Farbenspiel

Bis auf wenige Gelegenheiten, eine davon war der Doodle für Herrn Trittenheim, zeichne ich selten. Wie das wohl häufiger so geht, man stellt fest, dass man etwas mag, gern tut, anderes auch mag, sogar lieber tut – und so weiter und so weiter. Künstler wie Otto Pankok oder Horst Janssen faszinieren mich immer noch, der Zeichenkurs ist dennoch ohne langfristige Folgen geblieben.  Den Wasserfarben habe ich nach einigen unglücklich verlaufenen Versuchen bereits in der frühen Schulzeit abgeschworen, denn die Grenzen zwischen Blatt, Pinsel, Farbe und mir waren fließender, als es meine Kunstlehrerin für angemessen hielt. Malerei, ob in Öl oder Acryl, habe ich nie ausprobiert, doch nur, weil ich etwas bisher nicht erprobt habe, muss ich das in Zukunft nicht nachholen. Meine Handschrift bietet auch bereits genügend Spielräume für Interpretation oder sinnende Betrachtung.

So ließ ich Pinsel, Feder und Kohle links oder rechts liegen und konzentrierte mich stattdessen auf den  Taschenrechner, später auch auf den PC. Zahlen und Worte wurden mein Geschäft – bis ich damit begann, kleine Texte für WordPress zu verfassen.

Nur Text funktioniert in bestimmten Medien nicht, das weiß nicht nur, aber ganz besonders jeder, der sich an die Zeitungen der längst vergessenen K-Gruppen erinnert, an die Mühen, sich durch schlecht formatierte Textwüsten zu kämpfen, ohne Hoffnung auf ein tröstliches Foto, eine Karikatur, eine Zeichnung.  Bei mir war das die ‚Was tun‘, weil ein Freund in der GIM war, der Gruppe internationaler Marxisten, die sich wiederum der IV. Internationalen zugehörig fühlte und sich unter anderem in der Nachfolge Trotzkis sahe. Wie weit weg das alles ist!

Weil ich diese Ödnis vermeiden wollte, machte ich mich auf die Suche nach Bildern und siehe: Meine Wahrnehmung veränderte sich. Bilder drängten sich auf, ich suchte nicht nach Motiven, sie waren plötzlich da. Ich musste nur noch darauf zeigen und ein wenig betteln, damit sich jemand erbarmte und eine Foto machte.

Palette

Foto: Leonie Voita

Was ich mit dem Fotoapparat oder mit dem Handy nicht kann, das können und konnten Menschen mit Pinsel und Stift. Der Film „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, der die Entstehung des gleichnamigen Bildes zum Gegenstand hat, zeigt, welche aufwändige und langwierige Prozedur nötig war, damit  Jan Vermeer im 17. Jahrhundert, dem goldenen Jahrhundert der Niederlande, die notwendig Farben auf seiner Palette hatte. An eine solche Palette erinnerten mich die Farben eines gefällten Baumes in Aurich. Puh, gerade noch die Kurve gekriegt.

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14 Gedanken zu “Farbenspiel

    • Meinst du, dass aus den guten alten Waldarbeitern inzwischen so was wie Forstassistenten geworden sein könnten? Doodeln lernen? Ist das nicht eine Elementartechnik, die für das Zeichnen etwa die gleiche Bedeutung hat wie das Lallen für die Sprachentwicklung?

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      • Forstassistenten? … Ich dachte eher an forest assistent manager oder so 😉
        Doodeln ist gar nicht so ohne, finde ich. Man muss im visuell Wahrgenommenen die Essenz sehen, die wenigen Linien, die wesentlich sind und die dann zu Papier bringen. Klar, man kann auch einfach drauflos doodeln. Ob das dann in Zeichnen übergeht?

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      • Ich hab mal Steuergehilfen ausgebildet. Früher hieß der Beruf noch so. Die litten unter dem Zusatz ‚Gehilfe“. Also ist assistant manager bestimmt angemessen.
        Eigentlich ist eine Anleitung zum Doodeln doch so seltsam wie ein Software für Mindmaps, es geht doch um die spontane und beiläufige Zeichnung. Natürlich habe ich jetzt gerade mal nachgeschaut, es gibt tatsächlich ganz viel Theorie und Übungen usw. Wenn du sagst, dass es darum geht, im Wahrgenommenen die Essenz zu sehen – dann sind wir bei einer künstlerisch anspruchsvollen Aufgabe, die weit über technische Fertigkeiten hinausgeht. Doodeln, so wie ich es verstanden habe, ist ein Zeitvertreib bei einem Telefongespräch oder während einer Konferenz.

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  1. Bis zu den letzten Sätzen dachte ich, dass diesmal kein Foto, sondern etwas gemaltes zu sehen ist. Es zeigt, dass die Natur doch immer noch die schönsten Farbkombinationen schenkt.
    Die wenigsten von uns können mit Pinsel und Worten gleich gut umgehen. Muss ja auch nicht sein. Solange man Freude dabei empfindet, ist Perfektion nicht wichtig.

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    • Ja, während ich etwas produziere, sehe ich das auch so, möglicherweise auch dann noch, wenn ich es einem Publikum vorstelle, wie groß oder klein es auch sein mag. Aber als Publikum empfinde ich das schon anders, da erwarte ich, dass, wer sich öffentlich präsentiert, auch kann, was da gezeigt wird. Perfektion ist vielleicht nicht das richtige Wort dafür, aber ich möchte dann etwas entdecken können, eine kreative Idee zum Beispiel.

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  2. Weil es all die technischen Hilfsmittel gibt, verkümmern Kulturtechniken wie Schreiben, Zeichnen und Malen. Mein ältester Sohn erzählte mir jüngst von Ausmalbüchern, in deren Papier schon die Farbe eingelassen ist. Sie kommt hervor, wenn man sie mit einem nassen Pinsel berührt.

    Dein hübsches Doodle habe ich noch vor Augen. Du brauchst gewiss kein Tutorial von Youtube, bestenfalls mal eine Anregung. Selbstvertrauen und Experimentierfreude helfen. Max Ernst hat übrigens in der Maserung von Dielenbrettern Bilder gefunden, nachdem er sie abfrottiert hat.

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