Mich fragt ja keiner

Im Online-Portal der Süddeutschen Zeitung nehmen verschiedenen Autoren Stellung zu der Frage, was denn nun eigentlich deutsch sei. Heute las ich ‚Wenn das tiefe Glockengeläut erklingt‘ von Martin Mosebach, Büchner-Preisträger und somit in der deutschen Gegenwartsliteratur geadelt. Nein, ich will nicht einsteigen in diese Diskussion – und doch bin ich natürlich sofort dabei. Dabei ist Mosebach interessant, auch interessant, um eigene Positionen zu überprüfen, sich an ihm zu reiben.

Bei Mosebach geht es – wie bei einem Schriftsteller wohl kaum anders zu erwarten – um Sprache. Natürlich auch um den Begriff der Nation, den Nationalismus, um… ach, wer es wissen will, soll es halt selber lesen. Er endet aber – und das war es, was mich überraschte – mit seinem Gefühl von Heimat. Ist das nicht etwas völlig anderes? Ist Heimat nicht für jeden von uns etwas sehr Persönliches, nicht an die Nation oder die Sprache, die Kultur oder die Geschichte Gebundenes? Hat den nur der Deutsche eine Heimat? Nur der Frankfurter? Bin ich kein Deutscher, wenn mir die Glocken des Kaiserdoms in Frankfurt nichts sagen?

Oder will mir Herr Mosebach sagen, dass es völlig wurscht ist, was denn die deutsche Identität ist, dass es nur wichtig ist, dass ich weiß, woher ich komme und wohin ich gehöre? Klingt auf Anhieb nicht so schlecht… reicht mir aber nicht. Ist da nicht doch etwas? Nicht diese ominöse Leitkultur oder der Einbürgerungstest. Rede ich mit Menschen aus anderen Staaten, dann unterscheidet uns zunächst einmal die Sprache, dann aber auch schon die Schulsysteme, die Filme, die wir gesehen, die Bücher, die wir gelesen haben, der Zweite Weltkrieg und die Nazis, Otto, Loriot und das Gebäck auf dem Teller. Und was berechtigt mich, an dieser Diskussion teilzunehmen?

Mein Vater stammte aus dem Sudetenland – mit anderen Worten aus Böhmen, einer Region, die zu Österreich-Ungarn, zur k. u. k. Monarchie gehörte. Es gab dort eine deutsche Minderheit, die aber, wie das bei Minderheiten so ist, durchaus Verbindungen zu den anderen Völkern einging. Es gibt also in meinem Stammbaum auch tschechische Vorfahren und wenn der Ariernachweis nicht gewesen wäre, den die Nazis verlangten, wer weiß, wer da noch in dieser Liste gestanden hätte? Meine Mutter stammt aus Ostpreußen, ihre Eltern und Großeltern waren aber auch in der Ukraine unterwegs… ob da vielleicht auch einmal ein Slawe in den Stammbaum gerutscht ist?

Ab wann genau ist man deutsch? Da gab und gibt es die Weitergabe der Staatsangehörigkeit durch Abstammung. In den Ausweisen meiner Eltern stand ihre deutsche Staatsangehörigkeit, ich bin also Deutscher. Folglich bin ich berechtigt, mir Gedanken darüber zu machen, was, außer diesem Eintrag in den Dokumenten, mich zu einem Deutschen macht. Aber ich will nicht. Weil diese Definition, wenn sie denn gelänge, gelingen könnte, vermutlich nur genutzt werden würde, um ganz genau festlegen zu können, wer es dann nicht ist. In diesem Sinne bin ich dann bei Martin Mosebach: Heimat ist für mich der Geruch eines Torffeuers.

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5 Gedanken zu “Mich fragt ja keiner

  1. Die Nebelbomben, die Mosebach in der SZ wirft, helfen mir nicht weiter. Seine fette Glocke macht bim, ich mach bam. Mit 17 war ich auf Texel. Am Abend sammelte der Herbergsvater der Jugenherberge Den Burg uns Deutsche ein und führte uns auf einen Friedhof für russische Kriegsgefangene, die nachdem sie für die Deutschen den Kriegshafen Den Helder ausgebaut hatten, auf Texel ermordet worden waren. Diese Gräber zeigte er uns und sagte: „Das haben eure Väter getan!“ Da wusste ich, was es auch bedeutet, Deutscher zu sein. Dieser Außenblick definiert das Deutsche viel besser als die subjektive Sicht, die jeder abhängig von seiner Biographie entwickelt.
    Wenn meine Schüler es ablehnten, mit den Gräueln des Nationalsozialismus in Verbingung gebracht zu werden, habe ich gesagt: „Ihr habt damit genausoviel und so wenig zu tun wie mit der Fußballweltmeisterschaft der deutschen Nationalmannschaft.
    Wer auf sein Deutschsein stolz sein will, muss auch bereit sein, sich zu schämen.Besser ist es freilich, sich und sein Deuitschsein nicht über das Kunstprodukt Nation zu definieren, sondern über die Sprache. Denn darin denken wir und teilen uns mit, und sie bedingt, wie wir die Welt sehen.

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  2. Stolz sein auf eine Nation ist ohnehin eine seltsame Idee. Worauf bin ich da stolz? Stolz sein kann ich auf etwas, das mir gelungen ist, einen Text, eine Prüfung, meine Töchter, meine Frau – aber auf ein Land? Bin ich stolz auf einen Berg? Einen Fluß? Auf ein Gedicht Rilkes? Auf Karl den Großen? Aber nicht auf Amsterdam? Das darf ich lieben, darauf darf ich aber nicht stolz sein… irgend etwas verstehe ich da offenbar nicht. Ich verstehe auch nicht, wieso Menschen auf ein Land, ein Volk stolz sein können, das sie in großen Teilen nicht ausstehen können. Aber was empfinde ich, wenn ich Thomas Mann höre, der den Nazis sagt „Wo ich bin, ist Deutschland.“? Das hat etwas mit Sprache, aber auch mit Identität zu tun, mit den Nazis und mit Thomas Mann. Mit der Fußballnationalmannschaft und mit Arno Schmidt. Es ist, wie du sagst, nicht die Nation, es sind nicht die Grenzen, aber es ist wohl auch mehr als die Sprache und anderes als die Heimat. Es ist, wie du sagst, die Art, wie wir die Welt sehen und wie die Welt uns sieht.

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  3. Ringsum verstehen die Menschen in der Regel gar nicht, was die Deutschen für Probleme haben mit ihrem Deutschsein und ihrer Heimat. In El Salvador beispielsweise, einem kleinen Land, in dem es ungefähr so viele Mißstände gibt wie Einwohner und wo man sich im Zentrum der Hauptstadt eigentlich nie auf die Strasse trauen kann, nach Einbruch der Dunkelheit sowieso nicht, wo nahezu täglich Busse überfallen werden und (um mal ein harmloseres Beispiel zu nehmen) es keine irgendwo aushängenden Busfahrpläne oder markierte Busstationen gibt — in El Salvador ist jedermann selbstverständlich stolz auf sein Land und hält es für das beste Land der Welt. Und wenn man jemanden dort auf die Mißstände im Land anspricht, dann fängt er sofort an, sein Land zu verteidigen, macht dem Fremden klar, dass er sich kein Urteil erlauben könne. Für „Heimat“ hat man im gesamten spanischsprachigen Bereich kein Wort: Man spricht von „patria“, dem Vaterland, oder, wenn man es nicht so betonen will, vom „pais natal“, dem Geburtsland. Der deutsche Heimat-Begriff ist halt total überladen, vielleicht gerade bei Abkömmling von Vertriebenen (meine Mutter kam aus Westpreußen, der Vater aus Niederschlesien); da ist man mit einem seltsam überhöhten, fast mythischen Heimat-Begriff konfrontiert worden, der mich jedenfalls als Kind nur irritiert hat. Diese tolle Heimat war ja für mich so real wie Takatukaland. Später dann bekam man klar gemacht, die Trauer über die verlorene Heimat sei etwas Verbotenes, weil Revanchismus. Da soll ein Mensch ein selbstverständlich-entspanntes Verhältnis zu solchen Begriffen entwickeln … Mosebach (von dem ich einige Romane gerne gelesen habe) verheddert sich meiner Meinung nach – der Sprung von der problematischen Geschichte des deutschen Nationalismus zu seiner persönlichen Befindlichkeit, zu seinem Frankfurt-Gefühl ist ein wenig weit. ….
    Sehr schön aber finde ich seinen Satz mit den Fischen im Wasser. Wenn er mal eine Weile in – um zum Anfang zurück zu kommen – El Salvador leben würde, dann würde ihm schnell dieses Wasser fehlen, dann würde er merken, dass ihm dort nicht nur der Geschmack seines Lieblingsweines fehlen würde – natürlich der Klang der dicken Glocke.

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