I CAN’T GET NO SCIENCE FICTION

„Der beißende Rauch wurde dichter und lag wie ein vielfarbiger Nebel über den Feldern. Am Horizont glühte etwas auf und verlosch, um sogleich wieder aufzuglühen. Es stank nach verbranntem Gummi, nach geschmolzenem Metall, es stank einfach unbeschreiblich. Eine lange, schnurgerade schwarze Spur zog sich in Richtung Freckenhorst. Kein Baum, nicht einmal ein Grashalm hatte der Hitze und den Flammen widerstehen können, selbst die Erde war hart und brüchig wie geborstenes Glas. Die kleine Gruppe ging noch langsamer, niemand von ihnen drängte sich danach, ihr Ziel zu erreichen.“

„Da vorne… ich glaube, da sind sie.“

„Wieso müssen wir da hin? Wieso müssen wir die treffen?“

„Weil das Los auf uns gefallen ist, Anke. Es hätte jeden treffen können.“

„Klar, aber es war nicht jeder im Lostopf – und mich trifft es sowieso immer. Ich krieg auch immer die Grippe, wenn alle anderen…“

„Hältst du jetzt vielleicht mal die Klappe, wir stehen hier kurz vor dem Kontakt – und du nervst mit deinen Wehwehchen.“

„Die reichen mir eigentlich auch völlig, ich will keine neuen, vielleicht auch noch welche, von denen noch nie jemand gehört hat. Du weißt doch auch nicht, was gleich passieren wird.“

„Doch! Wir nehmen stellvertretend für die gesamte Menschheit den ersten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation auf. Das ist ein Moment von historischer Bedeutung. Wir werden in die Geschichtsbücher kommen.“

„Ich möchte aber nicht ins Geschichtsbuch, ich möchte nach Hause.“

„Sie winken… das ist unglaublich… eine intelligente Lebensform aus dem Universum hier bei uns im Kreis Warendorf.“

„Das wäre dann überhaupt die erste intelligente Lebensform im Kreis Warendorf.“

„Lasst es uns rasch noch mal durchgehen. Wir überreichen die Geschenke… Anke, hast du die Geschenke?“

„Ich? Du meinst die Warendorfer Pferdeäpfel? Das waren Geschenke? Äh… ich kann rasch noch mal zurück gehen und neue holen.“

„Du bleibst hier! Sieben waren vereinbart, zu siebt gehen wir da jetzt auch hin.“

„Wieso ausgerechnet sieben? Haben die noch sieben Plätze frei in ihrer fliegenden Untertasse und kidnappen uns gleich?“

„Die Sieben ist die mystische Zahl der Menschheit – und scheinbar auch des Universums!“

„Ich kenne übrigens eine gewisse Martina Sieben, die ist auch ganz schön mysteriös.“

„Aus. Ruhe. Es ist gleich so weit. Wir sollten einen würdigen Eindruck machen.“

„Gut… aber wie verständigen wir uns? Babel Fish? Das Wörterbuch Intergalaktisch – Deutsch, Mario Barth hat da doch bestimmt schon was geschrieben.“

„Wir verbeugen uns, überreichen die Geschenke…äh, wir verbeugen uns nur.“

„… und nehmen Geschenke entgegen. Wer zu Besuch kommt, bringt doch auch was mit.“

„Aber nichts, was du gleich auspackst und womöglich auch noch sofort verschlingst. Wir fassen nichts an, kein Körperkontakt, keine plötzlichen Bewegungen, wir wollen nichts provozieren. Wir bleiben jetzt stehen und… Kommst du zurück, Anke, kommst du bitte sofort zurück!“

„Danke, Erdling, allein…

„Anke, ich heiße Anke.“

„Danke, Anke, allein hätte ich das nicht hingekriegt. Vorhin beim Aussteigen aus der doofen Landeeinheit hab ich mir den Fuß verstaucht. Die Maschine ist aber auch so was von eng. Entschuldige, aber ich soll meinen Kindern was mitbringen. Die nerven jedes Mal rum, wenn ich mit leeren Händen komme. Kann man hier irgendwo vernünftig einkaufen, Anke?“

„Einkaufen, hier? Im Kreis Warendorf?’“

„Und Schnitt. Das war’s dann für heute. Die Stimme aus dem Off muss noch mal neue eingesprochen werden, da war zu wenig Hall drauf. Noch ein bisschen dramatische Musik drunter, dann haben wir den Werbespot für das Centro in Oberhausen im Kasten.“

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4 Gedanken zu “I CAN’T GET NO SCIENCE FICTION

  1. Toller Dialog, Kompliment! Hab mich beim Lesen sehr amüsiert. Dass es um einen Werbespot geht, ahnt man nicht. Das wäre mal intelligente und witzige Werbung, die ich gerne sehen wollte. Da bekäme ich sogar Lust, Warendorfer Pferdeäpfel zu kaufen, von denen ich ahne, dass sie nicht das sind, was man spontan denken möchte.

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    • Danke, Jules. Warendorfer Pferdeäpfel sind tatsächlich eine lokale Spezialität, eine Praline, die gern mal mit etwas Stroh verpackt geliefert wird. Es gab auch mal Warendorfer Reiterwürstchen, ein Produkt, das auch Anlass zu Spekulationen bot.

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