Ladenöffnungszeit

Die Schublade? Nein, nicht die Schublade! war meine erste Reaktion, nachdem ich gelesen hatte, dass Jules dazu einlud, die Geheimnisse der Kramlade zu lüften. Dann, wie es so ist bei einem Schreibimpuls, näherte ich mich doch langsam der Schublade. Nicht der in der Küche, die geht noch, da besteht nur Verletzungsgefahr für Leichtsinnige, nein, der in meinem Zimmer, gleich neben dem Schreibtisch, diesem großen Teil, das eigentlich mal für Bettwäsche oder solche Sachen gedacht war. Holzimitation, groß genug, um einen Hund darin zu begraben, also quasi die Schublabe, in der der Hund begraben liegt.

Ich öffne sie nur im äußersten Notfall, suche sogar Sachen, von denen ich annehmen muss, dass sie sich in der Lade befinden, erst mal woanders. Wenn ich sie öffnen muss, verrutscht immer etwas, verknittert, zerreißt, verkanntet sich gar und dann geht sie womöglich nicht mehr zu.

Die größte Gefahr, die von solchen Schubladen ausgeht, besteht, wie jeder weiß, der eine solche Lade sein eigen nennen muss, darin, dass man in ihnen verloren gehen kann, wenn man nämlich damit beginnt, sich auf ihren Inhalt einzulassen. Da hat sich nämlich angesammelt, was man jahrzehntelang schon nicht mehr gebraucht hat – und nicht wegwerfen mochte, nicht, weil man es möglicherweise noch einmal brauchen würde, nein, weil es mit Erinnerungen aufgeladen ist oder, zugegeben, weil man es einfach vergessen hat.

Ich muss aber noch tiefer graben, in der Schublade ruht das Döschen, ein kleiner gestreifter Metallkasten. In dem Kästchen liegen Münzen, die mir zugelaufen sind, ich bin kein Numismatiker, einfach nur Kleingeld. Geld wirft man doch nicht weg, oder?

Da sollten auch sie sein: meine Medaillen. Wenn man bei blauem Plastik von Medaillen sprechen kann. Bakelit vermutlich.

Bundesjugendspiele auf dem Ascheplatz hinter der evangelischen Gemeinschaftsschule Hagen-Halden. In der Rückschau praktisch ständig, mit Ausnahme der Ferienzeiten und natürlich… oh weh, die Büchse der Pandora ist geöffnet, jetzt gibt es kein Halten mehr… mit Ausnahme der Hallensaison. Mit hängendem Kopf in die Halle – und ich war ein recht gesundes Kind, hatte also so gut wie nie eine Ausrede, ich musste mit in die Turnhalle.

Dieser Geruch, die Mischung aus Schweiß, alten Socken, Holz, Plastik, Gummi, an keinem anderen Ort ist es je gelungen, diese einzigartige Duftnote zu reproduzieren – und dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Ob Boden- oder Geräteturnen, ich hatte vermutlich einfach zu viele Knochen dafür.

Dann schon lieber die Bundesjugendspiele auf dem Ascheplatz. 40 Punkte waren wohl die magische Grenze, die Latte, die ich Jahr für Jahr riss. Teilnehmerurkunde. Die maximale Demütigung. Totale sportliche Niete. Laufen, Springen und Werfen waren einfach nicht meine Disziplinen. Ich war zum Beispiel schon immer gut im Stehen. Sitzen kann ich auch ganz hervorragend. Trotzdem gelang es mir, drei Siegerurkunden und die dazugehörigen Medaillen zu erringen. Vermutlich wird ein gnädiger Sportlehrer mir ein paar Punkte zugeschustert haben, vielleicht einfach mal die 21 Grad Außentemperatur zu meinem kläglichen Ergebnis addiert… oder meine Zeit auf 50 Metern gegen meine Weite beim Werfen ausgetauscht und schon passte es.

So, jetzt habe ich sie endlich aufbekommen, die blöde Büchse. Die Medaillen sind weg. Meine einzigen sportlichen Auszeichnungen. Bis auf das Seepferdchen. Aber es gäbe da noch eine Schublade, da könnte ich…

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5 Gedanken zu “Ladenöffnungszeit

  1. Pingback: Krempel aus der Hosentasche – Sergej Tretjakovs Biographie der Dinge – #Kramladengeschichten

  2. In einem langen Leben kann sich eine Menge ansammeln und wegkommen wie deine Geschichte lehrt. Ich weiß nicht, ob du die sportliche Auszeichnung tatsächlich vermisst. Aber wenn sie eine „unschöne Erinnerung“ symbolisiert, wie du im Kommentar bei mir geschrieben hast, ist’s vielleicht gut so. An die Bundesjugenspiele habe ich ähnlicher Erinnerungen. Das Konzept war pädagogischer Unsinn, Wahnwitz sogar, wenn man die Schmach bedenkt, die sicherlich Tausenden hoffnungsvollen Kindern angetan wurde, die die magischen Punktgrenzen nicht erreicht haben. Unsinnig ist, dass bei den Bundesjugendspielen Leistungen abgefragt wurden, die weder vernünftig geübt noch trainiert worden waren.
    Ich habe übrigens zwei Kommoden mit je fünf solcher Laden, in denen „der Hund begraben“ ist. Just gestern haben mein ältester Sohn und seine Freundin sich fürs Wochenende angekündigt, um mir beim Ausmisten zu helfen. Die junge Frau ist geübt darin, Sachen wegzuwerfen, die nur noch Platz wegnehmen. Ich hoffe, mich von vielen Dingen trennen zu können, zumal ich in naher Zukunft unziehen will, zurück nach Aachen.

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    • Vielen Dank für dein Lob! Aber wenn man sich an diese Laden wagt, dann entpuppen sie sich als Zeitfresser. Man will aufräumen und findet sich plötzlich mitten in einem Sammelsurium von Erinnerungsstücken und rätselhaften Überbleibseln. Stunden später hat man nichts weggeworfen, nichts aufgeräumt und noch mehr Chaos als zuvor.

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