Where the hell are we here?

Foto: Elfie Voita

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„Ei Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „daß ich dich besser hören kann.“

Blöd jetzt, da habe ich mir so einen schönen Anfangssatz ausgesucht – und schon lauern hinter den Wörtern Geschichten. Eigentlich wollte ich nämlich erzählen, dass… aber jetzt muss das eben warten. Ob die Grimms oder die Damen und Herren Märchentanten, die ihnen die überlieferten Geschichten erzählten, bei diesem Satz auch auf Erfahrungswissen zurückgriffen? Es ist schließlich kaum zu übersehen, dass die Ohren zeitlebens wachsen, ich zum Beispiel trete mir schon ständig auf die Ohrringe. Blöder Scherz, ich weiß. Gerade letzte Woche habe ich nämlich nachgelesen, nachdem mir im Fernsehen ein republikanischer Präsidentschaftskandidat, den ich per se für ein Schlitzohr halten würde, als wahrer Muschelprinz erschien, als jemand, der zu Recht von sich behaupten kann, ein Ohr fürs Volk zu haben. Zwei sogar, und was für welche!

Na, jedenfalls ist es so, dass, wie allgemein bekannt ist, mit zunehmendem Alter die Ohren schlechter werden. Dafür werden sie dann eben größer, um möglichst viel Schall auffangen zu können. Der Wolf erzählt Rotkäppchen also die reine Wahrheit, falls es sich, was noch zu prüfen wäre, um einen alten Wolf handelt. Aber welcher junge Wolf würde eine Großmutter vernaschen? So. Eben diese großen Ohren, also eigentlich finde ich meine Ohren noch ganz okay und meine Frau hat sehr schöne Ohren, haben wir in ein Konzert getragen und uns von Joe Bonamassa das Trommelfell über die Ohren ziehen lassen.

Der Name war mir schon lange geläufig, bis vor einem halben Jahr habe ich aber, zumindest bewusst, nichts von ihm gehört. Dann bekamen wir eine CD und wenig später fand ich zwei Eintrittskarten unter meinen Geburtstagsgeschenken.

Joe Bonamassa ist, was meine Töchter retro nennen würden. Ein Musiker, der, obwohl selbst noch keine 40, wie aus den sechziger oder siebziger Jahren klingt. Ein Rocker, ein Blues-Rocker, ein Guitar Hero. Wäre er ein Revolverheld aus dem Wilden Westen, er wäre der schnellste Schütze weit und breit. Und bis 22:15 hat er so viele Noten gespielt, wie andere bis 24 Uhr. Manchmal laut und brachial, manchmal auch laut und brachial. Also meistens. Es gab auch leisere Passagen, er kann das, er kann das sogar sehr gut. Ich hätte mir etwas mehr davon gewünscht. Und etwas mehr von den Bläsern.

Es ist doof, einen Satz mit trotzdem anzufangen: Also das Konzert hat mir gefallen, es hat mir sogar gut gefallen. Es war auch nicht so furchtbar laut, meine Ohren klingelten jedenfalls nicht mehr, als sie das sonst schon tun. Man kann – und wenn man kann, dann tue ich das natürlich auch, ein wenig über Herrn Bonamassa spotten. Er ließe sich als eine Art Rock’n Roll-Buchhalter beschreiben. Er sieht schon so aus. Dafür kann er nichts. Ich bin halt in einer Zeit musikalisch sozialisiert worden, als Rockstars wie langhaarige Rebellen aussahen. Er beginnt seine Konzerte pünktlich. 20 Uhr. Licht aus. Rock’n Roll an. Ich hab da die Assoziation einer Stechuhr hinter der Bühne. Und um 22:15 Uhr wird ausgestempelt. Nach der ordnungsgemäß abgerockten Zugabe. Das war jetzt böse und unfair. Und es hat Spaß gemacht. Nein, es ist überhaupt nichts dagegen zu sagen, dass er pünktlich ist und seine Show sauber und diszipliniert abliefert. Außer, dass es halt meinen Rock-Klischees nicht entspricht.

Aber das ist mein Fehler, nicht seiner.

Was mich störte, war eigentlich etwas anderes. Er spricht nicht, sagt keinen Titel an, hat zwei oder drei Haltepunkte während des höllischen Ritts, an denen er kurz unterbricht. Einmal, um guten Abend zu sagen und die Band vorzustellen. Dann um sich bei dem Publikum zu bedanken und schließlich, um sich nach der Zugabe final zu verabschieden. Alles andere ist ein bisschen wie hinter einer Glasscheibe. Er ist da oben auf der Bühne, arbeitet mit seiner Band, ist großartig – aber nicht wirklich hier. Das kann er auch nicht. Er spielt über den Daumen vier Shows in sieben Tagen, er ist sozusagen ständig irgendwo und damit wohl auch ständig nirgends. Und deshalb gab es einen schönen Moment, als er sich nach etwa 15 Minuten an das eher spärliche Publikum wandte: „Where the hell are we here?“
Es war die Emsland-Arena in Lingen. Man muss sie nicht kennen. Man muss Lingen nicht kennen und wir haben uns auch gefragt, warum man Joe Bonamassa nach Lingen gelotst hat. Überall wäre sein Konzert wohl ausverkauft gewesen. Er war deshalb nicht schlechter. Er müsste sich wohl anstrengen, um schlechter zu sein. Sehr gut sein, fällt ihm vermutlich leichter.

Wir haben ihn gut gehört. Ich höre ihn mir gern auch ein zweites Mal an. Es muss ja nicht in Lingen sein.

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17 Gedanken zu “Where the hell are we here?

  1. Als ich den Herrn Bonamassa vor fünf, sechs, sieben oder acht Jahren, so genau weiß ich es nicht mehr, gesehen habe, da hatte dieser, obwohl damals schon grandios auf der Gitarre spielend, noch sehr, sehr lange Haare.
    Wie doch die Zeit vergeht.
    Seine Haare waren damals so lang, dass ich nicht mal ansatzweise seine Ohren sehen konnte …

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  2. Jetzt weiß ich – und ich kenne nur Herrn Bonamassas CDs – wie ich bei all dieser genialen Spielfertigkeit das unangenehme Gefühl beschreiben kann, welches mich bei seiner Musik beschleicht: buchhalterisch! In einer hitzigen Diskussion zu seinem Gitarrenstil nannte ich seine Soli mal „zu klinisch“ – was immer ich auch damit meinte …

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  3. Danke für diese Entdeckung. Ich hatte tatsächlich noch nie von Joe Bonamassa gehört (bin nicht oft in diesem Musik-Genre unterwegs), bin aber ziemlich beeindruckt. Dieser zeitlose Blues-Rock fährt mir immer wieder ein. „Retro“? Ok, seis drum. „Buchhalterisch“, „zu klinisch“? Na ja, geschenkt! Sicher, der Kerl hat (noch) nicht die Lebenserfahrung eines BBK oder Clapton, und wohl auch nicht die Drogenerfahrung eines Stevie Ray Vaughn. Und eine spärlich gefüllte deutsche Provinzhalle ist wohl auch nicht gerade dazu angetan, das Maximum an Emotionen aus einem Musiker herauszuholen. Aber ich finde solche Diskussionen und Vergleiche genau so müssig, wie eine Hilary Hahn mit Arthur Grumiaux zu vergleichen. Gott sei dank gibt es Unterschiede, denn jeder dieser fabelhaften Künstler ist eine eigene Persönlichkeit und in seiner Genialität und seinem Ausdruck einzigartig. Schön, dass es sie gibt!

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    • Hallo Beat, ja, ich gebe dir natürlich in fast allem Recht. Ich besuche auch nur noch selten die großen Konzerte, und Bonamassa gehört ganz sicher zu denen, die zugunsten erstklassig gespielter Musik auf die große Show und den smalltalk verzichten. Damit kann ich leben, aber ich mag es schon, wenn zu der Musikalität und Fingerfähigkeit auch noch Charisma hinzukommt.

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      • Ok, was die Bühnenpräsenz und Ausstrahlung betrifft, kann JB sicher nicht mit Rory Gallagher oder SRV mithalten. Dafür ist er einfach zu wenig freakig, was ihn aber auch wieder irgendwie sympatisch und zugänglich macht. Aber der Blues-Sound an sich… was ich da so auf youtube finde tönt für mich jedenfalls sehr überzeugend. Und die Leute, die da mit ihm spielen und singen, sind ja auch nicht einfach irgendwer. Na ja, wie war das noch mal mit Geschmack und so… 🙂

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  4. Nun habe ich mir doch etwas von ihm auf youtube angehört. Interessant waren vor allem die Kommentare: to clean, kopiert die Großen etc pp Ich war ja mit einem Musiker zusammen, jeder in der Band hatte, wie auch sonst im Leben, seine Eigenarten auf der Bühne. Mitgerissen hat mich das Video von ihm allerdings nicht, obwohl ich früher sehr viel Rockmusik gehört habe.

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    • Man kann wohl niemandem vorwerfen, die Großen zu kopieren, das ist wohl ein notwendiger Entwicklungsschritt. Man klaut halt bei den Besten. Irgendwann sollte man darüber hinaus sein. Bonamassa spielt in einem Genre, das eher nicht so innovativ ist, also erinnern wir uns immer an andere, frühere oder auch gleichzeitige Künstler.

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