Zen-Navigation

Mein kleiner Text ‚Magie für Anfänger‘ hatte, wie ich im letzten Satz verriet, eigentlich s‘-Hertogensbosch gelten sollen. Einer Stadt, deren Name so unhandlich ist, dass man lieber nach Utrecht fahren würde, wüsste man nicht, dass sie längst umgangssprachlich Den Bosch genannt wird. Den Bosch ist, wie im Übrigen auch Den Haag, im Telefonbuch nicht zu finden, im Falle von Den Haag schaut man besser unter s‘-Gravenhage nach. Ich mag es, wenn Orte oder Städte praktische Namen tragen, wie zum Beispiel Lotte (in der Nähe von Osnabrück) oder Kalle (in der Grafschaft Bentheim).

Kirchen verlangen für die Teilnahme an den Gottesdiensten keinen Eintritt, das konnten wir – wenn wir gerade über Den Haag reden – in der Kloosterkerk überprüfen, der Kirche, die angeblich auch vom niederländischen Königshaus aufgesucht wird… oder sagt man bei Kirchen ‚benutzt‘ oder ‚besucht‘? Die Kirche war rappelvoll, was uns hätte stutzig machen müssen – auch in den Niederlanden hat die Entkirchlichung heftig zugeschlagen. Der Grund zeigte sich bald… oder ließ sich hören, denn es gab dort neben einer fachkundig auf Niederländisch ausgeführten Predigt das Residentie Bachorkest mit dem Residentie Bachkoor, die, wen wird es wundern, Bachkantaten zur Aufführung brachten. Orchester und Chor haben einen guten Ruf und einen guten Klang, das kriegt man nicht umsonst geboten. Folglich wurde die Predigt um die klare Ansage erweitert, die Kollekte doch bitte um 10 Euro pro Person zu erhöhen. Leider verstehen wir ja kein Niederländisch, sonst wäre ein schönes Bachkonzert mir diesen recht preiswerten Eintritt schon wert gewesen.

Jetzt wird es aber schon wieder eng für s‘-Hertogensbosch, obwohl: Eigentlich hat es auch noch etwas Zeit mit dem Text. Ich muss dafür etwas ausholen, was heißt hier ich muss, ich tu’s ja schon die ganze Zeit. Amsterdam ist mir nicht zufällig in die Quere gekommen, sondern Ausgangspunkt für die geplante Reise nach Den Bosch. Nein, ich fahre nicht von Amsterdam nach Den Bosch, sondern mein Wunsch, Den Bosch zu besuchen ist ohne Amsterdam nicht zu erklären. In den siebziger Jahren, als wir noch glaubten, alles zu wissen, alles zu können und alles werde gut, mal ganz abgesehen davon, dass wir uns für unsterblich hielten, war ich von einer derartigen kulturellen Ignoranz befallen, dass ich durch Barcelona fuhr und den Namen Gaudi nicht kannte, während er mir zu München jederzeit präsent gewesen wäre.

So ging es mir in Amsterdam, Rembrandthaus? Van Gogh? Niemand wies mich darauf hin, auch nicht die etwa gleichaltrigen jungen Männer, die mir bei diversen Gelegenheiten ‚Haschisch?‘ zuflüsterten. Dafür gab es ein kulturelles Highlight, das, neben einer Grachtenfahrt natürlich, jeden Eintritt wert war: Madame Tussauds, damals noch in der Kalverstraat. Das Original in London hatte ich noch nicht gesehen, obwohl ich Anfang der Siebziger natürlich auch mal in London war, Carnaby Street natürlich und überhaupt das Mekka der Popkultur.

Erinnert sich jemand noch an ‚Nights in White Satin‘? Mein Gott, ich grabe aber auch wieder tief! Den Hit der Moody Blues aus dem Jahre 1967? White Satin habe ich damals noch für einen Stadtteil von London gehalten, so wie Whitechappel. Jack the Ripper kannte ich schließlich schon damals. Nein, natürlich kannte ich nicht Jack the Ripper, den kennt man, soweit ich das weiß, auch jetzt noch nicht, aber die Existenz des Serienmörders, die war mir bekannt.

Ich kam wohl etwas vom Thema ab, es ging um Amsterdam, um Madame Tussauds und letztlich um Den Bosch. Aber dafür wird dieser Text jetzt zu lang.

Zen-Navigation habe ich den Text genannt, weil Douglas Adams eine seiner Hauptfiguren einmal so navigieren lässt. Sie folgt einem zufällig ausgewählten Auto und kommt zwar nicht dort hin, wo sie hin will, dafür aber dort hin, wo sie hin soll.

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7 Gedanken zu “Zen-Navigation

  1. „Nights in white Satin“, natürlich kenne ich den Song, ich kann sogar noch den Text auswendig,
    das Wachsfigurenkabinett dagegen nicht. Hat mich nie interessiert. Dafür war ich in s’Hertogenbosch. Erzähl doch etwas mehr, wie es da heute ist. Bei mir ist es schon länger her, dass ich dort. war.

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  2. In Den Bosch hatte ich den ersten Kontakt mit nederlandse meisjes. Wir waren auf der Durchfahrt und übernachteten in der Jugendherberge. In der Stadt fragten mich zwei Mädchen: „Ben je op vacantie?“, aber ich verstand nichts. Nur der Wortlaut dieser mehrfach wiederholten Frage ist mir in Erinnerung. Doch später auf Texel lernte ich ziermlich schnell Niederländisch und erfuhr, dass vacantie „Ferien“,“Urlaub“ bedeutet.
    Gelungen finde ich diesen Nebensatz, weil er jugendliches Unwissen und Ignoranz wunderbar illustriert:“(…) dass ich durch Barcelona fuhr und den Namen Gaudi nicht kannte, während er mir zu München jederzeit präsent gewesen wäre.“
    Utrecht ist übrigens immer einen Besuch wert, nicht nur als Ersatz für Städte mit unpraktischen Namen, was ich von Kalle oder Lotte nicht weiß. Zu sagen:“Ich wohne in Lotte“, käme mir komisch vor.

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    • Lotte ist größer als Kalle, insofern ist es durchaus wahrscheinlich, dass es in Lotte sowohl einen Kalle als auch eine Lotte gibt, während es eher unwahrscheinlich ist, dass es in Kalle einen Kalle oder gar eine Lotte gibt, weil man dort gern Jan heißt – oder Albert, oder Albert-Jan. Oder Janina, Jana, Janeke.

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  3. Pingback: Hölle, Hölle, Hölle! | Manfred Voita

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