When we were young: Alternativzeitungen

Stadtzeitung

Im November 1978 erschien in Leer die Nullnummer der Stadtzeitung. Im Selbstverlag, Kontaktadresse war meine damalige Wohnung in Leer, Telefon gab es nicht, Redaktionssitzungen sollen angeblich im Jugendzentrum stattgefunden haben. In der Gründungsphase war das möglicherweise auch so, später lief das in meiner Wohnung.  Ich stieß nach dem Abschluss meines BWL-Studiums zu den Gründern, wollte nie wieder was mit BWL zu tun haben und plante, Kommunikationswissenschaften zu studieren. Was lag also näher, als mich einzubringen? Damit war ich sofort der Alterspräsident. Jetzt habe ich mich bei der Überlegung ertappt, wie alt ich damals denn gewesen sein könnte, dabei handelt es sich nur um eine simple Subtraktionsaufgabe. Erscheinungsjahr – Geburtsjahr – 1 = … aber wen interessiert das schon? Abgesehen natürlich von – 1, da kommt man ins Grübeln, nicht wahr?

Es gab bei den Gründern ein paar Überschneidungen mit anderen Gruppen. Die Anti-AKW-Bewegung war noch sehr aktiv. Die Selbstorganisation der Zivildienstleistenden, die DFG-VK, eine Antifa-Gruppe und die gerade in Leer an den Start gegangenen Grünen, bestimmt habe ich noch Bürgerinitiativen und politische Gruppen vergessen. Gedruckt wurde in Oldenburg, der ASTA der Carl-von-Ossietzky-Universität machte uns einen guten Preis. Die Uni kämpfte übrigens beharrlich für diesen Namen, der von mehreren niedersächsischen Kabinetten abgelehnt und erst 1991 unter Schröder offiziell vergeben wurde.

Wir schrieben mit einer Olympia-Schreibmaschine mit einem extrabreiten Wagen, rubbelten die Buchstaben für die Überschriften mit Letraset, schnibbelten und klebten. Kein Computer, kein Telefon, keine Handys. Keine journalistische Ausbildung, keine Ahnung von Layout. Ich weiß nicht mehr, in welchen Stückzahlen wir produzierten, ich weiß auch nicht mehr, wie viel wir verkauft haben. Es gab Läden, die unsere Zeitung anboten, wir stellten uns auch in die Fußgängerzone und ließen uns als Kommunisten beschimpfen.

Lange vorbei. Aber beim Durchblättern habe ich viele Themen entdeckt, die sich bis heute gehalten haben. Kein gutes Zeichen. Damals regten wir uns über die Hindenburgstraße in Leer auf und auch Agnes Miegel schien uns nicht wirklich ehrenwert. Münster hat erst vor wenigen Jahren seinen zentralen Platz von Hindenburg- ins Schloßplatz umbenannt.

Warum wir aufgehört haben, weiß ich auch nicht mehr. Vielleicht haben wir auch nicht aufgehört, vielleicht bin ich auch einfach nur weggezogen, nach Münster, um dort zu studieren, und die Stadtzeitung gibt es immer noch.

 

 

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6 Gedanken zu “When we were young: Alternativzeitungen

  1. Schöne Erinnerung an eure Alternativzeitung und an sicher eine wichtige Phase in deinem Leben! Ende der 1970-er Jahre war die große Zeit der alternativen Stadt- und Stadtteilzeitungen. Es hing zusammen mit der Verbreitung des preiswerten Offsetdrucks. So ziemlich jeder AStA besaß mindestens eine DIN-A3-Rotaprint-Kleinoffsetdruckmaschine und betrieb damit eine eigene Druckerei. Ich habe damals für den Aachener TH-AStA solche Publikationen gedruckt. Die Aachener Stadtzeitung hieß Klenkes, wurde zuerst von den linken Basisgruppen herausgebracht und wandelte sich später zu einem noch heute existierenden Verlagsunternehmen. Der Klenkes packte Themen an, an die sich die bestens mit Lokalpolitik und Wirtschaft vernetzten klassischen Zeitungen nicht heranwagten. Die Kumpanei der Presse mit dem Etablishment gab es nämlich schon damals. Was sich heute an Gegenöffentlichkeit im Internet findet, stand damals in den Stadtzeitungen. Leider ereilte den Klenkes das Schicksal fast aller Alternativ-Zeitungen. Er ist inzwischen nur noch Veranstaltungs- und Gastroführer.
    Wie steht es um die Stadtzeitung für Leer und Umgebung?

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    • In Leer ist die damalige Stadtzeitung wohl einfach eingeschlafen. Es ist unter den Bedingungen einer Kleinstadt schwer, Kontinuität und Qualität für ein solches Erzeugnis zu sichern, weil viele der jungen Leute, die sich engagieren wollen, bald in die größeren Städte ziehen. Oldenburg hatte da noch die geringste Anziehungskraft, lange war es Berlin, wohin man aufbrach. Ohne die Unterstützung einer Gruppe aus Hildesheim wären wir damals vielleicht nie erschienen.
      Gegenöffentlichkeit, Alternativzeitung, Bürgerinititative… wie fremd diese Begriffe inzwischen klingen. Dabei hätten wir jetzt die technischen Mittel.

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  2. Hast du nicht oben geschrieben, die Stadtzeitung gebe es immer noch?
    Ja, in den 70-ern war die Gesellschaft noch wacher und emanzipierter. Das ragte noch in die 80-er,bis Kohl die geistig-moralische Wende ausgerufen hat, was ja eigentlich die Absenkung moralischer Standards bedeutete. Man genehmigte das Privatfernsehen als perfektes Instrument der Verrohung und Verblödung.
    Ich will nichts monokausal erklären, aber glaube, dass das Ergebnis der grölende Mob von Glausnitz ist. Gegenöffentlichkeit 2016.

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    • Nein, das war eher ein Gedankenspiel. Was wäre, wenn die einfach weitergemacht hätten, ohne mich. Wäre sogar schön gewesen, hätte sich aber vermutlich in genau die Richtung entwickelt, die du beschrieben hast. Anzeigenblatt mit Kulturtipps. Damals hätten wir übrigens auch das Organ der Grünen für Leer werden können, wir wollten uns aber nicht an eine Partei binden.
      Deine Befürchtungen zur Gegenöffentlichkeit 2016 teile ich – leider.

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