Teezeit

Als im Frühling die Blumen ihre ersten zarten Knospen vorsichtig aus dem Boden hervorlugen ließen, um sich zu vergewissern, dass der Winter auch tatsächlich vorbei war, hatte ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Okay, auf meinem Stückchen Acker regte sich nichts. Jedenfalls nichts, was man nicht bedenkenlos hätte ausrupfen können. Nicht, dass ich das festgestellt hätte. Dafür bin ich denn doch zu sehr Städter. Aber meine Frau, die kommt vom Lande. Die kennt eine ganze Menge Grünzeug.

Na gut, ich war dabei, von meinen Naturkenntnissen zu erzählen. Leider kann ich nur einige wenige ganz grobe Klassifizierungen vornehmen. Zum Beispiel gibt es Bäume. Laub- und Nadelbäume. Bei den Nadelbäumen wird es dann sehr schnell schwierig. Natürlich kenne ich Bezeichnungen wie Tanne, Fichte, Kiefer und… äh, nein, mehr doch nicht. Aber was denn da nun nadelt, das weiß ich nicht.

Weihnachten kaufen wir einen Tannenbaum. Immer. Aber ob das auch eine Tanne ist? Oder vielleicht eine Fichte? Tanne scheint mehr so eine Art Markenzeichen zu sein, so wie Tempo für Papiertaschentücher oder Maggi für Speisewürze. Bei sol-chen Sachen kenne ich mich auch viel besser aus. Kein Wunder, die tragen ihren Namen schließlich auch auf einem Etikett mit sich herum. Würde meine Frau jetzt einwenden.

Laubbäume kenne ich auch. Eichen. Und Rotbuchen. Jedenfalls nehme ich an, dass ich Rotbuchen – oder heißen die Dinger Blutbuchen?- kenne. Der Name ist so spre-chend. Es gibt doch wohl keine andere … heißt es ’Sorte’?, die auch rote Blätter hat? Ich habe vor kurzem nämlich von einer Badewanne gelesen, die aus Rotzeder hergestellt wird. Wir können vermutlich als gesichert betrachten, dass dieses Wort nicht ‘Rotz – eder’ getrennt wird. Wenn sich nun herausstellen sollte, dass diese Zeder nicht einfach nur rötliches Holz, sondern auch noch rote Blätter haben sollte, dann kenne ich nur Eichen richtig gut. Und Ahorn. Wegen der kanadischen Fahne.

Oh, ich kenne nicht nur keine Bäume, nein ich kenne auch ganz andere Pflanzen nicht. Manches ist ja nun wirklich simpel. Blumen zu Beispiel. Wenn sie stechen, halte ich sie für Rosen. Und was auf großen Flächen den Boden deckt, ist meistens Gras.

Ach so, bevor ich es vergesse, ich weiß auch, das Pflanzen in der Regel gegossen werden müssen, warum auch immer. In der freien Natur kommen sie ja auch allein zurecht, aber im Garten muss gegossen werden. Dafür braucht man ein eigenes Bohrloch, das wiederum vom Spezialisten gebohrt wird.

Der letzte, den ich mit einer Rute gesehen hatte, war Knecht Ruprecht und das war während meiner Kindheit, deshalb irritierte es mich schon etwas, wie der Mann durch unseren Garten schritt und seine Rute irgendwann ausschlagen ließ. Aber er fand Wasser und so waren wir bald stolze Besitzer eines eigenen Bohrlochs. Nur stank das Wasser erbärmlich. Eine Freundin meiner Frau, die zufällig vorbei kam, konnte den Geruch allerdings viel qualifizierter beschreiben. Sie schnupperte kurz und stellte fest: Schwefel.
Offenbar hatten wir die Hölle angebohrt!

Was hatte ich gerade erzählen wollen? Ach ja. Es wuchs nichts Rechtes auf meinem Stückchen Land. Dabei war ich mir ganz sicher gewesen. Ziemlich sicher jedenfalls. Nach der Geschichte mit dem Tee-Ei war ich längst nicht mehr so naiv. Da hatte mir doch jemand erzählt, wenn man ein Tee-Ei lang genug unter eine hinreichend heiße Glühlampe lege, würde es dort ausgebrütet.

Quatsch. War mir auch fast gleich aufgefallen. Deshalb hatte ich es auch nur ganz kurz unter die Lampe gelegt. Klar, Tee ist ein pflanzliches Produkt. Weiß ich doch. Deshalb habe ich ihn dann auch gepflanzt. Den Nachbarn habe ich nichts davon erzählt. Meiner Frau auch nicht. Sollte eine Überraschung werden.

Eine ganze zwanziger Packung Teebeutel habe ich vergraben. Nein, nicht die ganze Packung auf einmal, Beutelchen für Beutelchen schön säuberlich in ein eigenes Löchlein, angegossen und so weiter, genau wie meine Frau das mit ihren Blumenzwiebeln machte. Und dann gewartet.

Schließlich bin ich dann rein gegangen, weil sich nichts tat. Aber als im Frühling immer noch nichts passierte, wurde ich misstrauisch. Ungeziefer?

Wahrscheinlich Beutelratten!

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9 Gedanken zu “Teezeit

  1. Die Ficht sticht, die Tanne nicht, – sonst ist mir das Pflanzenreich ähnlich fremd wie deinem Protagonisten. Als Teestübchenbetreiber bin ich ganz fasziniert von der Idee, Teebeutel zu planzen. Hängt vielleicht mit der ostfriesischen Disziplin des Teebeutelweitwurfs zusammen.

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  2. Du wirst doch hier bestens mit Lehrmaterial aus der „Natur“ versorgt. Und nächstes Mal, bevor du eine Idee wie „Teebeutel einpflanzen“ hast, darfst du gerne deine Fan-Gemeinde um Rat fragen. Aber amüsant war deine Ausführung über deine Naturkenntnisse schon sehr.

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    • Jan, zugegeben, auch wenn die Story da etwas auf die Spitze treibt, ich bin Städter, egal, ob ich auf dem Land, in der Klein- oder Großstadt lebe. Landwirtschaft und Gartenbau sind für mich so fern wie die Naturwissenschaften. Ich stehe erstaunt vor ihren Wundern.

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