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‚Wichtige Mitteilung zum Online-Banking‘ steht in der Betreff-Spalte meines E-Mail-Clients. Das ist schön, ich bekomme gern Post von Verbrechern. Früher, als ich ein Kind war, also vor einem halben Jahrhundert, falsch, das ist länger her, aber Details verwirren nur, waren Verbrecher Männer. Frauen waren gut und mütterlich, außer einigen wenigen Mörderinnen, aber die hatten schließlich auch Ehebruch begangen oder arbeiteten im Rotlicht-Milieu. Waren also sowieso Verbrecher. Verbrecherinnen gab es damals also genauso wenig wie Polizistinnen. Die Welt war noch in Ordnung.

Es ist jetzt allerdings nicht meine Absicht, alle Männer zu Verbrechern zu erklären, wie es einst die Ärzte getan haben. Dafür kenne ich die Ärzte zu wenig. Aber sammeln wir uns: Verbrecher waren Männer, die ins Zuchthaus kamen. Sie mordeten, überfielen Banken oder verrieten Geheimnisse an den Feind. Den gab es damals auch noch, den Feind. Alles war klar und übersichtlich. Wir waren die Guten, der Feind war böse und Verbrecher wurden per Steckbrief gesucht. Und nicht im Fernsehen interviewt. Man bekam auch keine Post von ihnen.

Damals angelte man noch nach Fischen, Männer taten das, schweigsam, mit einer Angel aus Holz und allein. Phising war nicht vorgesehen. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, Kontonummern oder die PIN über gefakte Seiten abzugreifen, denn in jenen fernen Zeiten hatte man kein Konto. Ein Sparbuch schon. Das hatte ich auch, war gleich nach meiner Geburt eingerichtet worden. Fünf Mark Guthaben. Das war auch die letzte Einzahlung. Ansonsten kam das Geld in der Lohntüte. Freitags. Während der Woche kam der Briefträger und brachte die Post. Unser Zusteller hätte bestimmt keine Briefe von Verbrechern verteilt. Was hätten die auch schreiben sollen? In gebrochenem Deutsch.-. was ist das überhaupt, so eine Art herausgewürgte Laute? – darum bitten, die , keine Ahnung, eine Mark für das Brot schon am Montag am Straßenrand zu deponieren, der Bäcker würde sie dann am Dienstag gleich einkassieren, bevor er das Brot brächte?

Auf die Idee kam keiner, obwohl, jetzt, wo ich darüber nachdenke, es hätte klappen können. Wir waren ja noch so naiv. Heute hingegen… da kommt diese Mail in einem Design, das nicht im entferntesten den Eindruck macht, es könnte sich wirklich um eine offizielle Mail der Postbank handeln. In einer Sprache, von der man nicht einen Moment lang glaubt, dass eine kaufmännisch ausgebildete Fachkraft sich so ungeschickt ausdrücken könnte. Naja, schon, die kaufmännischen Fachkräfte, die ich ausgebildet habe,…egal. Design und Sprache stimmen nicht, da steht nicht mal meine Kundennummer oder irgendetwas, das halbwegs plausibel aussieht.

Hey, da folge ich doch gleich mal dem Link und gebe meine Daten ein. Wieso? Was für eine Frage! Wir sind doch inzwischen gebrannte Kinder, wir wissen, dass Banken nicht existieren, um nett zu sein und sich kostenlos um unser Geld zu kümmern, es zu hegen und zu vermehren. Nein, wir wissen, dass da Ganoven sitzen, die unsere sauer verdiente Kohle verzocken, jetzt nicht meine, so blöd bin ich auch wieder nicht, außerdem hätte ich nichts, was man.., aber das geht keinen etwas an. Also: Ganoven in den Banken, also Ganovensprache in der schlampig gemachten Mail, passt doch. Die muss echt sein. Ich folge also dem Link und will meine Daten eingeben.

Schade nur, dass ich kein Postbank-Konto habe.

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13 Gedanken zu “Link

  1. Nach der Penisverlängerung und den sündhaft teuren Telefongesprächen mit geil… äh, jungen Mädchen aus meiner Umgebung, die sich aber partout nicht mit mir treffen wollten (- was soll ich jetzt mit diesem langen Ding?!), antworte ich auf solche Emails nicht mehr. Gut, neulich brauchte Amazon unbedingt meine Zugangsdaten, aus Sicherheitsgründen, da muß man ja. Allerdings frage ich mich, wann ich da die Geschirrspülmaschine bestellt habe, und vor allem: Wo, bitte, bleibt die?

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    • Dann ist es ein deutscher Krimineller, denn deutsch sein heißt ja bekanntlich, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Wenn es nur um Identitätsdiebstahl geht, ohne dass der Täter etwas davon hat, dann ist es die Kriminalität als Selbstzweck.

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  2. Es muss aber noch genügend Leute geben, die auf so etwas hereinfallen, sonst würden die das nicht machen. Die heutige Welt ist verwirrend: es kommen Verbrechermails 😉 mit RS-Fehlern und es kommen Firmenmails mit RS-Fehlern. Wer soll da noch unterscheiden können? Muss man vielleicht auch gar nicht 😉 Andererseits: ich könnte schon längst Millionärin sein und einen langen Penis könnte ich auch haben. Aber was soll ich damit?
    Kichernde Grüße, Ingrid
    P.S. Und diese heißen Frauen, die sich mit mir immer treffen wollen. Sind das die Verbrecherinnnen von heute?

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  3. Trickbetrüger hat es schon immer gegeben, auch in den von dir beschworenen übersichtlichen Zeiten. Ich erinnere mich noch gut an die Sendung „Vorsicht Falle“ des legendären Eduard Zimmermann, woran mich der Untertitel immer fasziniert hat „Nepper, Schlepper, Bauernfänger.“ Eigentlich wusste ich nämlich nicht, was „Nepper“ sind, was „Schlepper“ genau machen und wie „Bauernfänger“ vorgehen. Irgendwie drängt sich die Vorstellung auf, die Bauernfänger müssten geschickter gewesen sein als die Versender von Phishing-Mails in „gebrochenem Deutsch“. So einen sah ich mal im TV. Es war ein pickeliger Jugendlicher, der im Dachgeschoss des elterlichen Hauses saß und nach eigenen Angaben gut 4000 Euro im Monat mit Internetbetrug verdiente. Er hatte keinerlei Unrechtsgefühl, sonder berichtete freimütig, dass man alles, Virenkits, Phishingsoftware, Email-Adressen, – alles was der Internetbetrüger braucht, im Internet kaufen könne.
    Dein Vergleich mit unseren Bankstern, den Ganoven in unseren „seriösen“ Banken ist freilich gut, denn der Schaden, den sie angerichtet haben oder insgeheim weiter anrichten, ist gewaltig.

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    • Ede Zimmermann, ja, ich erinnere mich natürlich. Genau wie du es beschreibst, so ist es auch mir ergangen. Keine Ahnung, was Nepper, Schlepper oder Bauernfänger sein könnten. Geheimnisvoll. Also ein gutes Motiv, da mal aufzupassen.
      Es ist übrigens fast tröstlich, wenn da Kleinkriminelle mit so einer billigen Masche ihre Existenz sichern können und nicht der finstere Mafiosi persönlich nach mir greift.

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  4. Na dann antworte ich dem netten Herren aus dem Kongo mit der Erbschaft die er mit mir teilen würde vielleicht doch nicht.
    Obwohl…das klingt alles recht schlüssig.
    Klasse Text! Gestern Abend und heute morgen gleich noch mal, hat er mich herzhaft zum Lachen gebracht. Danke und liebe Grüße

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