Kurzgeschichte: GUT AUSGEGANGEN

1968_Jimi_Hendrix_Experience

Nur die Anschläge der Tastatur oder das Blättern der Seiten: Was für ein beschränktes Medium die Sprache, zumal die geschriebene, doch ist, was alles nicht möglich ist. Jimi Hendrix elektrische Gitarre, die gehört zum Soundtrack… Laut, sehr laut, nur dreißig Sekunden, dann langsam ausgeblendet, leiser, nur noch im Hintergrund… Hey hey Joe… können Sie mich jetzt hören?

Sehen Sie mich? Ein echtes Kunststück… nein, nicht ich, sondern Ihr Versuch, mich zu sehen, damals, Ende der sechziger Jahre, auf meiner Bettcouch in dem kleinen Zimmer, wie ich da sitze, bei offenem Fenster Hendrix oder Led Zeppelin zuhöre und vor allem den haltlosen Versprechungen, die das Leben macht, wenn man 17 oder 18 ist.

Ein Traktor, der über die unbefestigte Straße vor der Haustür rumpelt. Umgezogen, neu, fremd in einer anderen Stadt, einem anderen Teil des Landes. Wie aufdringlich die Realität dann plötzlich ist, der Wind, die Landschaft, alles will wahrgenommen werden, bleibt nicht bescheiden im Hintergrund, als Kulisse für das eigenen Leben. Schön auch, die Wärme der Sonne und die Kälte des Windes gleichzeitig auf meinem Gesicht.

Nachher im Club? hatte Tamme gefragt und so beiläufig wie möglich hatte ich genickt. So, als sei es ganz selbstverständlich für mich, abends auszugehen. Mit meinen fünf Mark Taschengeld. Im Monat. Meine Ersparnisse waren schon für Sgt. Pepper von den Beatles draufgegangen. Da gab es Verhandlungsbedarf.

Oh Gott meine Haare. Lang genug sind sie ja schon. Dachte ich jedenfalls damals. Nur das sie eigenmächtig Wellen schlagen. Und was zieh ich an? Jeans oder Jeans? Den Parka natürlich, der bleibt offen, sommers wie winters. Zu Fuß in die Stadt, heißt ja schließlich auch ausgehen. Es ist noch nicht mal dunkel draußen, vielleicht gerade mal acht, die Stadt ist sehr still, Ladenschluss um 18:00 Uhr. Nur ein paar Möwen über dem Hafen.

In einer Seitenstraße der Club, ein flaches Klinkergebäude, die Tür nur angelehnt. Irgendeine Soulnummer, Marvin Gaye vielleicht. Meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, dann weiter vorn die Tanzfläche, der Diskjockey, ein paar Leute, die ich nicht kenne und ganz schnell habe ich ein Bier in der Hand. Gut einteilen jetzt, sowieso besser, dieses Bier ist tatsächlich mein erstes Bier.
Dann Tamme. Rauchst du? Woher soll ich das wissen, niemand hat mir gesagt, ob ich das tun würde, niemand, dass ich das selbst entscheiden muss. Irgendwie hatte ich gedacht, man sei Raucher oder Nichtraucher, so, wie man halt evangelisch oder katholisch ist. Also ja. So werden offenbar Entscheidungen getroffen.

Viel reden geht nicht, zu laut. Aber später, draußen, vor der Tür, da stehen wir mit anderen zusammen, mit Shorty, die mindestens so groß ist wie ich und mit Hergen, der ein eigenes Auto hat und von Konzerten in Oldenburg und Groningen erzählt. Wie groß die Welt doch ist.
Dann wieder im Club ist Anne plötzlich da, Anne, die auch in unserer Klasse ist, nehme ich jedenfalls an, denn dort ist sie mir noch nicht groß aufgefallen. Jetzt, aus der Nähe betrachtet… Ob ich tanze? Klar habe ich schon getanzt, im Gemeindehaus, so eine Art Irish Dance für Arme, die mal sehr gebräuchlich war, schön in der Reihe und dann linkes Bein vor, rechts Bein vor, möglichst in irgendeiner Beziehung zur Musik. Aber mit einem Mädchen? Auf einer Tanzfläche? Zum Glück ein schneller Titel, Van Morrisons Moondance. Der Abend ist gerettet.
Dann A Whiter Shade of Pale… Musik mit Anfassen.

Plötzlich steht ein Typ neben mir und bietet mir Prügel an. Seine Freundin und meine Finger. Lass mal, sagt Tamme. Zu mir, zu Anne, aber auch zu dem Typen und Tamme kann sehr überzeugend sein.

Wir gehen raus, genug für einen Abend. Ein Freund, ein Feind, ein Mädchen.

Und alles ist voller Mond.

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11 Gedanken zu “Kurzgeschichte: GUT AUSGEGANGEN

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