Kurzgeschichte: Ruf mich an

Morgens auf dem Fahrrad war es noch kühl gewesen. Auf eine vielversprechende Art, hell, klar und mit dieser gewissen Eduard-Mörike-Note: ‚Süße, wohlbekannte Düfte, …‘ Dann hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen. Heizungsluft, Anschläge auf Computertastaturen, Stimmen aus Büros.

„Morgen, Lukas.“

„Hendrik! Gut, dass du da bist. Die Döppmann aus der Buchhaltung hat schon zweimal nach dir gefragt.“

Was konnte noch aus einem Tag werden, der mit einem Telefonat mit Döppmann begann? Hendrik hängte seine Jacke auf, stellte die Tasche neben den Schreibtisch, drückte auf den Startknopf seines PCs und sah den verschiedenen Meldungen zu, die nacheinander auf dem Monitor erschienen. Noch ein paar Jahre, dachte er. Dabei sollte man an solchen Tagen die Welt nicht nur durch ein dreifachverglastes Lärmschutzfenster sehen. Und man sollte auch nicht nur auf einen Parkplatz für Flurförderfahrzeuge schauen müssen. Obwohl… wenn er sich Mühe gab, dann konnte er hinter der Mauer, die das Betriebsgelände umschloss, etwas Grün sehen, vielleicht sogar, er war sich nicht sicher, etwas Weiß, Blüten möglicherweise.

Es war noch da, stellte er fest. Das Gefühl, mit dem er heute aufgewacht war, dieses Ziehen, dieses Kribbeln im Bauch, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Vermutlich hatte er nur etwas Falsches gegessen.

Der Rechner war inzwischen hochgefahren, Hendrik gab sein Passwort ein, die Benutzeroberfläche baute sich auf.

Google.

Dating Portale.

Es war so schnell gegangen, dass er sich einreden konnte, sich seines eigenen Handelns kaum bewusst gewesen zu sein. „Spätes Glück – das Portal für die Best-Ager“. Irgendwo hatte er davon gelesen. Seriös, drei Monate Probemitgliedschaft zum Freundschaftspreis. In ein paar Minuten ein eigenes Profil angelegt, und schon würde ein genialer Algorithmus diese Daten mit denen von Tausenden von Frauen abgleichen und genau die herausfischen, die eine, die zu ihm passte. Das weitere Prozedere war ganz einfach: Spätes Glück kontaktierte die Dame – und die meldete sich bei ihm. Vielleicht.

Sorgfältig trug er seine persönlichen Daten ein. Größe, Gewicht, Augenfarbe. Haarfarbe. Geburtsdatum… ein endloser Fragebogen. Dann noch ein paar Zeilen für persönliche Anmerkungen. Humor kam da bestimmt gut an. „Ich fühle mich jünger als ich aussehe, aber dafür sehe ich älter aus, als ich bin. Insgesamt stimmt’s also wahrscheinlich wieder.“ schrieb Hendrik.

Dann, in einem plötzlichen Anflug von Ehrlichkeit, fügte er hinzu: „Früher schauten die Frauen nicht hin, wenn ich einen Raum betrat, heute schauen sie weg. Ich begann einzusehen, dass ich wirklich nicht gut aussah, als ich den Eindruck gewann, dass der Spiegel sich wegzudrehen versuchte.“

Er las die letzten Zeilen noch einmal durch, löschte sie dann sorgfältig und formulierte neu: „Es sind nicht die Jahre, die zählen, nicht die Schrammen und Kratzer, die Fältchen und Krähenfüße, die Hühneraugen und Stützstrümpfe…“

Nein, besser noch einmal: „Es sind nicht die Jahre, die zählen, es ist die Milde und Großzügigkeit, die sie uns schenken. Es sind nicht die Falten, es ist das Leben, das uns geprägt und reich an Erfahrungen gemacht hat. Es ist nicht die Angst vor der Einsamkeit, es ist die Freude auf eine gute gemeinsame Zeit.“

Das sollte doch wohl genügen, oder? Enter. Abgeschickt. Weg.

Und er hatte doch nur etwas Falsches gegessen, bestimmt.

Wie lange es wohl dauern würde, bis…?

Das Telefon klingelte.

Ja!

Oder seine Frau?

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18 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Ruf mich an

  1. Da fährt einer mit dem Fahrrad zur Arbeit im Büro, und man erwartet eine Bürogeschichte, ahnt die Sehnsucht auszubrechen, aber dieser Ausbruch soll einer aus der Ehe sein, zunächst nur virtuell angebahnt. Warum? Weil es geht, weil die Möglichkeit verlockend ist und sich verheimlichen lässt. Deine Kurzgeschichte wirft die Frage auf, ob ein „genialer Algorithmus“ einen besser paassenden Partner finden kann, ob diese Form der Partnersuche den eher zufälligen Begegnungen des Alltags überlegen ist. Mir gefallen die alternativen „persönlichen Anmerkungen“, sehr witzig!

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  2. Es soll ja Männer geben, die haben so viel Freude an ihrer Frau, dass sie sich gern noch eine Zweite zulegen. Umgekehrt soll so etwas aber auch schon vorgekommen sein.
    Ja – und an einem nüchternen Arbeitsplatz haben sehnsüchtige Gedanken durchaus die Chance, sich nicht an Arbeitszeiten zu halten, wenn sie wahrgenommen werden wollen.
    🙂

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