Angefressen

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Fast alle bekommen gern mal Besuch – und so erwarteten zu Ostern 1534 die Wiedertäufer, eine reformatorische Bewegung, die in Münster einen Gottesstaat geschaffen hatte, die Parusie, die Wiederkunft Christi. Daraus wurde – wie zu diversen anderen angekündigten Terminen – nichts. 1535 kam stattdessen der Fürstbischof mit seinem Heer und richtete ein Blutbad in der Stadt an, so dass die verbliebenen Münsteranerinnen und Münsteraner vermutlich durchaus eine Vorstellung vom jüngsten Gericht bekamen.

Die Wiedertäufer hatten ihre Wurzeln im niederländisch/norddeutschen Raum, zum berüchtigtsten Ausbruch kam es in Münster, aber auch Amsterdam blieb nicht unbeteiligt.

Am 11. Februar 1535 hatte sich dort während einer Täuferversammlung einer der Anwesenden demonstrativ ausgezogen und seine Kleidung verbrannt. Wie nicht anders zu erwarten, taten es ihm die Anwesenden gleich und zogen -nackt – unter dem Motto „Wehe, die Vergeltung Gottes!“ auf die Straße hinaus, was für manch einen Zuschauer möglicherweise genügend Strafe war. Es dauerte jedoch noch bis zum 10.Mai 1535, vermutlich, weil man sich erst neue Kleidung beschaffen und die Erkältungen auskurieren musste, bis der Wederdopersoproer in Amsterdam stattfand. Noch am gleichen Tag wurde der Aufstand nieder- und die Köpfe abgeschlagen.

Menno Simons, nicht zu verwechseln mit Hein Simons, der als Heintje in Deutschland Karriere machte, einer der geistlichen Väter der täuferischen Bewegung, hatte sich früh von den radikalen Kräften distanziert. Auf ihn gehen die Mennoniten zurück, die in den Niederlanden als Doopsgezinde bis in die Gegenwart aktiv sind. Weil sie in Europa vielfach verfolgt wurden, wanderten sie nach Russland, nach Kanada, in die USA oder nach Südamerika aus. Dort erhielt sich auch ihre Sprache, das Plautdietsche.

Puh… Angekommen. Das alles musste nicht notwendigerweise erzählt werden, aber es musste all das passieren, damit wir nämlich bei Verwandten ein junges Mädchen – sagt man sowas noch? Ist das antiquiert? – treffen konnten, das dort zu Gast war. Sie kam aus Paraguay, war blond und deutschsprachig – und da denkt man erst: Zweiter Weltkrieg, Rattenlinie, Nazi-Flüchtlinge… und ist doch etwas erleichtert, wenn sie nur aus einer dieser zwar hinreichend seltsamen, aber deutlich älteren – nämlich einer Mennonitenkolonien stammt.

Ein paar Tage später spazieren wir durch Münster, am Turm der Lambertikirche hängen noch immer die Käfige der Täufer, die vor diesem Turm zu Tode gefoltert worden waren, im Dom sind noch Spuren des Bildersturms der Täufer zu finden und da verbinden sich plötzlich Vergangenheit und Gegenwart. Nur ich, ich weiß nicht, wann und warum der Kopf auf dem Foto beschädigt wurde.

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8 Gedanken zu “Angefressen

  1. Ja, die Käfige oben an Lamberti … Ein anderer Wahlmünsteraner hat sich dazu literarisch mal dahingehend geäußert, dass es eine barbarische Zurschaustellung von (kirchlicher) Macht sei. Sie heutzutage immer noch da hängen zu lassen, entbehre einer gewissen Logik. Wenn im nahen Osten jemand etwas stiehlt, Hand ab. Läuft jemand weg, Fuß ab. Denkt jemand, Kopf ab. Aber niemand bei uns rege sich darüber auf, ist halt deren Mentaliät. Und Münster hätte halt seine drei perversen Käfige. 😉 (Mein Kumpel schrieb den Text Mitte der 90er Jahre.)

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  2. Blogfreund Videbitis ist letztens in Münster gewesen und hat wieder eine schöne Fotoreportage veröffentlicht, unter anderem auch ein Bild der drei schändlichen Käfige am Turm von Lamberti gezeigt. Ich habe mich bei ihm schon darüber aufgeregt, denn ich verstehe nicht, was die Kirchenoberen sich denken. Ist’s Nostalgie und erfreuen sie sich täglich neu am Gedanken an Zeiten, als rechtgläubige Christen im Namen Gottes noch Ketzerzungen herausreißen durfte?
    http://koelnfotos.com/2016/01/14/ausflug-nach-muenster-1/

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    • Ich vermute, dass es eine Mischung aus Tourismusförderung und Zurschaustellung ehemaliger Macht und Größe ist. Grausamkeiten, die weit genug in der Vergangenheit liegen, reichen immer noch für eine kleine Gänsehaus, betreffen uns aber nicht mehr.

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