Ausgezählt

Meine Tochter betrat leise mein Arbeitszimmer, auf dessen Tür sich, wie ich kurz zuvor feststellen musste, nicht mehr der Aufkleber „Ruhe, Genie bei der Arbeit“ befindet. Nach einer angemessenen Phase des Abwartens räusperte sie sich leise und ich legte den Stift zur Seite, um ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken zu können.

„Darf ich?“ fragte sie und deutete auf ihren Block. Ich nickte ihr ermunternd zu und sie begann ruhig und konzentriert vorzulesen.

„Fünf Ringe überstrahlen diesen Sommer, die Ringe der olympischen Spiele. Wie gern wäre ich dort und könnte nicht nur hören und sehen, sondern mit allen fünf Sinnen teilnehmen. Ist es nicht ein Wunder, das wir, obwohl  sich unsere Existenz auf Desoxyribonukleinsäure zurückführen lässt, auf eine DNA, die aus fünf chemischen Elementen besteht, zu so großartigen Leistungen fähig sind?

Wie weise die Welt eingerichtet ist und wie demütig wir heute vor den Leistungen der alten chinesischen Medizin stehen, die für die Behandlung und Diagnostik von Krankheiten den fünf Elemente Feuer, Holz, Wasser, Metall und Erde eine tragende Rolle zuwies!

War es nicht Plutarch, der schrieb: „Die Zwei nimmt man als den Anfang der geraden und die Drei als den Anfang der ungeraden Zahlen. Durch die Vermischung derselben miteinander entsteht die Fünfzahl, welche mit Recht geehrt wird, da sie die erste aus der ersten geraden und der ersten ungeraden Zahl entstandene Zahl ist und wegen der Ähnlichkeit der geraden Zahl mit dem Weibe sowie der ungeraden mit dem Manne „die Ehe“ genannt wird.“

Ich nickte ihr wohlwollend zu. Okay, sie hatte die  chamischa, die Fünf aus dem Hebräischen und damit die Nähe zur Bewaffnung und Gewalttat nicht herausgearbeitet, andererseits war es beeindruckend, dass ein Teenager sich zu einer so theoretischen Arbeit aufgerafft hatte, doch bevor ich lobende Worte sprechen, ja finden konnte, hatte sie noch eine Anmerkung zu machen.

„Deine Hochschule, Vater, hat sich mit Zustimmung des Kultusministeriums in Hochschule 5 umbenannt.“

Spätestens jetzt war alles klar. Ich streckte die Hand aus, sie wollte mir ihren Block aushändigen, doch ungeduldig wehrte ich ab. Sie senkte den Blick und verließ das Zimmer, um gleich darauf zurückzukehren, diesmal mit wenigen von Hand beschriebenen Seiten. Ohne mir in die Augen zu schauen händigte sie mir die Zettel aus.

Meine Mine verfinsterte sich, wie ich ihren ängstlichen Gesichtszügen entnehmen konnte. „Papa, denk doch an die Schönheit, an die magische Bedeutung dieser Zahl.

„Fünf Finger!“ rief ich zornig aus und hob die Hand, drohend, doch ohne in biblische Raserei zu verfallen. „Und merke dir: Zwischen der magischen Zahl Fünf und dem „mangelhaft“ unter deiner Mathearbeit gibt es keinerlei Gemeinsamkeit.“

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8 Gedanken zu “Ausgezählt

  1. Der gestrenge Vater deiner Geschichte kann froh sein, eine begabte Tochter zu haben, wenn auch der Versuch, von einer Mathe-Fünf abzulenken auf den ersten Blick zu offensichtlich erscheint (der Leser merkt es freilich erst am Schluss, wie in vielen deiner Texte). Andererseits weist die Tochter den Vater auf kluge Weise darauf hin, wo ihre Stärken liegen. Gemessen an Schülern, den schulische Minderleistungen attestiert werden, ohne dass sie irgendwo kompensieren könnten, ist’s geradezu ein Glücksfall.

    Ein Wort zum Stil der kleinen Abhandlung über die Zahl fünf: Der Text hebt an mit einer Jubelarie, seine Diktion ist positivistisch, könnte der Schreibschule einer US-amerikanischen Einrichtung entstammen. Würde mir so ein Text vorgelegt werden, hätte ich den Impuls zu recherchieren, ob er irgendwo abgeschrieben ist, es sei denn, aus der Feder der betreffenden Schülerin wären mir ähnliche Leistungen bekannt. Geschickt scheint mir der eingebaute (das/dass) Fehler In der ersten rethorischen Frage. Er könnte aber auch Zufall sein. Just diese Frage ist aber ein wenig Wortgeklingel, denn die allen Lebewesen eigene DNA verträgt kein konzessives „obwohl“. Das definiert die Grundbausteine des Lebens als ein manko. Die Leistungen, zu denen ein mit Intelligenz begabtes übendes Wesen fähig ist, haben letztlich nichts damit zu tun, auf welcher Grundlage sie entstehen. Sie spielen sich in den Rahmen ab, den die Biologie erlaubt. Man könnte sich auch wundern, „obwohl ihre DNA nur aus fünf chemischen Elementen besteht, spricht sie perfekt Englisch.“

    Alles in allem gefällt mir dein Text außerordentlich gut, weil die Idee hünbsch ist und mir die Ausführung einiges zu denken gibt. Was will ein Autor mehr, als das zu errreichen?

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    • Danke. Genau so ist es, als Autor möchte ich, dass mein Text etwas anstößt. Ob der Text das tut, bleibt allerdings im Normalfall verborgen. Also ist es sehr schön, eine solche Rückmeldung zu bekommen. Wortgeklingel ist ein treffender Ausdruck für den Text der Tochter, der, wie du schreibst, abgeschrieben wirkt und wirken sollte. Hätte sie statt dessen in Mathe abgeschrieben, wäre uns dieser Text erspart geblieben.

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  2. Alle Zahlen haben etwas, Manfred,
    würde man auch nur eine tilgen, dann gäbe es in unserer heutigen Gesellschaft des Geldes und der Hochfinanz und Hochtechnik ein sofortiges, absolutes Chaos…

    Ebenso ist es mit der immer noch zum größten Teil so ungeliebten Mathematik…

    Warum, das konnte ich noch nie verstehen, ist sie doch die Königin der Wissenschaften,

    und ohne sie wäre alles nichts!

    Feiner Vater-Tochter-Weblog-Post von dir, habe ich sehr gerne gelesen 🙂

    Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

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  3. Hallo Manfred,

    nochmals Dank an Dich an dieser Stelle, für den Hinweis, dass zum Liebster Award, zu dem ich Dich nominiert habe, auch eine Einladung auf den entsprechenden Seiten gehört. Du hast ja bereits zugesagt und die Vorfreude klopft bei mir an, Deine Antworten zu lesen.

    Anbei der Link zu meinen Nominierungen und meinen Fragen.

    https://sandayblog.wordpress.com/2016/06/04/1908/

    Dir einen schönen Abend
    San

    P.S. und jetzt hoffentlich auch bei Dir an der richtigen Stelle in Deinem Blog.

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