Kurzgeschichte: Abkürzungen

Selbstverständlich war es unvernünftig von ihr, nachts allein über den Friedhof zu gehen, aber was würde aus der Welt, was würde vor allen Dingen aus all den Geschichten, wenn Menschen sich nur noch vernünftig verhielten? Außerdem: was war denn schon dabei? Wovor sollte sie sich denn fürchten? Und wieso stellte sie sich überhaupt diese Fragen? Umkehren? Dafür war es jetzt zu spät, der Rückweg wäre mindestens ebenso lang, also…
„Sie haben Post.“
Er zuckte zusammen, als käme die Stimme direkt aus dem Grab, dabei war es nur sein E-Mail-Programm, das ihm den Eingang einer neuen Nachricht meldete. Störungen haben Vorrang, lautete eine Regel der Sozialpsychologie, er konnte jetzt unmöglich weiter schreiben, ohne sich vergewissert zu haben, wer ihm da was mitzuteilen hatte.
Amazon hatte mal wieder einen ganz persönlichen Buchtipp für ihn. Die Dornenvögel. Na klar, nur weil er seiner Frau die DVD zum Geburtstag geschenkt hatte, würde er jetzt auch noch diese Schnulze lesen wollen. Und dafür brach er mitten im Satz ab! Na immerhin war es nicht eine dieser Gewinnmitteilungen, mit denen er in letzter Zeit zugeschüttet wurde. Immer waren es gleich Millionen, die angeblich bei einer Lotterie, an der er garantiert nicht teilgenommen hatte, ausgeschüttet worden waren. Und wenn man an die Kohle wollte, musste man nur die notwendigen Kosten für den Transfer des Geldes übernehmen, ein paar hundert Euro, wen scherten schon die paar Kröten, wenn es um Millionen ging. Nicht mit ihm.
also…
Das letzte Wort seines Textes verlangte nach einer Fortsetzung, aber jetzt war er raus. Erst mal sammeln. Er nahm die Finger von der Tastatur, rollte seinen Drehstuhl ein Stückchen zurück und streckte die Beine aus. Es gab Autoren, die solche Texte nur in abgedunkelten Räumen schreiben konnten, umgeben von merkwürdigen Artefakten. Er hingegen konnte sich auf seine Phantasie verlassen, er spürte schon, wie sich der nächste Satz formte… da war auf einmal der Text auf dem Bildschirm verschwunden, stattdessen breitete sich ein makelloser weißer Sandstrand aus, eine Palme bot dem Auge halt und im Hintergrund ließ sich ein Korallenriff erahnen.

Er hämmerte auf die Leertaste, weg mit der Südsee, volle Konzentration auf die Nacht und ihre Gefahren.

…also beschleunigte sie ihre Schritte, der Kies knirschte unter ihren Schuhen, ihren hohen Absätzen, ihren zum Fliehen viel zu hohen Absätzen. Mühsam zwang sie sich, ihr Tempo wieder zu mäßigen, ihren Atem zu beruhigen… tief einzuatmen… ganz tief… langsam auszuatmen. Keine Panik. Es gab keinen Grund zur Panik. Hier gab es nichts, wovor sie sich fürchten musste, es war ihr eigener Kopf, der ihr Gefahren vorgaukelte, ihre Phantasie, die mit ihr durchging. Gleich hinter der Hecke musste sie rechts abbiegen. Wenn es doch nicht so dunkel wäre, jetzt war das bisschen Mond auch noch hinter einer Wolke verschwunden, bei ihrem Glück war das bestimmt auch noch eine Gewitterwolke. Etwas huschte vor ihr über den Weg, sie zuckte zurück, geriet ins Stolpern, griff ins Leere, dann war da etwas, sie fasste zu, fand Halt und ließ sogleich wieder los, weil etwas in ihren Finger stach, natürlich, die Hecke, eine Dornenhecke. Immerhin war sie nicht gestürzt, nur ein kleiner roter Tropfen Blut viel auf ein altes, verwittertes Grab, eines, das ganz verlassen und abgesondert am Rande des Wegs lag.
Sekundenlang erfasste ein Strahl fahlen Mondlichts den Grabstein und ließ sie erschauern, da stand kein Name, wohl hatte dort einmal ein Name gestanden, aber er war ausgelöscht worden, schien ausgekratzt, von bloßen Fingernägeln weggekratzt worden zu sein. Nur eine Palme, nein, nicht der übliche Palmenzweig, eine ganze Palme, zierte den Stein. Kein Kreuz, kein Engel, kein christliches Symbol. In der Ferne hörte sie die Schläge einer Kirchturmuhr, sie brauchte nicht mitzuzählen, um zu wissen, was die Stunde geschlagen hatte. Und noch bevor der Mantel der Nacht sich wieder über die Lebenden und die Toten ausbreitete, fiel ihr Blick auf die Stelle, an der ihr Blutstropfen den Boden berührt hatte. Die Erde bewegte sich, warf sich auf, etwas wollte…
„Sie haben Post“
Na, das kam ja gerade im richtigen Moment. War die Szene nicht schon etwas zu lang geraten? Und was würde … oh, seine Hauptperson hatte noch nicht mal einen Namen…, gut, gleich, erst mal die Post.

Es war ein osteuropäisches Versandunternehmen, das ihm Viagra zu supergünstigen Konditionen anbot, rezeptfrei und diskret verpackt. Offenbar würde er seinen E-Mail-Filter neu einstellen müssen, wer brauchte schon solche Mails? Was er hingegen brauchte, war ein Kaffee. Arno Schmidt hätte einen Klaren gebraucht, oder gleich ein paar davon, er hingegen brauchte nur einen klaren Kopf.
Als er mit seiner Tasse Kaffee wieder vor dem Rechner saß, hatte sich die Südsee natürlich wieder auf seinem Monitor breit gemacht. Feiner weißer Sand, tropische Rhythmen, schöne Menschen, Bacardi… aber das war nicht sein Thema. Es war Nacht und
…etwas wollte nach oben. Christina wich zurück, ohne den Blick abwenden zu können, sie stolperte, fiel, ihre Hände tasteten über den Boden, fanden etwas Hartes, Langes… einen Stiehl, sie griff zu und hatte eine Harke in der Hand, die wohl von einer Witwe hinter dem Grabstein ihres Mannes deponiert worden war, um bei der täglichen Grabpflege gute Dienste zu leisten. Jetzt wurde die Harke in Christinas Händen zur Waffe, sie hob sie und schlug zu, wieder und wieder, was auch immer sich da aus dem Grab erheben wollte, sie würde es verhindern.
„Kommst Du mal bitte ans Telefon. Es ist Brigitte.“ rief seine Frau von unten.
„ Sag ihr, ich bin gerade auf dem Friedhof, wir sehen uns dann heute Abend.“

Und schon wieder die Südsee, er würde mal googeln müssen, wie man den Bildschirmschoner so einstellte, dass er nicht schon ansprang, wenn man mal auf der Tastatur nach einem eher seltenen Buchstaben suchte.

Egal, jetzt wurde die Zeit ohnehin knapp, viel länger durfte die Geschichte auch nicht werden. Eigentlich hätte Christina jetzt vom Friedhof flüchten sollen, in der sicheren Gewissheit, dass ihr jemand, etwas folgte. Niemand, den sie fragen würde, könnte ihr helfen, schließlich geriete sie, die schon fast reif für die Psychiatrie war, an einen obskuren Buchhändler, der ihr anhand der Palme auf dem Grabstein – das Grab selbst war nicht mehr zu finden, offenbar eingezogen, obwohl das Friedhofsamt nichts davon zu wissen schien, von einer karibischen Sekte erzählte, die irgendwas mit Zombies mache. Da sie gerade einen namhaften Betrag gewonnen hatte, würde sie in die Karibik fliegen, dort nach mannigfaltigen Abenteuern dem Sektenoberhaupt begegnen, dessen vor Jahren in der Fremde verstorbenen Sohn sie in Warendorf auf dem Friedhof zurück ins Verderben gestoßen hatte. Aber es ginge natürlich gut aus. Doch dafür blieb jetzt keine Zeit, also rasch ein alternatives Ende:
Als sich nichts mehr rührte, ließ sie die Harke fallen und rannte wie vom Leibhaftigen besessen davon. Zuhause angekommen, schloss sie sich ein, schaltete alle Lampen an, stellte einen Sessel vor die Tür, machte Radio und Fernsehen an und wartete.
Sie erwachte mit dem Schürhaken im Arm auf dem Sofa und wusste nicht recht, was sie von den Ereignissen der vergangenen Nacht halten sollte. Einfach vergessen, das ging wohl nicht, zumal ihre Handtasche nicht aufzufinden war. Nachdem Christina vergeblich an allen Orten gesucht hatte, an denen sie die Tasche gern gefunden hätte, musste sie, wenn auch widerwillig, zurück zum Friedhof. Wenn ihr auch mulmig dabei war, so näherte sie sich dennoch dem Grab, hob ihre Handtasche auf und betrachtete den Ort ihres nächtlichen Schreckens. Oh je, standen Maulwürfe nicht unter Naturschutz?

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3 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Abkürzungen

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