher um diese Jahreszeit, denn in den Sommerferien wird es sogar hier lebhaft. Im Mai ist das anders, zwei Hunde kläffen uns an, geben aber bald wieder Ruhe, einige Bullenkälber starren uns von ihrer Weide aus nach. Hier und da eine Katze, die mitten auf der Straße sitzt.

Deutsch wird verstanden, aber nicht unbedingt gesprochen. Jeder Passant grüßt. Moin, höre ich den ganzen Tag über, so wie im benachbarten Ostfriesland. Die Landschaft ist ebenso flach wie jenseits der Grenze. Polderland eben. Eingedeichtes, dem Meer abgerungenes Land, das allerdings oft genug dem Meer wieder abgerungenes Land ist, weil die Nordsee sich wieder und wieder große Teile der Küste einverleibte.

Schwerer fruchtbarer Ackerboden, Klei, Marschland. Im 19. Jahrhundert war dieser Boden die Quelle des Wohlstandes, ich habe an anderer Stelle schon darüber berichtet. Die Bauern, reich geworden durch die guten Getreideernten und die hohen Getreidepreise, bauten sich überall in der Gegend prächtige Höfe, Herenboerderijen, während die Landarbeiter verarmten. 1892 kam es zu einem Aufstand, der mit Hilfe des Militärs niedergeschlagen wurde.

Die Getreidepreise sind gefallen, die Herrenbauern verschwunden, aber in Bellingwolde, einem Dorf mit knapp 4000 Einwohnern, lässt sich die alte Pracht erahnen. Boerderijen-Boulevard, Boulevard der Bauernhöfe, so wird die Hoofdstraat auch genannt. Eine lang gezogene, baumbestandene Dorfstraße, an der viele schöne, aber auch protzige Höfe liegen. Bauern, die eine Villa wollten und einen Hof brauchten, schufen einen bemerkenswerten Ortskern, der heute als beschermd dorpsgezicht etwas weniger als Denkmalstatus besitzt. Vielleicht verfällt auch deshalb das ein oder andere Haus. Boulevard of broken dreams.

Das NRC-Handelsblad nannte die Strecke um Bellingwolde übrigens einen der schönsten Wanderwege der Niederlande.

Eine Sammlung mit Fotos aus Bellingwolde gibt es hier.

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5 Gedanken zu “Einmal Reichtum und zurück

  1. Wie überall (Kirche, Ritter, Adel, Gutsherren, Industriebosse) beruht der Reichtum einiger „Herren“ auf der Armut armer „Leute“. Zumindest sollte man daran denken, wenn man den Reichtum bestaunt.
    Ich bin sicher, Du hattest Deine Gedanken dabei!

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    • ‚Das Getreideparadies‘ von Frank Westerman ist das Buch zum Thema Herrenbauern im Oldambt. Noch heute sind die Sozialisten – und ich meine damit nicht die Sozialdemokraten – in Groningen stark. Im Oldambt gab es sogar lange Zeit eine starke anarchistische Strömung.

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  2. Danke für deinen kleinen Reisebericht. Ich staune immer wieder, welch romantische Flecken es in Holland gibt. In der Provinz Groningen kenne ich mich kaum aus. Aber ich habe die ersten drei Giro-Etappen in der Provinz Gelderland verfolgt und war erneut begeistert von der Schönheit des Landstrichs. Schon in der Provinz Limburg habe ich oft gedacht: Wenn der liebe Gott ein verkitschter Kleingärtner ist, sieht so sein Paradies aus.

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