Howgh!

Steht da doof, so zu Beginn? Man denkt, man hat einen Anfang und was ist es: Ein Umweg! Karl May hat es geschrieben und mit Winnetou haben wir gelernt, dass dieses ‚Howgh‘ eine abschließende, bekräftigende Redewendung ist, die von Winnetou dann auch gleich um ‚Ich habe gesprochen‘ ergänzt wird.
Stimmt aber nicht.
Oder nicht nur. Es war wohl vor allem eine indianische Grußformel. Deshalb also hier am Anfang und zwar zurecht! Wie nun jeder erraten hat, geht es in diesem Text nicht um Indianer, sonst wäre das ja kein Umweg gewesen, sondern um Häuptlinge.
Also doch Indianer?

Nein. Nicht nur Indianer hatten Häuptlinge. Die gab es in Deutschland, wenn wir diesen Begriff jetzt einfach mal nur zur geografischen Eingrenzung verwenden, schon lange, bevor Kolumbus 1492 Amerika wiederentdeckte. Da hatten die Häuptlinge längst das bisher freie Volk der Friesen, nun, sagen wir, nicht unterworfen, aber die Gunst der Stunde, die eher eine Ungunst war und aus Flutkatastrophen und Pestausbrüchen bestand, genutzt, um sich von wichtigen Ratgebern zu einer Art Landesherren aufzuschwingen. Ihre befestigten Steinhäuser, die sogenannte Häuptlingsburgen, sind heute noch in Ostfriesland zu sehen.

Falls jemand soeben erst von diesen Häuptlingen erfahren haben sollte: Schade, jetzt nehmen wir schon wieder Abschied, denn noch bevor sie von den Bauern zum Teufel gejagt werden konnten, hatte ein Kaiser, und ich bestehe darauf, nicht wissen zu wollen, welcher, aus Ostfriesland eine Grafschaft gemacht, einen Adeligen damit beliehen und alles war gut.
Oder auch nicht.

Jetzt aber: Wir waren in Jever. Das Bier ist bekannt. Maria nicht. Diese Maria jedenfalls nicht. Sie war die Tochter des letzten regierenden Häuptlings und ist wohl auch in seinem Grabmal – ebenfalls in Jever – beigesetzt worden. Man hat ihr ein Denkmal gesetzt, auf dessen Sockel sich der folgende Text findet:

Maria tho JeverFoto: Elfie Voita

Ist es nicht schön, nach über 440 Jahren noch zu wissen, dass diese Maria ‚Dochter und Froichen‘ war?
Wen hätte das interessiert? Und wissen muss man das nicht. Aber für diese Erkenntnis ist es jetzt zu spät.
Howgh!

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17 Gedanken zu “Howgh!

  1. „Zounds!“, wie wir Westmänner sagen. Natürlich hatte ich bislang noch nie was von den ostfriesischen Häuptlingen gehört. Der Wikipediaeintrag offenbart Geschehnisse von shakespearischem Ausmaß. Eines wusste ich und wurde auch dort bestätigt, dass die Küstenfriesen allesamt von Strandräubern abstammen. Übrigens war es Kaiser Friedrich III, der den Häuptlingen ein Ende setzte. Schließlich hast du mich auch nicht gefragt, ob ich was vom ostfriesischen Häuptlingswesen wissen will.

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  2. Lieber Herr Voita,
    Sie machen mir mit diesem Text eine große Freude! Langsam fügen sich bei mir einige Puzzlesteinchen. Mein Freund Horst, der auch mal mein Chef war, ist sein Leben lang Häuptling gewesen. Im Beruf – vorher – und danach. Wenn er ein Geschäft, ein Krankenhaus, eine Bank oder irgend einen Raum betritt, merkt man sofort: Da kommt ein Häuptling! Und sollte es mal jemand nicht merken, dann macht er es ihm klar. Ich habe mich immer gefragt, wie aus einem Ostfriesen so ein erfolgreicher Mann werden kann. Er ist in Jever geboren. Nun wundert es mich nicht mehr. Ich habe die Ostfriesen wohl schon immer unterschätzt!
    Gruß Heinrich

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    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ja, es gibt die Häuptlinge unter uns, geborene Häuptlinge, auch wenn wir uns angewöhnt haben, sie Alpha-Männchen zu nennen. Und eigentlich ist das Bild des Häuptlings auch viel treffender.
      Viele Grüß
      Manfred

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  3. Lieber Manfred!

    Ich finde die Erwähnung von Maria als „Dochter und Froichen“ schon erstaunlich, wenn ich bedenke: Zur damaligen Zeit galten Mädchen und Frauen noch als eine Art Untermenschen. Noch gar nicht richtig Mensch.
    Sie als Dochter und Froichen zu bezeichnen, lässt darauf Rückschlüsse zu, sie verschaffte sich damals Gehör als „Dochter und Froichen“ und erlangte Ansehen. Vermutlich gehörte sie dem Adel an, wo die Frau einen etwas höheren Stellenwert genoss, als im Rest der Bevölkerung des Mittelalters.

    Wen das interessiert, was auf der Tafel steht? Möglicherweise die Nachkommen dieser Maria, die jetzt im 21. Jahrhundert Leben. Mich hat es auch interessiert, dass das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, 1395 in einer Urkunde des Ritter zu M… erstmals erwähnt worden war. Auch, wenn ich nicht dem Adel zugehöre.

    Mit freundlichen Grüßen
    Rosenherz (ganz ohne Ritterscherz)

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    • Natürlich hast du Recht. Sobald man sich einen Moment auf ein solches Denkmal einlässt, und das ist in den Zeiten des Internets und Wikipedias ja kein Kunststück mehr, wird eben nicht nur Geschichte lebendig, sondern wir denken über Sprache nach, über die Rolle der Frau, über eigene Wurzeln usw. Das Denk mal hat seinen Zweck erfüllt – und mein Text interessante Überlegungen. Danke und viele Grüße
      Manfred

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  4. Behold! Wie Ortheil (lese ich gerade) aus dem ‚Winnetou‘ ständig ‚zitiert‘. Aber solch‘ eine Grabplatte wirst du nicht bekommen (falls du dir da Hoffnungen machst), ich auch nicht, obwohl ich Dochter und Froichen bin. Aber mein Vater war leider kein Häuptling …

    LG, Ingrid

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