Osterbrink und das Betriebsfest

Dr. Averkamp starrte aus dem Fenster. Es war schon dunkel und selbst aus den oberen Etagen war nichts mehr zu sehen, was der Mühe wert gewesen wäre, nicht einmal für einen weitblickenden Mann wie den leitenden Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde in Warendorf. Aber Averkamp wollte einfach nicht in die andere Richtung sehen, dort, wo Kommissar Osterbrink saß und Bericht erstattete.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Eine Belobigung hatte Osterbrink in all seinen Dienstjahren noch nicht erhalten und Dr. Averkamp war wirklich milde gestimmt, als er Osterbrink zu sich gebeten hatte. Doch dann hatte Osterbrink erzählt, wie er auf dem August-Wessing-Damm den Deckel seiner Thermoskanne verloren hatte, gerade als er in die Andreasstraße abbiegen wollte und als er sich eben danach bückte, war ihm der Schmerz so durch den Rücken geschossen, dass er Gas- und Bremspedal verwechselt und ein Auto gerammt hatte, das aus einer Querstraße angerast kam und sich anschließend als das Fluchtfahrzeug eines bundesweit gesuchten Gangsterpärchens erwiesen hatte. Hexenschuss, hatte Osterbrink seinen Bericht abgeschlossen.

„Schreiben Sie Ihren Bericht, aber lassen Sie bloß den Quatsch mit der Thermoskanne und dem Hexenschuss weg, sonst können Sie die Belobigung knicken und werden strafversetzt, ist das klar, Osterbrink?“

War es nicht, weil: Was sollte er denn nun berichten? Aber dieses Problem war gleich darauf  vergessen, denn bei dem ganzen Stress hatte Osterbrink das Betriebsfest völlig verdrängt. Jetzt schallte ein markig vorgetragenes „110“ durch das Haus. Osterbrink erkannte sofort den gemischten Polizeichor Lalü aus Coesfeld, also jetzt nicht Männer und Frauen, sondern Kripo und Schutzpolizei mit dem Polizeilied, dass Osterbrink sich auch schon als Klingelton auf sein Handy hatte übertragen lassen.

Der Kollege von der Fahrbereitschaft grüßte freundlich und bot Osterbrink einen Dienstwagen an, zum ersten Mal in den letzten zehn Jahren und diesmal brauchte er natürlich keinen. Erfolg, das konnte Osterbrink richtig spüren, machte eben sexy. Er strich sich über die beiden Strähnen, die er sich über den fast kahlen Schädel zu kämmen pflegte und verrieb den Rest Frisiercreme in seiner groben Cordhose, die so auch etwas von dem Glanz des Tages abbekam.

Kartoffelsalat und Würstchen, Bier und Korn, so ließ es sich aushalten. Frau Weber- Hollendorf, die Vorzimmerdame von Dr. Averkamp, bot ihm sogar das Du an und Osterbrink hatte sich kurz gefragt, ob er jetzt Weber zu ihr sagen sollte, aber dann hatte sie ihn an sich gezogen, auf die Wange geküsst und „Margot“ gehaucht. Er hatte gerade seinen Vornamen nennen wollen, als sie auch schon abwinkte.

„Christian“ flötete sie und spätestens jetzt war klar, dass auch sie nicht an Kartoffelsalat und Würstchen, Bier und Korn hatte vorbeigehen können. Gleich hatte Osterbrink überlegt, ob da etwas in seiner Personalakte stehen könnte, was dringend der Korrektur bedurfte, aber da hatte Margot ihn auch schon am Ärmel gepackt und Osterbrink, dem jeder Widerstand gegen die Staatsgewalt fremd war, zum verlassenen Zellentrakt gezogen.

Entweder war die Weber-Hollendorf gut vorbereitet oder sie hatte die Schlüssel immer bei sich, jedenfalls schloss sie mit beinah ruhiger Hand die Stahltür auf, schaltete das Licht an und deutete auf die nächstgelegene Zelle. „Ich bin deine Anastasia“, teilte sie Osterbrink mit, der sich sehr unbehaglich fühlte und nicht wusste, welche Beziehung es zwischen der vermissten Zarentochter und der betrunkenen Chefsekretärin geben mochte. „Kino?“ donnerte sie ihn an und hielt dann ihre Hände hinter ihren Rücken, eine Geste, die Osterbrink aus allerlei Polizeifilmen zur Genüge kannte. Da er oft genug in Situationen gewesen war, in denen er zu viel gefragt hatte, tat er einfach, was offenbar von ihm erwartet wurde: Er kramte seine Handschellen heraus, legte sie der zufrieden lallenden Vorzimmerdame an, nahm ihr noch den Schlüsselbund ab, löschte das Licht und ging.

Nur wenig später traf er den Polizeihauptmeister Schulze-Haspelkamp, der mit erhobener Peitsche die Polizeianwärterin Jessica Wagenkötter verfolgte. Erst nach mehreren Korn und einer Frikadelle, der Osterbrink unmöglich hatte widerstehen können, normalisierte sich sein Blutdruck und er fühlte, wie ihn eine wohlige Wärme durchströmte, die die Knie weich und den Kopf leer werden ließ. 50 Grad im Schatten, meinte er noch zu hören, es konnten aber auch 50 Shades of grey gewesen sein, über die irgendwelche Kolleginnen sprachen, dann legte er den Kopf auf den Tisch.

Frau Weber-Hollendorf, die Vorzimmerdame von Dr. Averkamp, wurde erst am Nachmittag des nächsten Tages aus ihrer misslichen Lage befreit, als ein Gärtner aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Polizeipräsidiums  wegen Ruhestörung und Körperverletzung festgenommen und in die Zelle gebracht worden war, weil er es gewagt hatte, am Tag nach dem Betriebsfest Gartenabfälle zu häckseln. Sie erinnerte sich an nichts, bis Osterbrink… jedenfalls duzten sie sich nicht mehr.

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3 Gedanken zu “Osterbrink und das Betriebsfest

  1. Wie viele Osterbrink-Geschichten gibt es mittlerweile eigentlich? Müsste doch für eine eigene Anthologie reichen, oder? Ich wäre schonmal interessiert!
    Jaja, so hat Frau Christie auch mal angefangen – und mit Miss Marple nimmt Osterbrink es allemal auf! 😉

    Gefällt 1 Person

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