Brandstifter

Theater. "Biedermann und die Brandstifter". Kleines Theater Bad Godesberg, Probenbühne. 20.10.2015

Theater. „Biedermann und die Brandstifter“. Kleines Theater Bad Godesberg, Probenbühne. 20.10.2015

copyright Friedhelm Schulz

Wir waren im Theater. Biedermann und die Brandstifter. Ausverkauft. Das Max Frisch dieses Stück geschrieben hat, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden. Dass aber das kleine Theater Bad Godesberg spielte, das wird leicht vergessen, weil Martin Semmelrogge mit auf der Bühne stand. Schön und gut, ich war nicht da, um Prominenz zu gucken. Das Stück kannte ich, vermutlich habe ich es vor vierzig Jahren schon mal gesehen.

Jetzt, und das ist wohl nicht allein der schauspielerischen Leistung des Ensembles zu verdanken, haut es rein, um es mal ganz unliterarisch auszudrücken. Das Publikum in Warendorf und auch wohl anderswo erlebt die Geschichte des Hauseigentümers Biedermann, der sehenden Auges in sein Verderben rennt und seinen ganzen Stadtteil gleich mitnimmt, als Parabel auf die aktuelle Flüchtlingssituation.

Biedermann, auch wenn er kein netter Kerl, kein guter Mensch ist, lässt sich aus Inkonsequenz, aus Naivität, aus schlechtem Gewissen, dazu verleiten, die Brandstifter, die er längst als solche erkannt hat und doch nicht erkennen will, ihr Unwesen auf seinem Dachboden treiben zu lassen.

Ich weiß nicht, welche Intention das Kleine Theater verfolgte, wenn es denn eine gab, außer Einnahmen zu generieren, was für ein kleines Theater keineswegs ehrenrührig wäre, in der aktuellen politischen Situation sitzt man da und kriegt die Leviten gelesen, glaubt dem Stück eine klare Botschaft entnehmen zu können, zu müssen sogar.

Wir sind die Biedermänner, Frau Merkel ist die Biederfrau, die Flüchtlinge, die Nordafrikaner, sind die Brandstifter und unser Untergang ist programmiert, wenn wir jetzt nicht handeln.

Puh… kann man das auch anders lesen, anders interpretieren? Ist es nicht auch die Geschichte einer Gesellschaft, die sich eingerichtet hat in ihrem Wohlstand, auf Kosten ihrer Angestellten, auf Rechnung der kleinen Leute, einer Gesellschaft, die sich die Bedrohungen selbst eingebrockt hat und die sich jetzt nicht mehr zu helfen weiß?

Mal abgesehen davon, dass wir nicht so rat- und machtlos sind, wie die Nachrichten uns das Tag für Tag suggerieren, mal abgesehen davon, dass es Geld genug in diesem Lande gäbe, wenn man nur bereit wäre, auch die wirklich Reichen zu besteuern: Manche, viele von uns tragen Verantwortung dafür, wie die Welt aussieht. Es wäre sicher zu einfach und denen gegenüber, die schon zu Opfern wurden, auch nicht fair, jetzt zu sagen, dass wir den Preis dafür zu zahlen haben. Aber wäre es falsch?

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10 Gedanken zu “Brandstifter

  1. Ein interessanter Zeitpunkt, um das Stück auf die Bühne zu bringen. Interessieren würde mich, was Frisch in seinem Tagebuch über die gegenwärtige Situation geschrieben hätte. Aber, komme, was da wolle, es gibt immer ein Nachspiel.

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      • Du weißt nicht, ob … Also, ich weiß, dass es mir eher nicht gefällt. Das hindert mich nicht daran, die Frage interessant zu finden. Was ist das für eine Kampagne auf breitester Front, bei der alles nur irgendwie Erdenkliche ins Feld geführt wird, um uns – wie mir scheint, auf einen Kurswechsel einzustimmen. Insofern ist es eher nicht wie beim Biedermann, eher wie bei Nero.

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      • Genau diesen Eindruck habe ich auch. Der Kurswechsel wird auch medial zelebriert, mal ganz abgesehen von den Politikern. Jetzt ist mal wieder der Moment gekommen, in dem es heißt: Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen….

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      • Das schlimmste ist: Ich beobachte mich selbst kritisch und stelle fest, wie meine eigene Position innerlich langsam aufgeweicht wird – so eine Unsicherheit einzieht, dass ich nicht mehr sicher bin, ob die Argumente der anderen Seite nicht doch irgendwie … wenn natürlich auch nicht in dieser radikalen Form … bla-bla-bla
        Die Interviewpartner in den Medien sind jetzt andere. Waren es anfangs, die Positivisten(die mir auch auf den Senkel gingen), sind es jetzt die Abwägenden (die mir anfangen unheimlich zu werden).

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      • Die Lager sind auch sehr unübersichtlich. Da sind es plötzlich die Arbeitgeberverbände, die auf der Seite der Flüchtlinge stehen – und schon will man reflexartig die Seite wechseln. Aber da stehen schon die Afd und die CSU, während SPD und CDU gerade auf dem Wege dorthin sind. Aber die und weg von den Arbeitgebern? Was ist denn hier los? Und fühle ich mich bedroht? Physisch oder mehr wirtschaftlich oder eigenlich eher medienvermittelt? Es wird mehr eingebrochen. Von Ausländern. Aber von gut organisierten Banden. Also nicht von Flüchtlingen. Hoffe ich. Oder noch nicht von Flüchtlingen? Dabei kenne ich einige syrische Flüchtlinge. Aber das sind Frauen. Und so weiter….

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  2. In den letzten beiden Abschnitte bietest du eine Interpretation an, der ich zustimmen kann. Was davor steht, könnte der AfD gefallen, ist von Dir sicher ironisch gemeint, weil es zu kurz greift. Es spricht für die künstlerische Qualität des Stücks, dass es immer wieder aktuelle Zeitbezüge nahelegt..

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    • Ja, das ist sicher eine wichtige Funktion von Theater. So betrachtet hilft es natürlich, eigene Gedanken und Gefühle zu sortieren bzw. sich zu fragen, wie schnell diese Gedanken und Gefühle von einem Dritten gezielt angesprochen/manipuliert werden können.

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